Erfurter Affäre: Weiter offene Fragen

Köln - Die Diskussion über die Dopingaffäre um den Erfurter Mediziner Andreas Franke setzt sich fort: Es herrscht weiterhin keine völlige Klarheit hinsichtlich eines Verbots der von ihm angewendeten Methode.

Zweifel konnten auch die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und die Nationale Anti Doping Agentur NADA nicht endgültig beseitigen.Der Sportausschuss des deutschen Bundestages wird auf seiner Sitzung am 21. März über mögliche Konsequenzen der Erfurter Affäre beraten. Das bestätigte die Vorsitzende des Ausschusses, Dagmar Freitag (SPD), dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Derweil hat der deutsche Radprofi Marcel Kittel im Zusammenhang mit der Affäre jede erdenkliche Zusammenarbeit mit den Behörden angeboten. „Ich will mich öffnen und möchte absolut transparent sein“, sagte Kittel im SID-Gespräch. Der gebürtige Arnstädter war in einem Bericht der ARD-Sportschau in Verbindung mit den Ermittlungen gebracht worden.

WADA und NADA konnten unterdessen am Mittwoch nicht das erhoffte Licht ins Dunkel bringen. Erst muss die Staatsanwaltschaft Erfurt ihre Ermittlungen (voraussichtlich März) abschließen, daraus zieht die NADA ihre Erkenntnisse, erst dann wird das Deutsche Sportschiedsgericht (DIS) den Fall bewerten.

Vorläufig bleibt umstritten, ob der Arzt Athleten gedopt hat. Dem Mediziner wird von der Staatsanwaltschaft Erfurt vorgeworfen, Sportlern Blut entnommen, dieses einer UV-Behandlung unterzogen und anschließend den Athleten wieder zugeführt zu haben. Franke hatte auch dem Sport-Informations-Dienst (SID) gesagt, er habe dies nur zur Behandlung von Infekten und nur in einem Umfang von jeweils 50 Millilitern getan.

