Was ist e-Sports?

e-Sport-Star Fankhänel im Interview: „Können viel vom Fußball lernen“

In Kottowitz fand Anfang März ein riesen e-Spoirts-Event statt.
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In Kottowitz fand Anfang März ein riesen e-Spoirts-Event statt.

Es gibt aktuell keine Sportart, die dermaßen polarisiert wie e-Sports. Weltweit eine Milliarde Menschen ist regelmäßig in der Cyber-Welt zu Hause. Woher kommt der Hype?

Es gibt aktuell keine Sportart, die dermaßen polarisiert wie e-Sports. Weltweit eine Milliarde Menschen ist regelmäßig in der Welt zu Hause, die man früher als die der Computerspiele kannte. Fußballklubs beschäftigen Profis, die bei ­FIFA18 gegen User antreten. In Südkorea ist e- mittlerweile Volkssport, auch hierzulande locken Turniere mit Shooter- oder Rollenspielen Tausende Fans in die Hallen. Es gibt sogar Bestrebungen, e-Sports ins olympische Programm aufzunehmen.

Für Reinhard Grindel ist das alles der falsche Weg. „Fußball gehört auf den grünen Rasen. Als größter Sportfachverband der Welt müssen wir darauf achten, dass eSports nicht den normalen Sport ersetzt“, sagt der DFB-Präsident. Ganz anders sieht das die Politik. Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) erklärte, eSports stehe „ganz oben“ auf der Agenda. Und der Bund kündigte an, eSports als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anzuerkennen.

„Dies kann man als klaren Angriff der Fachpolitiker im Bereich Digitales, ohne die Sportpolitiker oder gar den DOSB als Dachorganisation des organisierten Sports in Deutschland zu beteiligen, auf die Autonomie des Sports verstehen“, teilte der Deutsche Olympische Sportbund als Reaktion mit. Wir stellen die Welt des e-Sports mit all ihren Facetten und Folgen vor.

Wie würden Sie einem Laien e-Sport erklären?

Robert Fankhänel: e-Sport ist ein digitaler Sport, bei dem man gegeneinander in Computerspielen antritt. Es ist leicht zu lernen, aber schwer zu meistern. Man findet meist recht schnell einen Einstieg, aber die oberen zehn Prozent der Spieler benötigen eine sehr hohe Konzentration und ein sehr langes Training um in der Weltspitze mithalten zu können.

Was bedeutet langes Training? Wie viel muss ich trainieren, um im e-Sport mein Geld verdienen zu können?

Fankhänel: So drei bis vier Jahre – außer man ist ein Ausnahmetalent. Auch wir haben ab und zu einen Ronaldo dabei. Die breite Masse der Spieler hat sehr jung angefangen zu spielen und trainiert um die acht Stunden am Tag. Das ist dann aber nicht nur das klassische Spielen, sondern du musst dich trainieren lassen, strategische Besprechungen mit deinem Team haben, mit dem gesamten Spiel auseinandersetzen und Theorien ausarbeiten. Ein guter e-Sportler braucht bis zu sechs Stunden Theorie am Tag – die restliche Zeit spielt er.

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Lohnt sich der Aufwand? Was kann ich verdienen?

Fankhänel: Das kommt auf den Vertrag an, den man mit dem Verein aushandelt. Wir haben in Deutschland einen e-Sport-verband, den eSport-Bund Deutschland (kurz: ESBD), der unterschiedliche Vereine unter sich gesammelt hat. Dort sollen die Verträge reguliert werden. Ein Spieler, der unter Vertrag steht, kann auch mit Sponsoren Geld verdienen – wie im Fußball auch. Anstatt für Fußballschuhe vermarktet er halt dann Bildschirme oder Grafikkarten.

Um was für Summen reden wir da?

Fankhänel: Das kommt ganz auf das Spiel darauf an. Weltmeister-Teams verdienen aber ähnlich wie Fußballer. Kuro Salehi Takhasomi ein 24-Jähriger Berliner gewann 1,7 Mio. Euro in einem Internationalen Wettkampf. Wir reden also schon von wahnsinnig hohen Preisgeldern auf dem Weltniveau. Im deutschen Raum verdient ein internationaler e-Sportler im Schnitt durch seinen Vertrag zwischen zwei- und dreitausend Euro Brutto. Dazu kommt noch ein Anteil vom Preisgeld.

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Woher kommt eigentlich aktuell der Hype um e-Sport?

Fankhänel: Das liegt vor allem daran, dass sich unsere Welt weiter digitalisiert. Spielkonsolen und PCs haben nahezu jeden Haushalt erreicht. Das liegt sicher auch am Wohlstand in Deutschland, man gibt sein Geld für Elektronik aus. Auch Kinder haben schon eine Konsole oder einen PC. Außerdem sind diejenigen, die früher selber Gameboy gespielt haben jetzt Eltern und haben damit einen anderen Zugang zum Zocken, als jetzt zum Beispiel meine Oma, der ich ein Smartphone erklären muss.

