Familie Neureuther im tz-Interview

"Wir alle dürfen nicht zu extrem werden"

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Verliebt wie am ersten Tag: Christian Neureuther und Rosi Mittermaier sind seit über 30 Jahren verheiratet.

Garmisch-Partenkirchen - Familie Neureuther spricht im großen tz-Interview über die Winterspiele, den Skisport und die Kunst, in Sport und Leben die Mitte zu finden.

Kurz vor dem Jahreswechsel in Garmisch. Die Plätzchen-Box ist noch bestens gefüllt, der Christbaum strahlt im Wohnzimmer. Auch für Familie Neureuther beginnt ein neues Jahr. Das große tz-Interview mit Rosi (63) und Christian (64), Felix (29) ist am Telefon mit dabei.

Felix, haben Sie in der Schule gerne Johann Wolfgang Goethe gelesen?

Felix: Soll ich ehrlich sein?

Ich bitte darum.

Felix: Ich habe nie ein Buch von Goethe ganz gelesen, sondern immer nur die Erläuterungen. Dieses Wissen musste für meine Klausur reichen.

Und, bestanden?

Felix (lacht): Natürlich mit Bravour. Ich habe in der Schule mit minimalstem Aufwand das Maximum herausgeholt.

Der Urgroßvater von Christian, Eugen Napoleon Neureuther, war ein Künstler und hat Bilder für die Werke Goethes gezeichnet.

Christian: Wir sind eine Künstlerfamilie. Eugen hat gemalt und war Direktor der Nymphenburger Porzellanmanufaktur. Sein Bruder Gottfried hat die Akademie der Künste in München gebaut.

Und nach Eugen ist die Neureutherstraße in der Maxvorstand benannt.

Felix (grinst): Als ich die Straße zum erste Mal gesehen habe, dachte ich, die wäre nach mir benannt…

Christian: Sie liegt in bester Lage. Ich habe immer eine Wohnung gesucht, eine Adresse in der Neureutherstraße, das wäre doch super gewesen. Vor etwa zehn Jahren wurde mir eine 200-Quadrameter-Dachterrassenwohnung angeboten, aber die war schon damals unbezahlbar.

Rosi: Unsere Familie kommt ursprünglich auch aus München, aus Giesing. Meine Eltern sind erst vor Kriegsbeginn auf die Winklmoosalm gezogen. Ich bin in Reit im Winkl geboren, meine Schwestern in München.

Felix, wäre München auch für Sie eine Option?

Felix: München ist eine unglaublich schöne Stadt, aber es wäre mir auf Dauer ein bisserl zu stressig. Wenn man in den Bergen aufgewachsen ist, genießt man die Ruhe.

"Im Skifahren steckt sehr viel Ästhetik"

Zurück zur Kunst. Ameli, Ihre Tochter, ist eine erfolgreiche Künstlerin.

Felix: An mir ist dieses Talent komplett vorbeigegangen.

Rosi: Du zeichnest doch auch gut.

Felix: Ich kann Strichmanschgerl. Du willst mich in ein besseres Licht rücken, aber das ist ja auch dein Job.

Ist Skifahren auch Kunst?

Christian: Schon, wir zeichnen halt nicht auf Papier, sondern in den Schnee.

Felix: Einer typischer Ansatz von dir. Ein bisserl philosophisch, aber es stimmt, im Skifahren steckt sehr viel Ästhetik, auch wenn wir heute mehr von der Kraft leben als ihr früher.

Christian: Die Art, wie wir Leben und den Sport ausüben, hat sicher mit der künstlerischen Vergangenheit zu tun. Amelis Talent kommt auch von der Rosi, die hat sie angelernt.

"Entschleunigung ist wichtig. Der Mensch braucht Ruhe."

Schlummern da verborgene Talente?

Rosi: Ach, das ist alles nichts gegen die Ameli. Als Kind hat man mir halt gesagt, ich soll einen künstlerischen Beruf ausüben.

Amelis Werke sind Teil einer Ausstellung (6.1. bis 20.04.) in Kirchberg mit dem Titel „Wunderland“. Das erinnert an „Alice im Wunderland“. Dort gibt es ein Kaninchen, das gestresst ist, weil es ständig Angst hat, zu spät zu kommen.

Christian: Entschleunigung ist ein wichtiges Thema im Zeitalter des Handys und der wachsenden Technologie. Der Mensch ist für so eine Schnelligkeit nicht gemacht, er braucht auch Ruhe. Wir kommen nicht mehr mit.

Beim Skifahren spielt Zeit eine sehr entscheidende Rolle.

Christian Neureuther und Rosi Mittermaier zu Hause vor einem Bild ihrer Tochter Ameli.