Die lange Liste: Sportstars unter Dopingverdacht

Die lange Liste: Sportstars unter Dopingverdacht

Bei Eisschnelläuferin Claudia Pechstein wurden 2009 auffällige Blutwerte festgestellt. Der Retikulozytenanteil lag bei Proben über dem von der Internationalen Eislaufunion (ISU) festgelegten Höchstwert. Sie bekam eine Sperre aufgebrummt. Pechstein klagt dagegen. © dpa
Jan Ullrich soll in die Doping-Affäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verstrickt gewesen sein. Von seinem Team wurde er suspendiert. Er bestreitet die Vorwürfe. © dpa
Bei der erfolgreichen Sprinterin Katrin Krabbe-Zimmermann wurde im Juli 1992 das Mittel Clenbuterol nachgewiesen. © dpa
Im Oktober 1999 wurde Dieter Baumann positiv auf Nandrolon getestet. Der Wirkstoff stammte angeblich aus einer Zahnpasta. © dpa
Bei der WM 1994 wurde Fußballstar Diego Maradona des Dopings überführt. © dpa
Nach seiner Goldmedaille bei Olympia 1988 in Seoul wurde der Sprinter Ben Johnson positiv getestet. © dpa
2007 gestand Erik Zabel im Rahmen einer Pressekonferenz, bei der Tour de France 1996 eine Woche lang Doping mit EPO betrieben zu haben. © dpa
1992 wurde die Läuferin Grit Breuer überführt. © dpa
John McEnroe hat zugegeben, während seiner aktiven Zeit gedopt worden zu sein. © dpa
Radfahrer Marco Pantani wurde beim Giro d’Italia 1999 wegen überhöhter Hämatokritwerte disqualifiziert. © dpa
1988 hatte Sprinter Carl Lewis bei den US-Ausscheidungskämpfen drei verbotene Doping-Substanzen (Ephedrin, Pseudoephedrin und Phenylpropanolamin) im Blut. © dpa
Negative Schlagzeilen lieferte Ludger Beerbaum 2004, als der deutschen Mannschaft bei Olympia in Athen aufgrund eines positiven Dopingtests von Beerbaums Pferd Goldfever die Mannschafts-Goldmedaille nachträglich aberkannt wurde. © dpa
Bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City gewann der für Spanien startende Langläufer Johann Mühlegg mehrere Medaillen. Kurz darauf musste er alle wegen nachgewiesenen Dopingmissbrauchs wieder abgeben. © dpa
Im Jahre 2004 geriet der Fußballer Marco Rehmer in die Schlagzeilen, als er ohne Absprache mit seinem Verein Hertha BSC ein Medikament nahm, das auf der Dopingliste stand. © dpa
Der Radrennfahrer Tom Simpson kam bei der Tour de France 1967 völlig überraschend ums Leben. Kurz vor dem Gipfel des Mont Ventoux bäumt er sich ein letztes Mal auf. Dann sackt er zusammen. Er flüstert: «Setzt mich wieder auf mein Rad». Dann stirbt er. Höchstwahrscheinlich war Doping im Spiel. © dpa
Nemanja Vučićević wurde 2005 positiv auf die verbotene Substanz Finasterid getestet. Er gab an, ein Haarwuchmittel genommen zu haben. © dpa
1999 wurde Linford Christie positiv auf das verbotene Dopingmittel Nandrolon getestet. © dpa
Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gestand Jörg Jaksche 2007, jahrelang gedopt zu haben. © dpa
Der Sprinter Konstantinos Kenteris und die Sprinterin Ekaterini Thanou entzogen sich 2004 bei Olympia in Athen einem Doping-Test. Die verweigerte Probe wurde als positiv gewertet. © dpa
Dem Fußballspieler Adrian Mutu konnte Kokainkonsum nachgewiesen werden. Das gilt als Doping, und er wurde für sieben Monate gesperrt. © dpa
Am 29. Juli 2006 gab Justin Gatlin selbst eine positive A-Probe auf Testosteron bekannt. © dpa
Im November 2008 wurde der österreichische Radstar Bernhard Kohl für 2 Jahre wegen Dopings gesperrt. Seine Ergebnisse der Tour de France 2008 wurden annulliert. Er hatte Gesamtplatz 3 belegt. © dpa
Sprinterin Marion Jones gestand im Oktober 2007 die Verwendung des Dopingmittels Tetrahydrogestrinon (THG). © dpa
Floyd Landis gewann 2006 die Tour de France. Im Nachhinein wurde ihm der Titel jedoch wieder aberkannt. © dpa
Ex-Eishockey-Spieler Uwe Krupp (M.) war 1990 bei einer WM positiv getestet worden – der erkältete Krupp, damals NHL-Profi in Buffalo, hatte ein Hustenmittel genommen, das Ephedrin enthielt. © dpa
Bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt 2005 wurde der Radfahrer Stefan Schumacher positiv auf Doping getestet. Im Oktober 2008 berichtete die französische Zeitung L’Équipe, dass Schumacher bei der Tour de France 2008 positiv auf das Blutdopingmittel CERA (EPO) getestet wurde. © dpa
Der Deutsche Leichtathletikverband eröffnete im November gegen Nils Schumann ein sportrechtliches Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen. © dpa
Der Radprofi Frank Vandenbroucke ist im Alter von 34 Jahren gestorben. Immer wieder hatte er unter Dopingverdacht gestanden © dpa
Am 18. Juli 2007 gab der Bund Deutscher Radfahrer bekannt, dass bei Patrick Sinkewitz in der A-Probe einer unangemeldeten Trainingskontrolle in den Pyrenäen am 8. Juni 2007 ein deutlich erhöhter Testosteron-Epitestosteron-Quotient festgestellt worden sei. © dpa
Das Pferd von Isabell Werth wurde im Jahr 2009 positiv auf die verbotene Substanz Fluphenazin getestet. © dpa
Am 24. Juli 2007 wurde bekannt, dass Alexander Winokurow beim Sieg im Einzelzeitfahren der 13. Etappe sowie drei Tage später auf der 15. Etappe der Tour de France positiv auf Blutdoping getestet wurde. © dpa
Nach mehr als zehn Jahren voller Vorwürfe hat Lance Armstrong gestanden, bei all seinen sieben Tour-de-France-Siegen gedopt zu haben. Bei US-TV-Talkerin Oprah Winfrey legte er eine Beichte ab: Ja, er habe illegale leistungssteigernde Substanzen wie Epo, Testosteron, Kortison und Bluttransfusionen eingenommen. © dpa

