Einstiger Dominator im Interview

Georg Hackl: Rodel-Legende prophezeit goldene WM - und erinnert sich an seine dunkle Stunde

„Goldene Generation? Da habe ich recht behalten!“ Georg Hackl über Felix Loch, Natalie Geisenberger, Tobias Arlt und Tobias Wendl.
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„Goldene Generation? Da habe ich recht behalten!“ Georg Hackl (oben) über Felix Loch (Mitte unten), Natalie Geisenberger, Tobias Arlt (l.) und Tobias Wendl (hier bei Olympia 2014 in Sotschi).

Das deutsche Rodel-Team ist so stark wie lange nicht mehr. Legende Georg Hackl sagt für die Heim-WM viele Plätze auf dem Treppchen voraus. 

München - Zehn goldene WM-Medaillen hat Georg Hackl zu aktiven Zeiten gewonnen, heute tüftelt er neben der Bahn am Material der Rodel-Champions. Bei der Heim-WM, die ab Freitag am Königssee ansteht, möchte der 54-Jährige vor allem die perfekte Saison von Dominator Felix Loch krönen. Allen Grund zum Optimismus hat er – wie er im Interview verrät.

Herr Hackl, Sie haben schon vor der Saison gesagt: „Felix Loch ist so gut wie nie.“ Sind Sie derjenige, der im Eiskanal alles voraussagen kann?
Hackl: (lacht) Alles voraussagen wäre etwas zu viel. Aber ich bin schon ein Experte, wenn Sie so wollen. Und man muss sagen: Bei Felix war das heuer offensichtlich.
Dann sagen Sie doch mal: Wie viele WM-Medaillen holt das deutsche Team?
Hackl: Ich hoffe auf fünf. Ich kalkuliere in allen drei Wettbewerben mit mindestens einer – am besten Gold.
Im Kopf ist noch die WM 2016, bei der die „Trainingsgruppe Sonnenschein“ alles abräumte. Sie sprachen damals von einer goldenen Generation.
Hackl: ... und damit habe ich auch recht behalten. Das haben allein die Olympischen Spiele in Sotschi gezeigt. Und in Pyeongchang wäre das Ergebnis ohne den verpatzten vierten Lauf vom Felix wiederholt worden.

Interview mit Georg Hackl: Im Sport aber auch in der Gesellschaft herrscht viel Konkurrenzdenken

Was ist bei dieser Generation anders gelaufen?
Hackl: Es muss für eine derartige Erfolgsgeschichte alles zusammenpassen – und das tut es. Da müssen sportliche Talente in einer Trainingsgruppe zusammenfinden. Und dann muss auch das Sozialverhalten stimmen. Man muss sich gegenseitig unterstützen, sich vertragen, niemand darf gegen den anderen arbeiten – wie es im Sport leider oft der Fall ist. In unserer Gesellschaft ist ja auch viel Konkurrenzdenken im Spiel, da ist der Sport nur ein Spiegel. Bei der Trainingsgruppe Sonnenschein unterstützen sich alle.
Gab es mal einen Moment, in dem Sie dachten, die Stimmung könnte kippen?
Hackl: Ja, diese Momente gab es durchaus mehrfach. Auch jetzt noch. Die Menschen entwickeln sich, sie werden älter. Und gerade bei Sportlern führt Erfolg zum Streben nach persönlichen Vorteilen. Ich sage mal so: Wie es 2016 war – das war optimal.
Haben Sie damals schon geahnt, dass Loch, Natalie Geisenberger und das Duo Tobias Wendl/Tobias Arlt fünf Jahre später immer noch WM-Favoriten sind?
Hackl: In jedem Sportlerleben gibt es Höhen und Tiefen, mit denen habe ich auch bei den damals überragenden Athleten gerechnet. Und egal wie erfolgreich ein Sportler ist: Er wird in zwei, drei Jahren wieder eingeholt oder überholt. Das hat man beim Felix in den letzten Jahren gesehen. Da mussten wir halt unsere Hausaufgaben machen. Aber das ist ja gelungen.

Interview mit Georg Hackl: WM zuhause ist etwas ganz Besonderes

Jetzt steht die WM auf der „Hausbahn“ an. Sie selbst durften das nur ein Mal erleben – und sind ausgerechnet am Königssee 1999 gestürzt. Ist es für Sportler ein Privileg, zweimal in einer Karriere „daheim“ fahren zu dürfen?
Hackl: Auf jeden Fall. Seine Leistung vor der Haustür präsentieren zu dürfen, ist etwas ganz Besonderes. Mir ist es damals nicht gelungen – aber ich bin auch selber schuld gewesen.
Erzählen Sie!
Hackl: Vereinfacht gesagt: Ich wollte zu viel. Ich hatte neuartige Ideen im Schlittenbau. Das Material war sehr, sehr schnell – aber an diesem Tag nicht beherrschbar für mich.
Wie hart war der Tag damals?
Hackl: Es war eine große Enttäuschung, das ist ja klar! Aber als Sportler wächst man an jeder Niederlage. So war das bei mir auch. Ich habe schnell gesagt: Schwamm drüber! Und weiter ging es.