Wie groß ist eigentlich die e-Sport-Gemeinde in Deutschland?

Fankhänel: (lacht) Das kann man kaum noch in Zahlen fassen. Manch ein Verein hat über hundert Mitglieder – obwohl sich der Verband gerade erst gegründet hat. Ich würde sagen, dass es in jedem Haushalt Einen gibt, der gerne spielt und in jedem dritten jemanden, der e-Sport liebt.

Der Stellenwert von e-Sport zeigt sich auch daran, dass über eine Olympiateilnahme diskutiert wird…

Fankhänel: Die Asiatischen Olympischen Spiele haben bereits League of Legends anerkannt. Auch der Olympische Sportbund überlegt, e-Sport als Sport anzuerkennen. Ich möchte aber betonen: Der e-Sport braucht nicht Olympia, sondern Olympia braucht den e-Sport! Von den Zuschauerzahlen haben wir Olympia beinahe überholt. Die Franzosen haben bereits angekündigt, sich League of Legends bei den asiatischen Olympischen Spielen ganz genau anzuschauen. Ich denke Olympia 2024 könnte realistisch sein.

DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte vor kurzem „e-Sport ist kein Sport“.

Fankhänel: Warum baut er Mauern? Man könnte auch voneinander profitieren. Was bringt es ihm das zu sagen? Die anderen Sportarten, wie jetzt zum Beispiel Fußball wären schön blöd zu sagen, dass man in Konkurrenz stehen würde. Wir unterstützen gerne, dass der junge e-Sportler mit seinem Vater den selben Fußballverein anhimmelt. Der eine mag halt den FIFA-Spieler und der andere den Fußballspieler – da hat man doch wieder zwei Generationen zusammengebracht, die beide zusammen zum FIFA-Spiel und ins Fußballstadion gehen. Die Sportarten sind in dieser Hinsicht leider sehr konservativ und verstehen nicht, dass wir sie bereichern und ihnen nicht spinnefeind sind.

Was sagen Sie aber zu Grindels Vorwurf, dass e-Sport kein Sport ist?

Fankhänel: E-Sport ist genauso Sport wie alles andere. In Frankreich wurden wir bereits anerkannt, in Asien sind wir bei Olympia. Sich da so konservativ aufzustellen ist das dümmste was Herr Grindel machen kann. Irgendwann werden die e-Sportler sagen, ‚ok, dann sind wir halt kein Sport und machen unsere eigene Rubrik auf‘. Dann passiert das, was er befürchtet, nämlich dass wir ein Konkurrent sind – und zwar ein ziemlich starker. Wir kommen an dem Medium PC doch gar nicht mehr vorbei! Es gibt sogar offizielle Messungen der Uni Köln, die belegen, dass e-Sport Sport ist. Wir brauchen Konzentration, wir brauchen Reflexe – e-Sport kann mithalten. Ihn stört halt, dass die Spiele sich entwickeln und wir deswegen kein klares Regelwerk haben.

Man sagt ja, dass es ungesund ist wenn man zulange vor dem PC sitzt.

Fankhänel: Bei allem, was man acht Stunden am Tag macht, hat man gesundheitliche Risiken. Ein Sportschütze, der acht Stunden lang schießt, hat auch irgendwann ein kaputtes Handgelenk. Beim e-Sport ist es genauso. Der Leistungssportler muss darauf achten, dass er auch andere Sportarten betreibt – sonst kann er gar nicht über so einen langen Zeitraum die Konzentration halten. Ein Turnier kann bis zu elf Stunden dauern. Der e-Sportler von heute erfüllt nicht mehr das Klischee vom verpickelten kleinen Nerd, sondern er ist ein Leistungssportler. Man braucht einen Ausgleich, wenn man acht Stunden vor dem PC sitzt – das ist ja auch bei einem normalen Büro-Job genauso.

Apropos Leistung. Auch das Thema Doping ist im e-Sport aktuell…

Fankhänel: Es gibt diverse Konzentrationsmittel. Das erste Mal ist das bei einer Meisterschaft aufgefallen. Ein komplettes Team hatte einen extremen Leistungsabfall zum Vortag. Da wurde festgestellt, dass sie Medikamente einnehmen, Durch Adrenalin-Ausstoß wird das Medikament abgebaut und dann fällt man in ein Konzentrationsloch. Bei den meisten Meisterschaften werden Stichproben durchgeführt – wie bei anderen Sportarten. Es gibt aber auch digitales Doping.

Wie funktioniert das?

