Herren-Cheftrainer im Interview zum Saison-Start

Berthold über Neureuther „extrem positiv überrascht“, aber Start in Sölden fraglich

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Erlaubt der Rücken einen Start am Sonntag beim Weltcup-Auftakt? Felix Neureuther entscheidet kurzfristig.

Herren-Cheftrainer Mathias Berthold über den Auftakt in Sölden, Reformen des Internationalen Skiverbandes und einen Winter, in dem die deutschen Abfahrer besonders stark im Blickpunkt stehen.

Sölden – Am kommenden Sonntag starten die Ski-Herren mit dem Riesenslalom in Sölden in die neue Weltcup-Saison. Auch Felix Neureuther? Den Vorfahrer im deutschen Team zwickte zuletzt erneut der Rücken. Wir sprachen mit Herren-Cheftrainer Mathias Berthold über den Auftakt in Sölden, Reformen des Internationalen Skiverbandes und einen Winter, in dem die deutschen Abfahrer besonders stark im Blickpunkt stehen.

Mathias Berthold, kehrt Felix Neureuther in Sölden auf die Rennpiste zurück, fast ein Jahr nach seinem Kreuzbandriss?

Mathias Berthold: Felix laboriert derzeit ein bisserl am Rücken. Nach zwei Trainingseinheiten am Freitag und Samstag werden wir entscheiden, ob ein Start hundertprozentig Sinn macht. Auch bei Fritz Dopfer (Adduktorenprobleme/d.Red.) fällt die Entscheidung kurzfristig. Stefan Luitz fährt auf jeden Fall, wir haben noch Junge wie Benedikt Staubitzer, Julian Rauchfuss und Fredy Norris.

Das Knie bei Felix macht also keine Probleme?

Berthold: Das Knie war nie ein Thema, er hat keinerlei Schmerzen. Obwohl wir bei extrem schwierigen Verhältnissen im Pitztal trainiert haben, bei Eis und sehr unruhiger Piste – das Knie hält perfekt. Ein körperlicher Rückstand ist natürlich da. Wenn du ein Jahr keine Wettkämpfe gefahren bist – der Druck in den Kurven, diese Fliehkräfte, da musst du dich wieder hintasten. Besonders bei Felix sind Kreuz und Knie immer ein Thema, deshalb ist wichtig, nicht zu übereilen. Er fährt sehr gut Ski, aber wenn es ihm nicht hundertprozentig gut geht, dann fährt er in Sölden nicht. Wir wollen nicht gleich zu Saisonbeginn riskieren, dass sich die Probleme verschlechtern. Da gehen wir auf Nummer sicher.

Muss man ihn bremsen?

Berthold: Das ist nicht so leicht. Er hat unheimlichen Spaß am Skifahren. Er möchte unbedingt. Ich war extrem positiv überrascht beim Sommertraining in Saas Fee (Schweiz/d.Red.), wie der gefahren ist. Felix hat letztes Jahr mal anklingen lassen, dass er nur noch Slalom fährt, aber wenn ich mir anschaue, mit welcher Begeisterung er Riesenslalom-Tore fährt, ist das schon eine coole Geschichte.

Schöne Überraschung?

Berthold: Mich überrascht, dass er schon so weit ist. Für mich war der Felix im letzten Herbst der beste Felix, den ich je gesehen hat. Jemals. Das war unglaublich, wie er in Levi Slalom gefahren ist (und seinen letzten Sieg feierte/d.Red). Felix trainiert immer viel – wenn man es ihm erklärt. Speziell beim Konditionstraining.

Vor genau einem Jahr wurde er Vater (Matilda kam am 14. Oktober 2017 zur Welt). Da hat man andere Dinge im Kopf als Slalom-Stangen ...

Berthold: Ich hatte die Befürchtung: Miri (Frau von Felix Neureuther) bekommt das Kind, er wird Vater – wie wird das jetzt? Wir haben gewusst, das Geburtsdatum fällt gerade in eine Zeit, wo trainieren angesagt ist, und wir wissen, was der Felix für ein Familienmensch ist. Aber tagtäglich hat er Vollgas gegeben! Die Motivation passt einfach bei ihm.

Merken Sie Unterschiede zwischen dem Rennfahrer Felix Neureuther von früher und jenem als Papa?

Berthold: Er bringt das super unter einen Hut. Ich habe nie gemerkt, dass irgendwas anders ist. Felix ist so, wie er immer gewesen ist – für unser Team ein sehr wichtiger Bestandteil, einer, an dem sich die Jungs messen können im Training, der auch mal einem jungen Athleten sagt: ,Jetzt gib mal a bisserl Gas!‘ Felix ist einfach ein Teamplayer.

Saisonhöhepunkt im kommenden Winter ist die WM in Are. Da hat Neureuther noch eine Rechnung offen, weil er dort bei der WM 2007, als Zweiter des ersten Durchgangs, im Finale ausschied und eine Medaille verschenkte.

