Der Gewalt entkommen

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Nach­mit­tags, gegen halb fünf. Gleich müss­ten sie kom­men, wie jeden Tag. Moses, Annie und die an­de­ren. 30 bis 40 Teen­ager und Ju­gend­li­che. Con­nie Henry sitzt auf einer Park­bank vor einem Sport­zen­trum und ver­sucht zu er­klä­ren, wie sie leben.

„Sie haben es nicht leicht“, sagt Con­nie, „sie wach­sen auf in einer Ge­gend vol­ler Ban­den und Dro­gen, sie müs­sen her­aus­fin­den, wer sie sind und was sie wol­len und haben nie­man­den, der ihnen hilft.“ Die El­tern ste­cken in ihren ei­ge­nen Iden­ti­täts­kri­sen, sind un­ge­bil­det, meist über­for­dert. Ori­en­tie­rung? Per­spek­ti­ve? „Wie denn?“, fragt Con­nie, die ein­mal in einer Schu­le in der Ge­gend un­ter­rich­te­te. Geo­gra­fie. Da war ein Junge, der sich de­mons­tra­tiv des­in­ter­es­siert gab. Sie frag­te warum. Der Junge: „Warum soll ich mich für die Welt in­ter­es­sie­ren?“ Er war 15 und noch nie aus­ser­halb von Lon­don.

Die Gewinner des Laureus Award seit 2000

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Laureus Award Gewinner
Der Laureus Award wird auch als Oscar des Sports bezeichnet. © dpa
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Die Ge­schich­te spielt in Wil­les­den, Brent Bo­rough, North Lon­don. Wo ein­för­mi­ge Häus­chen zwi­schen klei­nen Parks und Bäu­men ste­hen, die Back­stein­fas­sa­den ver­ru­ßt, im Vor­gar­ten Ramsch. In der High Road, der Wil­les­den Lane, den Haupt­stras­sen, reiht sich Wett­bü­ro an Wasch­sa­lon an Schnell­rei­ni­gung an Piz­zabu­de an chi­ne­si­schen Schnell­im­biß. Auf den Geh­stei­gen In­de­rin­nen in Saris, mus­li­mi­sche Frau­en mit ver­schlei­er­ten Ge­sich­tern. Vor den Pubs rau­chen­de Män­ner mit roten Nasen. „Wil­les­den ist nicht das Lon­don, das man aus dem Fern­se­hen kennt“, sagt Con­nie, „hier ist nicht Bucking­ham Pa­lace, Not­ting Hill oder Chel­sea, hier gibt es Ar­beits­lo­sig­keit und Kri­mi­na­li­tät, hier gehen die Kids auf einer ganz dün­nen Linie – ent­we­der du über­nimmst so­zia­le Ver­ant­wor­tung oder du wirst Dro­gen­händ­ler.“

Con­nie ist eine große, ath­le­ti­sche Frau. Drei­sprin­ge­rin ge­we­sen, am­bi­tio­niert, nie ganz vorne dabei. Ihre beste Plat­zie­rung war Rang drei bei den Com­men­wealth­spie­len 1998. Und auch das, sagt sie, habe sie we­ni­ger ihrer sport­li­chen Be­ga­bung zu ver­dan­ken. „Was ich kann, ist fo­kus­sie­ren, und ich bin in allem, was ich tue, un­nach­gie­big.“ So war das auch 2007, als die Be­trei­ber des neuen Sport­zen­trums in Wil­les­den Con­nie frag­ten, ob sie das Sta­di­on und die Um­klei­den nicht für eine Leicht­ath­le­tik­schu­le mie­ten wolle. Con­nie woll­te. Sie ver­lang­te 1,20 Pfund pro Trai­ning pro Per­son und hatte ein Pro­blem. Ob­wohl am ers­ten Tag 50 Kids er­schie­nen, reich­te das Geld nicht, um Miete, Trai­ner und sich ein Ge­halt zu be­zah­len. Dar­auf­hin be­tei­lig­ten sich ei­ni­ge Schu­len an den Kos­ten. Doch auch das reich­te nicht, je­den­falls nicht für Con­nies Ge­halt. Im Früh­ling 2009 lag sie mit Wind­po­cken im Bett und wuss­te: „Ich habe noch zwei Mo­na­te Geld und Wil­lens­kraft übrig.“

