Über Olympia, sein Gold-Reck und seine Zukunft

Hambüchen im tz-Interview: „Ich muss mich komplett neu finden“

München - Im tz-Interview zum Jahres-Abschluss spricht Fabian Hambüchen über Olympia, sein Gold-Reck und seine Zukunft.

Nach 25 Jahren Anlauf klappte es im August in Rio den Janeiro endlich mit dem ersehnten Olympia-Gold am Reck für Fabian Hambüchen (29). Danach erklärte er seinen Rücktritt von der internationalen Bühne. Das Turnen kann er aber weiterhin nicht ganz lassen, auch deshalb strebt er unter Umständen eine Karriere als Trainer in seiner Heimatstadt Wetzlar an. Ob die Goldmedaille das Beste zum Abschluss seiner Karriere war, verrät Hambüchen im tz-Interview.

Herr Hambüchen, wenn Sie Ihr Leben, nicht nur die Turnkarriere, betrachten, ist die Goldmedaille das Beste, was Ihnen je passiert ist?

Hambüchen (überlegt): Puh, das hat mich noch niemand gefragt. Aber, ja, doch, das kann man so sagen. Mein Leben bestand nur aus Turnen, dafür habe ich alles gegeben, und der Sport hat mich geprägt. Ich habe von klein auf davon geträumt, Olympiasieger zu werden. Vor acht Jahren hatte ich das erste Mal die Möglichkeit, vor vier Jahren noch einmal, in diesem Jahr habe ich die letzte Goldmedaille, die mir noch gefehlt hat, endlich gewonnen.

Das Zweitbeste in diesem Jahr ist wahrscheinlich das Jahresende, wenn alle Rückblicke vorbei sind?

Hambüchen: Seit Rio hatte ich keinen Urlaub, deswegen freue ich mich auf etwas Ruhe, ich fliege zwei Wochen in die Karibik. Strand, Sonne, nichts tun und nur herumliegen.

Was ist das Beste daran, Turner zu sein?

Hambüchen: Das Gefühl, Fliegen zu können, die Körperbeherrschung, die Selbstkontrolle, das fasziniert mich heute noch. Zudem ist jedes Training anders und abwechslungsreich, auch wenn man natürlich ähnliche Abläufe übt. Aber ich gehe noch heute gerne in die Halle.

Und was ist toll daran, kein Profiturner mehr zu sein?

Hambüchen: Ich musste mich während meiner Karriere an unglaublich viele Dinge halten und nonstop diszipliniert bleiben. Heute kann ich beispielsweise essen, was ich will, und die Drucksituation, ständig im Fokus zu stehen, fällt weg, alles entspannt sich ein wenig. Wenn ich jetzt turne, versuche ich den Spaß und die kindliche Freude, das, warum ich angefangen habe, wieder vermehrt zu entdecken. Das geht schnell verloren, wenn man sich auf Medaillen und Rekorde konzentriert.

Auf Ihr Olympiagold mussten Sie lange warten. Wie lange waren die Minuten in der Halle in Rio? Sie waren im Finale als Erster an der Reihe und mussten danach alle abwarten.

Hambüchen: Es kam mir vor, wie eine Ewigkeit. Wobei, das Zeitgefühl hatte ich in diesem Moment so gar nicht, der Wechsel von Anspannung und Entspannung zwischen den Übungen und den jeweiligen Bewertungen war das Schlimmste. Man kennt den Ausgangswert der Übungen der Konkurrenten, schaut auf die Ausführung, sucht nach Fehlern und rechnet im Kopf mit.

Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: „Verdammt, der war besser als ich!“

Hambüchen: Nein, meiner Meinung nach war ich nie raus aus der Nummer. Nach Epke Zonderlands Absturz war die Tür offen für mich. Der Amerikaner Danell Leyva hatte es zum Schluss noch einmal in der Hand, aber auch seine Übung war nicht perfekt. Da der Oberkampfrichter auch ein Amerikaner war und man als Letzter immer einen kleinen Bonus hat, habe ich noch kurz gezittert. Letztlich waren die 0,25 Punkte Vorsprung nicht überdeutlich, aber es geht im Turnen schon auch noch knapper.

Einige Sportler fallen nach einer langen Karriere in ein Loch. Sie studieren Sport, wollen vielleicht Trainer werden, kurzum: Um Sie muss sich niemand sorgen, oder?

Hambüchen: Nein, das glaube ich nicht, aber man muss sich umgewöhnen und komplett neu finden. Ich habe jahrelang auf ein Ziel hingearbeitet, hatte eine feste Tagesstruktur und wusste immer, was am nächsten Tag passiert. Jetzt kann ich plötzlich spontan sein und muss mich nicht ständig an feste Vorgaben halten.

In Zeiten von drohenden Leistungssportreformen fürchten viele Randsportarten um ihr Dasein. Haben Sie Angst, dass das Turnen in Deutschland verschwinden könnte?

Hambüchen: Fußball steht über allem, das ist klar, aber auch der Turnsport, der auf Turnvater Jahn zurückgeht, ist in unserem Land ein sehr traditioneller Sport. Turner wird es immer geben, das zeigen auch die aktuellen Zahlen in den Vereinen. Die Frage ist nur, auf welchem Niveau? Um weiter vorne mitzuspielen ist eine Förderung an der Basis nötig, wenn nichts nachkommt, ist es schwierig. Bestes Beispiel sind die Schwimmer, da war Deutschland früher in der Spitze, im Moment hinken sie etwas hinterher.

Was uns zur letzten Frage führt. Die Lieferung Ihres Gold-Recks hinkt auch hinterher, haben Sie noch Hoffnung?

Hambüchen: Dass es dieses Jahr nicht mehr klappt, war schon länger klar, Mitte Dezember hatte ich noch einmal mit dem Hersteller gesprochen. Es gab Probleme beim Zoll und bei der Verfrachtung, aber spätestens im Frühjahr, zu Ostern, sollte es klappen.

Interview:­ Mathias Müller

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