Berthold: (lacht) Da war ich Trainer bei den deutsche Damen – wir haben auch nix gerissen. Ich kann mich noch gut erinnern: Die deutschen Jungs sind taktisch deppert gefahren. Die sind oben in den Hang brutal reingefahren, wie die Wilden, und haben unten auf den letzten zehn Toren verloren. Der Hang in Are liegt Neureuther eigentlich. Und Felix hat bei den letzten drei Weltmeisterschaften Medaillen geholt, er kann das. In St. Moritz (Bronze 2017/d.Red.) unter sehr schwierigen Voraussetzungen.

Schlüpft Thomas Dreßen bei den Abfahrern – wegen seines Kitzbühel-Sieges und Platz drei im Abfahrtsweltcup – in eine Teamleader-Rolle wie Neureuther bei den Technikern?

Berthold: Die beiden Gruppen lassen sich nicht vergleichen. Unsere Abfahrtsgruppe ist ein richtiges Team, eine „eingeschweißte Partie“. Josef (Ferstl), Andi (Sander), auch Klaus Brandner, der wieder zurückgekommen ist (nach Kreuzbandriss/d.Red), dann Tom (Dreßen), dazu noch zwei Junge – das ist ein Wahnsinn, was die für ein Team sind. Wie die miteinander umgehen, sich helfen. wie sie mit uns sprechen – so habe ich das als Trainer noch nie erlebt.

Seit 2014 sind Sie deutscher Herren-Cheftrainer. Da hat sich einiges bewegt . . .

Berthold: Die Situation war außergewöhnlich. Als ich Trainer geworden bin und gottseidank Christian Schwaiger als Speedtrainer gewinnen konnte, habe ich gesagt: ,So Jungs: Eigentlich gibt es euch nicht mehr (das deutsche Abfahrtsteam stand fast vor der Auflösung/Anm. d.Red.), aber wir vertrauen euch. Und jetzt marschieren wir!‘

Und jetzt sind Sie voll da!

Berthold: Es ist okay, aber noch ein langer Weg, dort hinzukommen, wo wir wirklich hinwollen. Wir müssen noch viel besser werden in verschiedenen Bereichen: skitechnisch, auch mental. Aber wir haben eine coole Mannschaft. Die Jungs haben bis jetzt jede Bereitschaft gezeigt, sich zu verbessern. Der Sport an sich verbessert sich ja schon laufend – wenn du nur einen Moment stehen bleibst, bist du nicht mehr dabei.

Mathias Berthold (l., hier mit Thomas Dreßen) ist begeistert von seinen Abfahrern: „So habe ich das als Trainer noch nicht erlebt.“

Die Abfahrer haben letzte Saison das deutsche Herren-Team „gerettet“, weil die Techniker Felix Neureuther und Stefan Luitz (beide Kreuzbandriss) verletzt ausfielen.

Berthold: Verletzungen tun uns als kleiner Mannschaft natürlich extrem weh. Solche Ausfälle kann vielleicht eine österreichische, französische, italienische Mannschaft besser verkraften als wir. Wenn dir die Besten ausfallen, wie letzte Saison Felix und Stefan, unsere Erfolgsgaranten, kann das keine Mannschaft der Welt kompensieren. Das war hart für uns.

Aber die Anerkennung nach den Abfahrtserfolgen muss doch Balsam gewesen sein.

Berthold: Wir sind letztes Jahr oft angesprochen worden nach den Siegen von Ferstl und Dreßen, es entwickelte sich eine Euphorie um das Abfahrtsteam. Aber ich habe immer gesagt: Wir spüren eigentlich keine Euphorie im Team. Für uns war das okay. Wie auf einer Checkliste: „Zack, erstes Podium, zack, erster Sieg – abgehakt“.

Vor allem Dreßen scheint in der Spur, ein richtig großer Abfahrer zu werden.

Berthold: Auf alle Fälle. Ob er Kitzbühel wieder gewinnen wird oder nicht, hängt auch von der Konkurrenz ab. Er hat es ja bewiesen, er hat auch noch in Kvitfjell gewonnen. Beim Finale in Are hätte er beide Rennen gewinnen müssen. Da war ich nicht zufrieden, trotz Platz fünf.

Der Internationale Skiverband reduziert die Startplätze, um das Teilnehmerfeld kleiner und exklusiver zu machen. Pro Nation dürfen höchstens noch acht Läufer starten, was vor allem die großen Nationen Österreich und Schweiz betrifft . . .

Berthold: . . .  wir hatten neun Plätze im Slalom, können in Levi im November auch nur mit acht Leuten fahren. Die FIS will weiter reduzieren auf maximal fünf – dann wird uns das genauso treffen wie Österreicher und Schweizer.

Begrüßen Sie, dass der Ski-Weltcup exklusiver werden soll?

Berthold: Dass er exklusiver wird – keine Einwände. Aber die Art und Weise, wie es gemacht wird, da habe ich massive Bedenken. Wenn man einfach hergeht und sagt, maximal soundsoviele Läufer, ist das nicht gerechtfertigt gegenüber den großen Nationen. Wenn sie nur noch 60 fahren lassen wollen, muss man normal die Top 60 der Weltrangliste nehmen. Das wäre okay. Das wäre eine Reduzierung, die auch mit Qualität zu tun hätte. Der Plan ist gegenüber den Ländern, die soviel Geld in den Ski-Sport investieren wie wir, ziemlich unfair.

Das Gespräch führte Jörg Köhle

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