Heute trai­nie­ren in Con­nie Henry’s Track Aca­de­my 500 Kin­der und Ju­gend­li­che. Be­treut wer­den sie von zehn Trai­nern. Ge­ret­tet hat Con­nie zu­nächst der Lon­don Sports Trust, eine ge­mein­nüt­zi­ge Or­ga­ni­sa­ti­on, bei der die frü­he­re bri­ti­sche Sprin­te­rin Na­ta­sha Dan­vers ar­bei­tet. Dan­vers war be­geis­tert von Con­nies Phi­lo­so­phie, nicht nur sport­li­che Leis­tun­gen zu för­dern. Con­nie sagt: „Wenn wir einen Olym­pio­ni­ken pro­du­zie­ren soll­ten – feine Sache, aber es geht bei uns ge­nau­so um so­zia­le und aka­de­mi­sche Ent­wick­lung.“ Wer bei ihr trai­niert, muss zur Schu­le gehen einen Job haben oder sich um einen be­mü­hen. Fünf Men­to­ren fun­gie­ren als Le­bens­be­ra­ter, es gibt einen Nach­hil­fe­leh­rer. Con­nie selbst ver­steht sich als „Coach, Freun­din, Er­satz­mut­ter, Leh­re­rin und Psy­cho­lo­gin.“ Streng ist sie in jeder Rolle. „Du kommst pünkt­lich zum Trai­ning, du nimmst beim Essen deine Ka­pu­ze ab, du schreibst keine SMS, wenn du mit je­man­dem am Tisch sitzt.“ Ihr Credo: „Ohne Dis­zi­plin kein Er­folg – im Sport wie im Leben.“

Neh­men wir Moses Bawo, 20, Sohn ni­ge­ria­ni­scher Ein­wan­de­rer, ein ta­len­tier­ter Sprin­ter. Doch dann ver­lieb­te sich Moses in ein Mäd­chen, ge­riet da­durch in du­bio­se Krei­se, ging von der Schu­le ab. Con­nie be­stell­te Moses’ Mut­ter ein, sie bot dem Jun­gen an, als As­sis­tent bei ihr zu ar­bei­ten, ein­zi­ge Be­din­gung: Zu­rück in die Schu­le oder Schluß mit Leicht­ath­le­tik­schu­le. Moses sagt: „Das war ein Au­gen­öff­ner, da­durch habe ich ka­piert, dass man ein Ziel braucht im Leben.“ Er liess die Freun­din sau­sen, ging zu­rück zur Schu­le und spar­te das Geld, das er bei Con­nie ver­dien­te, für eine Reise nach Ka­li­for­ni­en. Zu­sam­men mit drei an­de­ren von Con­nies Ath­le­ten trai­nier­te Moses bei Chris­ti­ne Ohu­ru­ho­gu, Olym­pia­sie­ge­rin über 400 Meter in Pe­king 2008. Sie mach­ten ihre Wä­sche selbst, koch­ten für­ein­an­der und waren, wie Ohu­ru­ho­gu be­fand, „fan­tas­ti­sche Schü­ler“. Moses, der in­zwi­schen Sport und Be­we­gungs­leh­re stu­diert, sagt: „Die Leicht­ath­le­tik­schu­le ist mein Werk­zeug, um den rich­ti­gen Weg zu fin­den.“

Oder neh­men wir Annie Tagoe, 17, mit sie­ben aus Ghana nach Lon­don ge­kom­men. Annie kam vor zwei Jah­ren zu Con­nie, bes­ser ge­sagt, Miss Good­win, ihre Leh­re­rin, hat sie ab­ge­lie­fert. Miss Good­win sagte zu Con­nie, das Mäd­chen sei smart, be­gabt, aber nach 32 Schul­ver­wei­sen wüss­ten sie nicht mehr, wie sie ihr hel­fen könn­ten. Annie er­zählt: „Con­nie war vom ers­ten Tag an sehr strikt mit mir, aber sie hat mich auch in allem total un­ter­stützt, sie war immer da, wenn ich sie brauch­te.“ In­zwi­schen hat Annie an der Ju­gend­olym­pia­de in Sin­ga­pur teil­ge­nom­men, wo sie Vier­te über 100 Meter wurde und mit der Sprint­staf­fel Bron­ze ge­wann; dazu wurde sie bri­ti­sche Ju­gend­meis­te­rin über 60 Meter. „Es ist ein­fach ein gutes Ge­fühl“, sagt Annie, „ich tue etwas für mein Land, ich kann rei­sen, ich bin etwas Be­son­de­res.“ Con­nie sagt: „Sie hatte frü­her keine Kon­trol­le über ihre Emo­tio­nen, heute kann sie die auf der Lauf­bahn aus­le­ben und dabei po­si­ti­ve Er­fah­run­gen ma­chen.“ Annie: „Wenn ich laufe, kann ich ganz ich sein.“