Fankhänel: Da wird die Hardware verändert. Deswegen wird die vor Turnieren gefilzt. Der Spieler bekommt zu Beginn eine Festplatte, wo das Spiel drauf ist. Danach wird sie ausgelesen und überprüft. Das sogenannte Cheaten, also schummeln, wird dadurch minimiert.

Bringt eigentlich jeder seine Tastatur oder Maus mit?

Fankhänel: Das ist ähnlich wie bei anderen Sportlern. Jeder hat seine eigenen Sponsoren. Dann ist die Tastatur und die Maus von einer bestimmten Marke. Der PC und der Bildschirm werden meistens vorgegeben, dass alle den gleichen Ausgangspunkt haben.

Wir haben ja vorhin kurz über Fußballvereine geredet. Auch der FC Bayern plant ein e-Sport-Team. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Fankhänel: Ich sehe es durchaus positiv. Wir können noch sehr viel vom Fußball lernen, weil die 70 Jahre Vorsprung haben. Wir bekommen einen sehr großen Erfahrungsschatz dazu. So wird die Professionalisierung des e-Sports verbessert. Ich finde es toll, dass die Vereine erkannt haben, nicht nur Basketball oder Leichtathletik anzubieten, sondern sich als Marke verstehen und so die neue Generation Jugend erschließen möchte, die den e-Sport als Sport versteht. Der e-Sport-Markt ist ein Baum mit Millionen von Früchten – aber nur tausend Menschen sitzen darunter. Das Potential ist enorm.

Ist das ein weiterer Schritt zur Massentauglichkeit? Wann wird ein e-Sport-Finale den Stellenwert eines Fußball-Finales haben?

Fankhänel: Die kürzliche WM im Taktik-Shooter Rainbow Six Siege – was aktuell noch eines der kleineren Spiele ist – erreichte vor kurzem so um die 5 bis 10 Millionen Menschen. Wenn wir von League of Legends reden, was ja neben Dota 2 das größte Spiel ist, sind wir bei 40 Millionen Menschen, die die Meisterschaft geschaut haben. Das kommt einer Fußball-WM schon sehr nah. Wenn man bedenkt, dass es nur 170 Millionen Menschen gibt, die e-Sport begeistert sind, schauen im Verhältnis mehr e-Sport, als die Fußball WM. Es gibt statistische Erhebungen, dass e-Sport in den nächsten zehn Jahren von allen Sportarten die höchste Wachstumsrate hat.

E-Sport läuft vor allem über YouTube und der Streamingplattform Twitch.

Fankhänel: E-Sport läuft auch im Free-TV, zum Beispiel bei Sport1 oder ProSiebenMaxx. Die meisten sind aber bei YouTube oder Twitch. Das liegt vor allem an der Handy-Fähigkeit – so schauen die Kids, die sich dafür interessieren. Die Eltern schauen auf dem Fernseher am Abend bislang lieber den Tatort.

Wann ist e-Sport für die Öffentlich-Rechtlichen interessant?

Fankhänel: Spätestens bei Olympia (lacht). Ich glaube, dass die ARD oder das ZDF e-Sport noch nicht für greifbar erachten, weil wir immer noch in einer Professionalisierungsphase sind. Es gibt aktuell nur drei Unternehmen in Deutschland, die die Produktion einer Übertragung stemmen können. Der Aufwand auf Grund der enormen Datenflut ist enorm. Es wird viel mehr mit Animationen, Statistiken und Einblendungen gearbeitet – das kann man nicht mit einer Fußball-Übertragung vergleichen. ARD und ZDF werden das jetzt beobachten – ähnlich wie es der FC Bayern gemacht hat - wie stark der e-Sport wachsen wird. Aktuell liegen die Wachstumsraten bei über 30 Prozent. Ich denke, dass in naher Zukunft e-Sport im Abendprogramm angeboten wird.

Ist das für den e-Sport überhaupt wichtig? Der TV-Markt ist ja rückläufig.

Fankhänel: Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Natürlich wäre es schön in der ARD zu laufen, weil dann auch die Oma darauf aufmerksam wird, wenn e-Sport auf ihrem Lieblingssender läuft. Von den Zuschauerzahlen denke ich, dass das Medium Fernsehen in den nächsten zehn Jahren nicht mehr relevant sein wird. Die Sender werden alle auf Online-Mediatheken umsteigen oder sie werden von Amazon Prime oder Netflix überrannt. ProSieben ist der einzige Sender, dessen Durchschnittszuschauer unter 42 Jahre ist – alle anderen sind 46 Plus. Die Menschen in dem Alter verstehen e-Sport meist nicht und haben dazu keinen Bezug. Die Generation, die noch Fernsehen schaut, rollt gerade raus. Ein Jugendlicher will heute das schauen was er will und wann er will. Das kann er auf YouTube und Twitch. Der e-Sport braucht das Medium Fernsehen nicht.

Florian Fussek

Quelle: tz

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