Nur auf der Straße gedrosselt unterwegs

Eishockeyhoffnung aus Hohenfurch

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Dass Ronja Hark (rot) als eine der ganz wenigen Feldspielerinnen der Liga mit den Jungs mithält, „ist der Wahnsinn“, lobt Martin Schweiger, ihr Trainer bei der Kaufbeurer U17.

Hohenfurch – Vier Mal wöchentlich fahren die Ellenatoren werktags am Kaufbeurer Eisstadion vor. Am Steuer eines dieser ungewohnten Gefährte sitzt Ronja Hark. Ihr Ziel ist das U17-Training des ESVK, denn die 16-jährige Hohenfurcherin gilt als eines der größten weiblichen deutschen Eishockey-Talente ihrer Altersklasse.

Auf der Straße ist so ein Ellenator ein Hingucker: Die umgebauten Autos, bei denen der Abstand der beiden Hinterreifen verkleinert und deren Leistung gedrosselt ist, kommen recht ausgefallen daher, erfreuen sich aber immer größerer Beliebtheit. „So einen haben bei uns mehrere“, erklärt Martin Schweiger. Der 41-Jährige war während seiner Spielerlaufbahn unter anderem einige Jahre Torjäger in Diensten des EC Peiting, vor zwei Jahren beendete er seine Karriere im Trikot seiner Geburtsstadt, als er für die EA Schongau auflief. Heute trainiert er die Kaufbeurer U17; die Nachwuchs-Joker treten in der höchsten Spielklasse, der Division 1 Süd – geläufig als Bundesliga – an.

Mit keineswegs gedrosselter Leistung geht dort Ronja Hark zu Werke, ein Hingucker ist sie auf dem Eis inmitten der Jungs dennoch. „Dass sie als Mädchen in dieser Altersklasse Bundesliga spielt, ist der Wahnsinn“, lobt Schweiger seine Verteidigerin. Weitere Feldspielerinnen fallen ihm noch bei Konkurrent Bad Tölz ein, doch das ist die große Ausnahme. Dass die Hohenfurcherin sich gegen Gegner durchsetzt, die durchaus bereits 85 bis 90 Kilo auf die Waage bringen, „das ist eine Ansage“.

„Härte“, sagt Hark selbst, „ist etwas, das das Eishockey ausmacht“. Den größten Spaß bereiten ihr aber die Momente, in denen Köpfchen gefragt ist. Dann, wenn der Spielaufbau, der erste Pass, an ihrem eigenen Schläger hängt. „Ich bin gern Verteidiger, weil man da mehr nachdenken muss.“ Neben dem Teamsportgedanken und dem Tempo reize sie an ihrer Sportart, „dass du immer bereit sein musst“.

Ohne Schnickschnack

Auch Coach Schweiger bescheinigt ein gutes Verständnis. Stellungsspiel sowie Zweikampfverhalten nennt er als Harks Stärken. Sie spiele kon­stant, setze taktische Vorgaben gut um. „Relativ einfach, ohne Schnickschnack – das schätze ich an ihr.“ Schwachstelle falle ihm nur eine ein: der Schuss. „Das war‘s schon und auch das wird immer besser.“

Seinen Ursprung genommen hatte der Werdegang der heute 16-jährigen Schülerin des Welfen-Gymnasiums (WGS) im Nachwuchs der EA Schongau, in der U10 schloss sie sich dem EC Peiting an. Dass sie heute bei einer der namhaftesten Adressen im Nachwuchs-Eishockey als einziges weibliches Teammitglied Teil der U17 ist, „das empfinde ich als Privileg“.

„Die Jungs im Team machen mir gegenüber keinen Unterschied, wir kommen super aus“, lobt Hark den Mannschaftsgeist, der dazu beitrage, dass sie „Sau-Spaß“ an ihrem Sport hat. Zwei Jahre kann sie dank einer Overage-­Regelung – weibliche Spielerinnen dürfen damit länger in einer Altersklasse bleiben, aus der männliche Gleichaltrige bereits herausgewachsen sind – noch in der U17 verteidigen. „Danach wird es schwierig.“ Der körperliche Unterschied ist dann wohl kaum mehr auszugleichen.