Vor ei­ni­gen Wo­chen nahm die Lau­reus Sport for Good Foun­da­ti­on Con­nies Leicht­ath­le­tik­schu­le in den Kreis der Pro­jek­te auf, die sie för­dert. Das Fern­se­hen war da. Die El­tern der jun­gen Ath­le­ten kamen in Sonn­tags­klei­dung. Auf einem Po­di­um sas­sen Mit­glie­der der Lau­reus Aca­de­my: Se­bas­ti­an Coe, Mi­cha­el John­son, Steve Red­gra­ve. Ein Mit­tel­stre­cken­läu­fer, ein Sprin­ter, ein Ru­de­rer. Le­gen­den, üppig de­ko­riert mit olym­pi­schen Gold­me­dail­len, Welt­meis­ter­ti­teln. Sie spra­chen von der Kraft des Sports. Dass Sport Leben ver­än­dern könne. Wie er über Sieg und Nie­der­la­ge hin­aus Halt gebe und Werte ver­mit­te­le. Con­nie sagte: „Wir alle brau­chen Vor­bil­der, auch wir stre­ben hier nach den best­mög­li­chen kör­per­li­chen Leis­tun­gen, aber un­se­re Kin­der ver­ste­hen auch: Was du als Ath­let ma­chen kannst, ist nichts, wenn du dich nicht als Mensch ent­wi­ckelst.“

Ein schö­ner Event. Die El­tern lies­sen sich mit den Stars fo­to­gra­fie­ren. Coe nann­te scherz­haft Con­nie „Miss Un­nach­gie­big“. Die Leh­re­rin einer na­he­ge­le­ge­nen Schu­le sagte: „Sport und Er­zie­hung pas­sen per­fekt zu­sam­men.“ Moses’ Mut­ter, hielt eine Rede. Uka­chi Bawo sagte: „Un­se­re Kin­der müs­sen ihren Kör­per und ihr Ge­hirn be­schäf­ti­gen, damit sie nicht ver­lo­ren gehen, Sport gibt ihnen die Ami­bi­ti­on, etwas Bes­se­res aus ihrem Leben zu ma­chen, und sie gibt ihnen den Glau­ben an sich selbst.“ Da­nach kam ein klei­nes, schlan­kes Mäd­chen auf auf das Po­di­um. Es trug lila Lip­pen­stift und steil nach oben ge­gel­tes Haar. Annie. Auf die Frage nach ihren Er­fol­gen, ant­wor­te­te sie nicht mit Me­dail­len oder Best­zei­ten, son­dern sagte: „Ich habe hier ge­lernt, meine Be­neh­men zu ver­bes­sern.“ Und dann gin­gen alle hin­aus ins Sta­di­on, und die Stars lie­fen zum Spaß gegen die Kids auf und ab für die Fo­to­gra­fen.

Gleich 17 Uhr. Con­nie muss los, sie sind in­zwi­schen ge­kom­men. Moses, Annie und die an­de­ren war­ten. Doch bevor sie geht, sagt sie: „Mir tun die Ju­gend­li­chen von heute leid. Sie haben 20 Fern­seh­pro­gram­me, Com­pu­ter­spie­le, In­ter­net, Mo­bil­te­le­fon, so­zia­le Kom­mu­ni­ka­ti­on hin­ten und vorne. Sie kön­nen stän­dig in ir­gend­ein Gerät ir­gend­was ein­ge­ben und be­kom­men eine Ab­len­kung, eine Sen­sa­ti­on, eine Il­lu­si­on. Sie wer­den in einer Welt so­zia­li­siert, in der alles schnell und flüch­tig ist und am Ende alles nichts be­deu­tet. Wie kön­nen sie dabei zu ihrer in­ne­ren Stim­me fin­den?“

Blau­er Him­mel über den Back­stein­häu­sern. Durch die Bäume streicht ein war­mer Wind. „Wir müs­sen ihnen hel­fen, sich auf ihre in­ne­re Stim­me zu be­sin­nen“, sagt Con­nie, „wie allen jun­gen Leute sagt ihnen ihre Stim­me: ‚Du kannst etwas, du bist aus­ser­ge­wöhn­lich.’“

Laureus

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