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Alexander Graf und sein Ötzi-Traum

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Von: Toni Schwaiger

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Alexander Graf - Ötztaler Radmarathon
Den Traum „Unter neun Stunden“ mehr als erfüllt: 8:44:59. Alexander Graf bei der Zieleinfahrt im Winter- und Radsport-Mekka Sölden. © FKN

Reichling – Der Ötztaler-Radmarathon, ein Mythos unter ambitionierten Radsportlern. „Ich habe einen Traum“ ist das Motto des Jedermann-Rennens, das weltweit als eines der härtesten gilt. Jahr für Jahr lockt es Tausende Hobby- und Amateurpedaleuere nach Sölden – auch aus dem Landkreis Landsberg. Einer davon war wieder einmal Alexander Graf aus Reichling. Bei seiner vierten Teilnahme an der extremen Herausforderung über vier Alpenpässe wollte sich der 34-Jährige endlich seinen großen Traum erfüllen: „Eine 8 muss vorne stehen!“ Fahrzeit.

Das ist bei einer Strecke von 230 Kilometern und 5.500 Höhenmetern wahrlich kein leichtes Ziel. Die Strecke, mit Start und Ziel in Sölden, führt über Kühtai, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch. Der Traum von einer Zeit unter neun Stunden war in diesem Jahr jedoch schon fast ausgeträumt. Zweifel an der eigenen Stärke machten sich beim 34-Jährigen breit. „Ich war die letzten Jahre entweder zu früh in Form, im Übertraining oder hatte kein Glück mit der Strecke oder dem Wetter –da denkt man schon manchmal ans Aufgeben“.

Die Strecke des Ötztalers ist mittlerweile von Jahr zu Jahr ein Lotteriespiel. Nachdem es im vergangenen Jahr nach einem Felssturz am Kühtai eine Streckenverlängerung gab, waren es heuer auf Grund von Umleitungen knapp 300 Höhenmeter und rund zehn Kilometer mehr. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um das große Ötzi-­Ziel zu erreichen.

Doch Graf ließ sich nicht von seinem Weg abbringen. „Ich habe zum einen mit meiner Familie das beste Team, das man sich vorstellen kann und zum anderen habe ich mich aus meiner Sicht perfekt vorbereitet“. Ein Pfeiler dieser perfekten Vorbereitung ist Trainer Tobias Ganzmann aus Ravensburg, mit dem der Fahrer des AS Cycling Teams vom Ammersee seit diesem Jahr professionell zusammenarbeitet. „Wir haben einen Plan entwickelt, der meine Form das Jahr über stetig gesteigert hat, um dann beim Ötzi in Topform zu sein“. Nichts sollte dem Zufall überlassen bleiben. Zu diesem „Plan“ gehören neben vielen Grundlageneinheiten und Intervallen auch zahlreiche Vorbe­reitungsrennen, die für die notwendige Rennhärte sorgen sollten. „Ich bin so viele Rennen wie noch nie gefahren“, sagt Graf. Auftakt war im März in der Toskana (Strade Bianche), dann der Klassiker Eschborn-Frankfurt und ab Mai ging es in die Berge: Imster Radmarathon, Dreiländer-Giro, Tannheimer Radmarathon und Arlberg-Giro. Im August ging es dann noch ins abschließende Trainingslager nach St. Leon­hard, um die beiden letzten Ötzi-Hürden, Jaufenpass und Timmelsjoch, noch einmal zu testen. „Dort habe ich gemerkt, dass ich jeden Pass wesentlich schneller fahren kann, als in den vergangenen Jahren“.

Die schnelleren Bergzeiten sind auch der Tatsache geschuldet, dass der Reichlinger über das harte Training und eine Umstellung seiner Ernährung rund acht Kilogramm weniger auf die Waage brachte als noch im Winter. „Das macht viel aus, wenn du bei einem Bergmarathon dieser Art weniger Gewicht mit dir rumschleppst“.

Herrlich kühl

Dann war es endlich soweit. Ötzi in Sölden. Ein Riesenrummel. Livebilder schon beim Start um 6.45 Uhr aus dem Helikopter, „Hells Bells“ von ACDC dröhnt aus überdimensionalen Boxen. Gut 4.000 Radsportler scharren mit den Hufen, bis sie endlich auf die mörderische Strecke dürfen. Und die ist zwar länger als sonst, doch das Wetter spielt mit. „Ich mag es kühl und es war den ganzen Tag bewölkt und trocken – also ideal für mich“, sagt Alex Graf. Mit viel Selbstvertrauen ging er das Rennen an und konnte bereits am Kühtai zehn Minuten schneller fahren als in den Jahren zuvor. Danach fand er eine „super Gruppe“, die schön schnell und gleichmäßig bis zum Brenner fuhr.

Obwohl er bereits 140 Kilo­meter in den Beinen hatte, vermochte der Reichlinger auch am Jaufenpass seine Trainingszeiten zu fahren, um sich dann auf den „Scharfrichter“ zu konzentrieren: Mit knapp 1.800 Höhenmetern und 30 Kilometern Länge ist das Timmelsjoch ein echter Alpenriese. Er hat zwischendurch zwei „Flachstücke“ für die körperliche und mentale „Regeneration“, aber die letzten sieben Kilometer mit Steigungsraten im zweistelligen Prozentbereich sind für jeden Athleten nochmal eine besondere Herausforderung.

Alexander Graf - Ötztaler Radmarathon - Timmelsjoch
Von den Strapazen gezeichnet: Alexander Graf am Timmelsjoch. © FKN

„Da helfen dann nur noch positive Gedanken. Etwa an Vater Reinhold, der vor drei Jahren einen lebensgefährlichen Verkehrsunfall mit dem Rennrad hatte und sich durch großen Willen und Leidensbereitschaft zurück ins Leben gekämpft hat. „Für mich eine besondere Inspiration“, gesteht der 34-Jährige. Vaters Kämpfergeist habe er immer vor Augen, auch als ihn am letzten Anstieg kurz vor der Mautstation Timmeljoch starke Krämpfe in den Oberschenkeln plagten.

Dann endlich die rasante Abfahrt nach Sölden mit Spitzen­geschwindigkeiten jenseits der 100 km/h. Im Ziel schien die Zeit für Alex Graf still zu stehen. Natürlich, soll ja auch so sein, wenn man über die Ziellinie rast. „Ich war emotional und körperlich völlig fertig, habe alles gegeben und konnte meinen Augen kaum trauen: 8:44:59 Stunden. Wahnsinn.“ Den Traum mehr als erfüllt. Mit viel Ehrgeiz, Hingabe und Leidensbereitschaft eine enorme sportliche Herausforderung endlich gemeistert. Alex Graf behauptet: „Jeder kann fast jedes Ziel erreichen, wenn man für seinen Traum lebt.“

Ach ja, die Rangliste: Von den 4.122 gestarteten Ötzi-Teilnehmern kamen 3.566 ins Ziel. Alexander Graf als 353. des Gesamtfeldes und 166. seiner Altersklasse. Sieger Jack Burke rollte nach 7:10:13 Stunden über die Ziellinie, bei den Damen hatte die Deutsche Catherine Rossmann mit 8:04:35 die Nase vorn. Toni Schwaiger

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