Trotz Korruption- und Dopingskandale

Kommentar: Was Profisport für Fans noch attraktiv macht

München - Die Welt befindet sich im Wandel. Für den Sport sorgen Korruption- und Dopingskandale für Ärger. Was macht der Profisport für Fans noch attraktiv? Eine Erklärung von Ludwig Krammer.

Die Welt befindet sich im Wandel. Die Globalisierung, die Digitalisierung, die Kommerzialisierung, all diese Veränderungen sorgen auch im Sport für neue Rahmenbedingungen. Die tz blickt deshalb in einer großen Serie voraus. In den kommenden Tagen sprechen Fanforscher Harald Lange, Rekordnationalspieler Lothar Matthäus und die Schauspieler Thomas Darchinger und Götz Otto über die Zukunft des Sports. 

Was Profisport für Fans noch attraktiv macht

Doping, Korruption, Wettmanipulation, Geldwäsche – nein, an seiner Glaubwürdigkeit und Integrität liegt es nicht, dass der Profisport nach wie vor ein gigantisches Publikum findet. Gier und Betrug taugen heutzutage schlicht nicht mehr zur Abschreckung. Weder in der Wirtschaft, wo sich Steuervermeider wie Amazon und IKEA ungebremster Beliebtheit erfreuen, noch in der Sportwelt, wie die Einschaltquoten beim Fußball und bei den Olympischen Spielen beweisen.

Ach, noch ein gedopter Russe? Mei, der Dings auch ein Steuerbescheißer? Schlimm... Und wann ist jetzt noch mal dieses Champions-League-Rückspiel?

Die Halbwertzeit der Empörungen scheint inzwischen im umgekehrten Verhältnis zur Frequenz der Enthüllungen zu stehen. Und die Strippenzieher bei FIFA, UEFA und IOC nutzen die Verdrängungsmechanismen ihrer Kundschaft nach der „Ist-der-Ruf-erst-ruiniert“-Logik: Wer sich jetzt noch nicht abgewendet hat, der bleibt uns für immer treu.

Tatsächlich?

Noch läuft die Maschinerie. „Der Fußball hat offenbar eine Gemeinsamkeit mit der Religion: Die Gläubigen wollen sich ihren Glauben nicht nehmen lassen“, sagte der Philosoph und Sportfan Peter Sloterdijk kürzlich in der Zeit. Was den Verbänden und den vom Fernsehgeld berauschten Kick-Unternehmen ein Gefühl der Unverwundbarkeit verleiht, ist der besondere Charakter der Mannschaftssportarten. Teamgeist als Faszinosum, als strahlender Kern, der sich auch mit Doping und absurden Gehältern nicht verunreinigen lässt – darauf ist Verlass. Und doch beginnt das Konstrukt zu bröckeln. Zu beobachten ist dies bereits in der englischen Premier League. Dort hat Sky im ersten Saisondrittel einen Zuschauerschwund von fast 20 Prozent verzeichnet. Beim Konkurrenten BT Sport brach die Quote an manchen Champions-League-Abenden um bis zu 40 Prozent ein. Nicht wirklich überraschend angesichts der Tatsache, dass sich mit wenigen Ausnahmen stets die selben Klubs für die K.o.-Runden qualifizieren.

Bundesliga kaum noch attraktiv

In der Bundesliga ist die Attraktivität noch überschaubarer. Immerhin konnte RB Leipzig bis zum 16. Spieltag eine gewisse Schein-Spannung erzeugen, ehe der FC Bayern dem Emporkömmling im direkten Duell die Grenzen aufzeigte. Zur Langeweile kommt die Übersättigung. Im Fußball scheint die Grenze erreicht. Schon die jüngste EM in Frankreich war mit 24 Teilnehmern überbesetzt, das Weltturnier soll gar auf 48 Teams aufgeblasen werden. Zu welchem Preis? Bundestrainer Joachim Löw warnt bei jeder Gelegenheit vor einer „Verwässerung“ des sportlichen Wettbewerbs. Auch Carlo Ancelotti gab unlängst zu bedenken, dass der Fußball „zu sehr ausgepresst“ werde. Mittelfristig bestehe das Risiko, dass bei sinkender Qualität auch das Interesse nachlasse.

Ob dies zu einer Renaissance anderer Sportarten führen wird, sei dahingestellt. Der Bedarf an spannender Unterhaltung wird allerdings kaum sinken. Noch mal Sloterdijk: „Wir erleben in unserer Freizeit sehr wenig echte Herausforderungen. Es klagen zwar alle über Stress, aber in Wirklichkeit sind die Stresssysteme des Menschen unterbeschäftigt. Daher suchen wir künstliche stressorische Situationen: Karneval, Kirmes, Tatort, Fußball.“ Es gab schon abwegigere Thesen.

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