"Air Bolt" entschwebt - Armin Hary: "Zweifel bleiben immer"

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Usain Bolt im Berliner Olympiastadion neben einer Anzeigetafel, die seinen Weltrekord darstellt.

Berlin - Die Sportwelt staunt über den Sprinter vom anderen Stern, doch die Zweifel am Überflieger haben sich auch in der Berliner Luft nicht einfach aufgelöst.

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Wie ein Außerirdischer ist Usain Bolt in eine neue Galaxie vorgestoßen und hat mit seinem faszinierenden Sturmlauf alle Gesetze der Schwerkraft scheinbar aufgehoben. 9,58 Sekunden lang hält die Welt am Sonntag den Atem an - mit 41 Schritten und Spitzen-Tempo 45 pulverisiert der Jamaikaner im kürzesten Finale der Leichtathletik-WM seinen eigenen 100-Meter- Weltrekord. Unglaublich: Gleich um 11/100 Sekunden bleibt der 22- Jährige unter seiner Fabelzeit vom Olympiasieg vor genau einem Jahr in Peking. Noch nie seit Einführung der elektronischen Zeitmessung im Jahr 1968 hat es einen solchen Quantensprung auf der kürzesten Sprintstrecke gegeben.

Sun: „Bolt zertrümmert den Weltrekord“

“Bolt zertrümmert den Weltrekord. In dem Stadion, in dem Jesse Owens 1936 vier Mal olympisches Gold gewann, schrieb Bolt nicht nur die Sprintgeschichte neu, er riss sie auseinander“, schrieb die britische “The Sun“ euphorisch. “Jahrhundert-Phänomen“, “Superman“, “Traumrekord“, “Legende“, “Mann vom anderen Stern“, “Rekord für das 22. Jahrhundert“ - die internationalen Gazetten überschlugen sich am Montag förmlich mit ihren Superlativen. “Ein galaktischer Weltrekord: Bolt schreibt im Berliner Olympiastadion Sportgeschichte - übernatürlich!“, jubelte das spanische Sportblatt “As“. Und die “Times“ meinte: “Wir wissen nun, wie schnell dieser Mann wirklich laufen kann.“

Wirklich? Bolt selbst hält eine 9,4 für möglich, Mathematiker sehen das Ende der Fahnenstange bei 9,48. “Man weiß nie, was morgen geschieht“, sagt der schnellste Mann der Welt. Fest steht: Am Donnerstag wackelt im 200-Meter-Finale der zweite Weltrekord. Die 19,30 Sekunden von Peking, da sind sich alle Experten einig, werden Berlin nicht überleben.

“Air Bolt“ muss wohl für Jahre keine Konkurrenz fürchten, seine Widersacher dürften sich wie Passagiere in der “Holzklasse“ gefühlt haben. Titelverteidiger Tyson Gay musste sich trotz US-Rekords von 9,71 Sekunden mit Silber begnügen. Und Asafa Powell, der seinem Landsmann Bolt vor gut einem Jahr die letzte Niederlage zugefügt hatte, wurde in 9,84 Dritter. Vergleich gefällig? Der deutsche Rekord von Frank Emmelmann steht seit 24 Jahren bei 10,06 Sekunden.

Tuttosport: „Ein Rekord zum Fürchten“

Wo soll das alles enden? Und: Geht das alles mit rechten Dingen zu? “Ein Rekord zum Fürchten“, schreibt “Tuttosport“ vieldeutig. Dass Bolt schon mit 22 Jahren ein Jahrhundert-Sprinter ist, hat der 1,96 Meter lange und 88 Kilo schwere Schlaks aus Trelawny zunächst einmal seinem begnadeten Körper zu verdanken. Talent und Fleiß kommen dazu, doch Weltrekorde wie am Fließband machen misstrauisch.

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sehen Sie ein Video des Weltrekord-Laufs von Armin Hary im Jahr 1960

“Mein Gott, Zweifel bleiben immer“, sagte Ex-Weltrekordler Armin Hary, der “Blitz-Bolt“ zusammen mit 51 000 Zuschauern im Stadion live erlebte, am Montag in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. “Einige leben ganz gut mit den Zweifeln, die anderen schlechter“, glaubt der 72-jährige Sprint-Olympiasieger von Rom. “Auf lange Sicht tut so etwas der Leichtathletik nicht gut.“

Hary hatte am 21. Juni 1960 in Zürich für die Sensation gesorgt, als er auf der Aschenbahn die 100 Meter als erster Sprinter weltweit in 10,0 Sekunden rannte. “Bolt müsste sich da mächtig anstrengen, bei seiner Größe und seinem Gewicht auf diese Zeit zu kommen. Mit meinen alten Spikes und vier Zentimeter langen Dornen.“

Bolt: Absage an Aschenbahn

Ein Ausflug auf die Aschenbahn kommt selbst für Show-Man Bolt nie infrage. “Da liegen so viel Steinchen rum, die bremsen, und man kann stolpern“, sagte der Mann des Abends auf einer mitternächtlichen Pressekonferenz. Die 10,0 fand er respektabel, vom schnellen Armin hat er aber nie etwas gehört: “Hary what?“

“Wir müssen all das, was wir über menschliches Leistungsvermögen wissen, überdenken. Ich habe früher über Fantasie-Zeiten von 9,5 Sekunden gesprochen. Er hat Fantasie Realität werden lassen“, meinte Ato Boldon aus Trinidad und Tobago, 1997 Weltmeister über 200 Meter. “Er hat nicht nur die Leichtathletik, sondern den Sport insgesamt auf ein neues Level gehoben.“

“Alles ist möglich“, sagt Bolt immer wieder, Weltrekorde verspricht er nie - er läuft sie. Die Gegner wird er schnell los, die Zweifler nicht. Aber Vorsicht: Alle Dopingkontrollen durch den Weltverband und die nationale Anti-Doping-Agentur JADCO fielen bisher negativ aus. Läuft da etwas im Verborgenen?

Für Bolt waren 160 000 Dollar - 60 000 für seine ersten WM-Titel, 100 000 für den Weltrekord - eine gute Gage für einen Spitzenjob von 9,58 Sekunden. Nach dem 200-Meter-Finale könnte sich die Summe verdoppelt haben, doch Bolt dämpft die Erwartungen. “Ich glaube nicht, dass ich über 200 Meter Weltrekord laufe.“ Grund zum Feiern wird es dennoch wieder geben: Am kommenden Freitag (21. August) wird der größte Junge der Welt 23 Jahre alt.

Von Ralf Jarkowski

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