Interview mit Georg Hackl: „Dürfen uns privilegiert fühlen“

Das war 1999, die nächste Heim-WM am Königssee folgte 2016. Ist sie heuer noch zu toppen?
Hackl: Ehrlich gesagt: nein. Allein weil es heuer etwas völlig anderes ist, weil wegen Corona* keine Fans dabei sind. Wir sind heilfroh, dass wir unsere Sportart betreiben dürfen, auch wenn wir wissen, dass das in der Öffentlichkeit nicht auf breite Zustimmung stößt. Allein der Blick auf das normale Leben – Kinder dürfen nur begrenzt spielen, Menschen keinen Freizeitsport betreiben, viele müssen um ihre Existenz fürchten – reicht, damit wir uns privilegiert fühlen. Wir sind froh, dass wir trotz aller Umstände Weltmeister küren dürfen. Um nichts anderes geht es bei dieser WM.
Topfavorit ist Loch. Wie ist er das wieder geworden?
Hackl: Wir haben die letzten Jahre akribisch ausgewertet, haben jedes Detail auf Optimierungsbedarf hinterfragt. Vor allem ging es um die Fahrlage und um die Startleistung. Und ich sage Ihnen ehrlich: Ich habe nicht gedacht, dass der Felix am Start und auch auf dem Schlitten zu dem fähig ist, was er gerade zeigt. Er hat sich da selbst am Schopf gepackt. Mit dem Ergebnis, dass ich jetzt sage: So stark habe ich ihn noch nie gesehen!
Welchen Anteil hat das Material?
Hackl: Einen großen. Wir haben uns sogar wissenschaftlichen Beistand geholt, um das Gleitverhalten eines Rennschlittens noch besser zu durchdringen. Wir arbeiten da unter anderem mit BMW zusammen, wo ja in Julian von Schleinitz ein Ex-Kollege von Felix wissenschaftlich tätig ist und somit beide Sprachen spricht. Er ist da ein ideales Bindeglied, gepaart mit meiner fachlichen Expertise, Felix’ Erfahrungen aus den Schlittentests, einem überragenden Werkstattmeister war das ein perfektes Erfolgsrezept. Ich bezeichne das, was wir da gegründet haben, als kleine Akademie.
... die den Rückstand auf Russland und Österreich in Rekordzeit verringert hat.
Hackl: Das war das Ziel – aber wenn ich jetzt die Ergebnisse betrachte, muss ich sagen: Felix ist schon weit vorbei. Wir wissen, dass die anderen nachziehen werden, dass das nur eine Momentaufnahme ist. Aber man kann schon sagen, dass dieser Überholvorgang sehr, sehr schnell ging.

Interview mit Georg Hackl: Nach der WM in Russland setzte ein Umdenken ein

War die WM 2020 – ohne Medaille – ein Aha-Effekt?
Hackl: Das Debakel kam ja mit Ansage. Dass die Russen auf ihrer Heimbahn dominieren, war vorher klar. Wir konnten da nur neidisch über den Zaun blicken, auch auf die Österreicher. Spätestens da wussten wir: Wir müssen die Köpfe zusammenstecken. Und zwar schnell.
Fehlt zur perfekten Saison von Loch der WM-Titel?
Hackl: Natürlich. Ich hoffe nicht, dass die Serie nach acht Siegen gerade bei der WM reißt. Bitte nicht!
Auch Natalie Geisenberger startet als Favoritin – obwohl ihr Sohn noch nicht mal ein Jahr alt ist.
Hackl: Das ist schon beeindruckend. Und wir haben alle in diesem Jahr gelernt, dass eine Schwangerschaft keine Krankheit ist. Das zeigen Natalie und auch Dajana Eitberger Woche für Woche.
Hatten Sie Zweifel?
Hackl: Nicht wirklich. Aber man konnte nicht unbedingt erwarten, dass das Comeback so strukturiert und erfolgreich verläuft. Die beiden sind ein tolles Beispiel, Vorbilder für junge Mütter.

Interview mit Georg Hackl: Natalie Geisenberger verdient WM-Gold

Woran merkt man ihre neue Reife im Alltag?
Hackl: Allein die Umsetzung – Weltcup mit Baby im Schlepptau – erfordert schon einen enormen Aufwand. Und wenn man diesen betreibt, muss vom Umfeld her alles optimal organisiert sein. Das schaffen beide. Sie nutzen jede Sekunde. Wenn alle Sportler so gewissenhaft arbeiten würden, wäre man froh.
Der verdiente Lohn wäre WM-Gold, oder?
Hackl: Auf jeden Fall. Und ich traue es der Natalie auch zu.
Eine Party wird es nicht geben – die bei den Olympischen Spielen in Peking 2022 wird dann umso größer, oder?
Hackl: So weit denke ich noch nicht. Denn ich habe ja auch keine Ahnung, was diese Corona-Pandemie* noch so mit sich bringt. Ich sehe im Moment nicht, dass flächendeckend geimpft wird, all das wird sich noch ziehen. Zum Leid der Menschen – zum Leid des Sports.
Heißt das, Sie zittern um die Spiele 2022?
Hackl: Wenn man da jetzt von neuen Mutationen* hört? Ich hoffe das Beste. Aber eine Garantie für die Spiele 2022 kann man noch nicht geben. Mein Gefühl: Wenn es noch länger so weitergeht, werden wir über Sport nicht mehr reden müssen. Da stehen dann andere Dinge im Vordergrund. Und das macht mir Angst!

Das Interview führte Hanna Raif. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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