„Manchmal muss man schreien“

tz-Interview: Biathlon-Trainer Reiter über Gössner und seine Rolle

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Miriam Gössner in der Loipe.

München - Im tz-Interview spricht DSV-Co-Trainer Tobias Reiter über Tiefschneestürze, Fußballeinflüsse und die Treffsicherheit von Miriam Gössner.

In seiner eigenen Karriere reichte es für Tobias Reiter (31) „nur“ für den zweitklassigen IBU-Cup. Als Stützpunkttrainer in Ruhpolding und DSV-Co-Trainer hat er jetzt großen Anteil am Aufschwung der deutschen Damen. Im tz-Interview spricht er über Tiefschneestürze, Fußballeinflüsse und die Treffsicherheit von Miriam Gössner.

Herr Reiter, haben Sie in Ruhpolding einen Lieblingsplatz?

Reiter: Ich stehe am Schießstandberg, da sehe ich die Athleten gleich zweimal, einmal vor der Zwischenzeit und einmal vor dem Schießen. Das ist optimal, da kann ich in Ruhe alles ordnen, das gibt es nicht oft im Weltcup.

Äußerlich wirken Sie nicht immer ruhig.

Reiter: Manchmal sehe ich mich im Fernsehen und denke mir: „Ui, das kommt komisch rüber, das habe ich anders wahrgenommen.“ Da erschrecke ich selbst ein wenig. Wenn es besonders laut ist, muss man schreien.

Es kursiert eine lustige Sturzgeschichte über Sie am Schießstandberg, stimmt die?

Reiter: Ja, vor zwei Jahren habe ich mir bei einem Athleten zu viel vorgenommen und bin so lange nebenher gelaufen, dass ich oben auf dem Plateau die Abfahrt übersehen habe. Die Rettung war ein Hechtsprung in den Tiefschnee.

Was fällt Ihnen leichter: Das Sportler- oder Trainerdasein?

Reiter: Als Athlet musst du dich mit dir selbst beschäftigen, musst ein Stück weit ein Egoist sein, schließlich ist Biathlon eine Einzelsportart. Die Trainer haben das große Ganze im Blick. Mir persönlich liegt das mehr, vielleicht bin ich auch deshalb nie über den B-Kader hinausgekommen.

Franziska Preuß und Laura Dahlmeier kennen Sie aus dem C- und D-Kader. War klar, dass die so gut werden?

Reiter: Es gab viele positive Ansätze, ich wusste, dass sie viel mitbringen. Wie weit es reicht, ist schwer vorherzusagen. Wichtig ist, dass wir auch jetzt, wo es gut läuft, den Nachwuchs nicht aus den Augen lassen, denn im Nachwuchsbereich werden die Athleten geformt.

Ihre Trainingsmethoden werden oft gelobt. Lassen Sie sich von anderen Sportarten inspirieren?

Reiter: Ich wohne in Grassau, nicht weit vom Fußballplatz. Wenn dort Profis zum Trainingslager zu Gast sind, hocke ich mich gerne daneben und beobachte. Einige Dinge aus dem Schnellkraft- und Athletiktraining habe ich für unsere Erwärmung vor den Rennen übernommen. Mit Rene Weiler, dem ehemaligen Trainer in Nürnberg, habe ich mich öfter ausgetauscht. Der war sehr offen, was mich gefreut hat, weil ich Club-Fan bin, seit ich als Jugendlicher regelmäßig die Montagabendspiele der zweiten Liga geschaut habe. Nürnberg war zu dieser Zeit oft dabei. Aber auch ein Blick auf die Leichtathleten oder Skifahrer kann sich lohnen.

Mittlerweile dürfen die Damen pausieren, wenn sie sich danach fühlen. Auch eine Neuerung?

Reiter: Ich weiß nicht, wie es vor meiner Zeit war, aber uns geht es nicht nur um die körperliche, sondern auch um die mentale Ermüdung. Bei Laura (Dahlmeier, Anm. d. Red.) beispielsweise war in Nove Mesto deutlich zu spüren, dass es ihr sehr schwerfällt. Sie war müde. An so einem Punkt sammeln wir lieber mal geistige Frische in einer Pause.

Was ist mit Miriam Gössner? Wie ist Ihr Eindruck von ihr?

Reiter: Miri schießt im Training konstanter als im Wettkampf. Im Rennen fehlt ihr die nötige Ruhe. Allerdings fand ich ihre Leistungen in Oberhof nicht so schlecht. Wenn sie die Trainingsleistungen besser umsetzt, hat sie definitiv die Möglichkeit, die WM-Qualifikation zu schaffen.

Sie wirkte dennoch angefressen. Ist aktuell der Psychologe Reiter gefragt?

Reiter: Nein, wenn wir als Trainer jetzt permanent auf sie einreden würden, wäre das kontraproduktiv, dann macht sich der Athlet noch mehr Gedanken. Wir wollen aus einer Mücke keinen Elefanten machen. Miri muss am Schießstand normal weiterarbeiten.

Interview: Mathias Müller

Quelle: tz

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