Christian: Das ist eine andere Geschwindigkeit, aber auch der alpine Sport kommt an seine Grenzen. Wenn fast jedes Mädel schon einen Kreuzbandriss, eine Hüftluxation oder Brüche hatte, ist der Sport zu weit gegangen. Der Mensch hat andere Bedürfnisse als immer höher, schneller, weiter.

Rosi: Ich verstehe nicht, warum es so viele Rennen gibt. Für einen Athleten, der alle Disziplinen fährt, ist das eine unglaubliche Belastung.

Christian: Im Sport gilt es, ebenso wie in großen Gesellschaften, das Mittelmaß zu finden. Immer wenn es links oder rechts zu extrem wird, muss man korrigieren.

München wollte 2022 natürliche, geerdete und traditionelle Olympische Spiele veranstalten und ist beim Bürgerentscheid krachend gescheitert.

Christian: Wir müssen überlegen, warum wir es mit einem Traumthema wie Olympia, das die Menschen eigentlich schon bewegt, nicht geschafft haben, die Bürger davon zu überzeugen. Das Pendel ist viel zu weit auf die falsche Seite geschwungen. Die Menschen kapieren nicht mehr, was im Sport abgeht.

Felix: Der Kommerz steht zu sehr im Vordergrund, es muss wieder um den Sport gehen. Wir müssen die Zuschauer wieder an den Emotionen packen. Olympische Spiele sollen den Menschen Freude bereiten.

Felix: "Vielleicht gönne ich mir ein paar Monate Auszeit"

Nach der Abstimmung herrschte ein scharfer Ton. Einige Befürworter haben die Gegner beschimpft.

Rosi: Eigentlich soll Olympia die Menschen weltweit zusammenbringen. Es soll ein friedliches Fest sein. Die Abstimmung hat die Menschen entzweit, der Umgang untereinander war nicht angemessen.

Christian: Wenn wir um Olympia kämpfen, dann nur unter olympischen Regeln, dazu gehört auch das Fair Play. Man muss akzeptieren, wenn man verliert, wenn die ganze Bevölkerung es nicht will, gut, dann wollen sie es nicht.

Zurück zum Skifahren. Ist der Skizirkus auch eine eigene Welt, ein Wunderland?

Felix: Es macht einfach Spaß, sich mit den Jungs zu messen. Skifahren ist ein Einzelsport, aber dennoch erleben wir viele Dinge und verbringen viel Zeit zusammen. Viele Jungs sind nicht nur Kontrahenten, sondern auch Kumpels. Also irgendwie ist es schon ein Wunderland.

War das früher schon so?

Rosi: Auf jeden Fall. Man hilft sich gegenseitig, Kameradschaft wird großgeschrieben.

Christian: Das hat bestimmt auch mit dem alpinen Umfeld zu tun, am Berg hilft man sich eben. Die Jungs trainieren sehr viel zusammen und kennen die Nöte des anderen. Das, was wir durch Felix miterleben dürfen, ist einzigartig.

Und Sie, Rosi, waschen dafür die Kleidung von Felix’ Konkurrenten.

Rosi: Ach, die alte Geschichte mit den Unterhosen von Ted Ligety, die wird halt immer wieder erzählt. Aber klar, wenn es sein muss, helfe ich.

Felix: Ich fand es schön, dass die Jungs nicht wussten, wer meine Eltern sind. Der Ted, der hatte überhaupt keine Ahnung, der wusste nicht einmal, ob sie Skifahren können oder nicht. Deshalb habe ich mich in diesem Kreis immer sehr wohlgefühlt, weil ich eben nicht der Sohn von war…

Dennoch haben Sie zuletzt gesagt, dass Sie mit dem Gedanken spielen, Ihre Karriere zu beenden.

Felix: So habe ich das nicht gesagt. Ich werde bald 30, ich bin einfach an einem Punkt angekommen, an dem ich mir überlege, wie es weitergehen soll. Das werde ich nach der Saison tun. Vielleicht gönne ich mir ein paar Monate Auszeit, vielleicht fahre ich bald nur noch Slalom, vielleicht seht ihr mich aber auch bald beim Super-G oder in der Abfahrt. Ich weiß es halt nur noch nicht.

(Rosi verschwindet kurz und kommt mit einem Buch voller Erinnerungsfotos mit einigen Fahrern wieder.)

Rosi: Der Manuel Osborne-Paradis, der ist auch so einer. Von dem hat der Felix mal eine Tasche Wäsche vorbeigebracht. Aber der Manni, der hatte Anstand, der kam noch vor dem Rennen vorbei und hat mir einen Blumenstrauß gebracht.