Die NADA machte am Mittwoch auf SID-Anfrage deutlich, dass sie und die WADA eine unerlaubte Handlung in der angewandten Behandlung sehen: „Die NADA teilt mit der WADA die Auffassung, dass die in Erfurt angewendete Blutbehandlung schon seit vielen Jahren verboten ist. Der Passus, der zur Präzisierung des Regelwerks im WADA- und NADA-Code 2011 hinzugefügt wurde, bedeutet nicht im Umkehrschluss, dass die darin näher bezeichneten Methoden zuvor erlaubt gewesen sind.“

Die WADA erklärte in einem dem SID vorliegenden Schreiben zudem, sie sei durch Medien informiert worden über den Fall, habe aber noch keine spezifischen technischen Aspekte der Behandlung in Händen. Allerdings seien bereits ähnliche Fälle in der Vergangenheit untersucht worden. Wenn die UV-Licht-Behandlung bedeute, dass Athletenblut manipuliert und re-injiziert werde, sei der Prozess verboten unter Punkt M2.3 der Liste der verbotenen Substanzen und Methoden.

Die WADA sagt: „M2.2 wurde aufgenommen in die Liste 2011, nachdem die WADA Kenntnis erhielt von verschiedenen neuen Techniken. Auch zuvor war Blutmanipulation verboten unter Punkt M1 und M2, dieses war 2004 Teil der Liste, als die WADA die Verantwortung übernahm.“

Ohne endgültige Erkenntnisse aus dem noch laufenden Verfahren der Staatsanwaltschaft zu haben, hatte Freitag die Methoden des belasteten Sportmediziners Franke missbilligt. „Unabhängig davon, ob das angewendete Verfahren leistungssteigernd ist oder nicht, halte ich es für bedenklich, dass sich Spitzenathleten einer Manipulation ihres Blutes unterziehen“, sagte Freitag.

Die 58-Jährige betonte, dass man seit Jahren gegen diese Vorgehensweise von Sportlern kämpfe. „Aber wir müssen erkennen, dass einige Sportler immer wieder bereit sind, nicht erlaubte Methoden anzuwenden.“

Auch Kittel äußerte sich ausführlich. Der Radprofi hatte den Arzt in 2007 und 2008 bei Krankheit aufgesucht, da er als Sportler aus der Region unter Obhut des Olympiastützpunktes Erfurt fiel, an dem Franke tätig war. Kittel hatte damals auf Anraten Frankes die UV-Behandlung an Eigenblut erhalten. „Ich habe absolut Verständnis dafür, wenn man diese Geschichten hört und sich Gedanken macht. Diese Methode kommt total schräg rüber, gerade im problematischen Kontext Radsport“, sagte er der Süddeutschen Zeitung.

Alle Athleten hätten die Möglichkeit gehabt, die Leistungen Frankes anzunehmen, sagte Kittel dem SID. Er habe 2007 mit 18 erstmals die Behandlung erhalten. „Ich weiß nicht genau, was ich beim ersten Mal hatte. Aber ich war wegen Erkältungen dort und Anfang 2008 wegen einer Angina“, berichtete Kittel.

Franke habe ihm die Behandlungsmethode erklärt und ihn davon überzeugt. „Es klang für mich schon komisch. Aber er ist der Arzt und deshalb hatte ich Vertrauen“. Wie ein „Mini-Solarium“ für das Blut sei das gewesen und habe nur wenige Minuten gedauert. Wirklich wohl sei Kittel nie dabei gewesen und er habe auch „nach Doping gefragt“, doch Franke habe dies verneint. „2008 hatte ich so ein mulmiges Gefühl, dass ich mir sagte: lassen wir das“, sagte Kittel.

SID

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