So schätzt es auch Schweiger ein. „Sie ist bei den Damen aber eine der besten, auch in der Nationalmannschaft.“ Lässt es der Kaufbeurer Spielplan zu, läuft Hark für den deutschen Frauenmeister ECDC Memmingen in der Bundesliga auf. „Da stehen dann System und Schnelligkeit mehr im Vordergrund“, beschreibt sie. Überhaupt: „Das Fraueneishockey ist in Deutschland mittlerweile echt gut.“ Härte vermisse sie dort dennoch. Dass je nach Geschlecht die Regelauslegung variiert, „das halte ich nicht für sinnvoll.“ Der Gedanke, vielleicht doch mal bei den Männern zu bestehen, sei schon verlockend. Denn auch als Zuschauer sind es die DEL2 und die NHL, die ihr am meisten zusagen.

Mutig und spielstark

Hark sei bemerkenswert mutig und spielstark, lobt einer, der sie aus einer etwas anderen Warte kennt. „Sie verfügt über eine Unerschrockenheit, die man sogar bei Buben in dieser Ausprägung selten sieht“, beschreibt Gerald Neumeier.

Er betreute die Fußball-Schulmannschaft, mit der das WGS im vergangenen Jahr in Berlin auf den deutschlandweit siebten Platz vorstieß. Der Name, den er zum Vergleich heranzieht, ist ein prominenter: Manuel Neuer. Denn beim Siegeszug des WGS hütete Hark das Tor.

Auch nach dem Ende der Eishockey-Saison ist Fußball daheim in Hohenfurch Harks liebste sportliche Alternative, ihre Ziele setzt sich die 16-Jährige aber im Kufensport.

Hohe Ziele mit Verein und Nationalmannschaft

Mit der Kaufbeurer U17 will sie in der Hauptrunde der Division 1 Süd mindestens auf dem dritten Platz landen, um dann in der Meisterrunde mit den drei besten Nord-Vertretern mitzumischen und dort Anlauf für das Endturnier um die deutsche Meisterschaft zu nehmen. Als Teil der U18-Nationalmannschaft steht Anfang Januar ein großes Highlight an. Dann steigt die Heim-WM in Füssen, bei der der Wiederaufstieg in die Welt­elite, die Top Division, gelingen soll. Beim letzten Versuch im Januar 2019 im österreichischen Radenthein schafften Hark und ihre Mitspielerinnen es bis ins Finale, doch trotz diesem Erfolg war dort Schluss.

Ungefähr einmal monatlich trifft sich das deutsche Team derzeit für gemeinsame Lehrgänge; Ein- und Ausgangstest zur Leistungsdiagnostik überprüfen, wie fleißig sich die Spielerinnen ihrer Form widmen. Vier Eis- und zwei Krafttrainings absolviert Hark wöchentlich beim ESV Kaufbeuren, dazu kommen die Spiele am Wochenende, die unter anderem nach Mannheim, Straubing und Regensburg führen.

Eine starke WM wäre auch die beste Visitenkarte, um nordamerikanischen Scouts ins Auge zu stechen. Denn ein Stipendium, das würde die Hohenfurcherin, die 2021 ihr Abi macht, ebenso reizen, wie die Sportfördergruppe der Bundeswehr. In Sachen Studium steht noch nichts fest: „In die sportmedizinische Richtung könnte es gehen.“

Dieses Wochenende steht mit der Nationalmannschaft ein Zusammenzug in Füssen an; im Dezember proben die Adlerträgerinnen beim 4-Nationen-Turnier in Finnland ihre Form. Das ist dann auch für den Ellenator ein Stück zu weit.

ras

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