Christian: Der Felix holt die Jungs teilweise vom Flughafen ab und fährt sie zum Arzt nach München. Oder letztes Jahr, da ging es Marcel Hirscher vor dem Riesenslalom in Garmisch richtig schlecht. Da hat er ihn am Samstag noch zu seinem Physio geschleust. Das findet ich toll. Er könnte auch sagen, ist doch gut, dass es ihm schlecht geht, aber das käme nie infrage.

Sicher denkt nicht jeder so.

Rosi: Felix bringt alle zusammen, er ist sehr harmoniebedürftig. Wenn einer ein Problem hat, dann hilft er. Nach außen gibt er den harten Kerl, wie das bei Männern oft so ist, sein innerer Kern ist sehr weich.

Christian (lacht): Wir Männer wollen alle cool sein. Aber im Ernst, die Jungs trainieren zusammen und unterstützen sich. Da kommt es auch schon mal vor, dass der ein oder andere bei uns übernachtet. Mit Julien Lizeroux hat der Felix schon einiges durchgemacht.

Rosi (zeigt im Album ein Bild von Lizeroux): Der Lizeroux, der ist mein Liebling. Ein Franzose, da schmilzt du dahin.

Christian: Jetzt könnt ihr euch vorstellen, wie die Rosi mitfiebert, wenn die Jungs fahren.

(Jetzt zeigt Rosi ein weiteres Buch. Darin notiert sie vom Fernseher weg immer sämtliche Zwischen- und Endzeiten der Fahrer und Fahrerinnen.)

Rosi: Ich schreibe von jedem Rennen die Zeiten und Zwischenzeiten mit.

Beim eigenen Sohn, sind Sie aber nur selten an der Strecke.

Rosi: Eigentlich nie.

Mittlerweile scheidet er doch gar nicht mehr so oft aus. Hat die Nervosität nicht abgenommen?

Christian (schüttelt den Kopf): Nein.

Rosi: Bei mir ist das nicht so schlimm. Er muss selber schauen, wie er runterkommt. Ich denke mir nur, hoffentlich geht’s gut, und hoffentlich kommt er gesund an. Von seinem letzten Trainingssturz am Gudiberg habe ich von einem Bekannten erfahren. Der hat uns angerufen und sagte am Telefon: Hier haben’s grad den Felix geröntgt.

"Felix hat sich freigeschwommen. Das macht mich glücklich."

Christian: Ich war käseweis, weil ich nicht wusste, was los war. Das zieht mich runter. Darum sagt er uns meistens auch gar nichts mehr, wenn er verletzt ist.

Aber wenn Sie dabei sind, läuft es oft gut.

Christian: Felix hat fünf Weltcups gewonnen, viermal war ich dabei. Wir wären gerne öfters bei den Rennen gewesen, aber ich weiß, wie schwierig es ist für ein prominentes Kind, sich zu etablieren – egal ob im Sport, in der Kunst oder in der Wirtschaft. Ich habe immer noch schlaflose Nächte, dass die Kinder darunter leiden müssen.

Felix, haben Sie sich früher gewünscht, einen weniger bekannten Namen zu tragen?

Felix: Klar hat es Momente gegeben, die nicht einfach waren. Aber es gibt nicht viele Kinder von prominenten Sportlern, die es in die Weltspitze geschafft haben. Darauf bin ich stolz. Man muss die Situation am Anfang erst mal realisieren.

Rosi: Ich war mit meinem Papa mal bei einem Kinderrennen von Felix. Da wurden wir über die Lautsprecher begrüßt und alle wollten ein Autogramm von mir. Das war nicht schön für Felix.

Felix: Es war ein langer, schwerer Weg, manchmal musste ich mich durchbeißen. Aber so war es halt. Und ich bin ja auch stolz auf das, was meine Eltern erreicht haben.

Braucht man Erfolg, um sich von den Eltern zu lösen?

Christian: Das Loslösen von Eltern ist ein Prozess. Ich habe mich am Anfang um Felix’ Umfeld gekümmert, ein Verband alleine kann keinen Topathleten hervorbringen, da muss man schon ein paar Weichen stellen. Das ist kein Vorwurf an einen Verband, das kann er gar nicht alleine leisten. Die größte Angst war, wie kommt er aus der Nummer wieder raus. Da helfen nur Erfolge, das ist das Entscheidende. Du musst gewinnen, nur Erfolg macht sexy.

Felix: Mit meiner WM-Silbermedaille in Schladming habe ich das geschafft. Und ich habe was, mit dem ich den Papa zu Hause aufziehen kann. Ihm blieb das ja leider verwehrt.

Christian: Diese Medaille war mein schönster Moment, die hat ihn veredelt. Felix hat sich jetzt völlig freigeschwommen von den Eltern und von seinem Namen. Das macht mich glücklich.

Interview: Mathias Müller

So kam die  in Rosis Gästebuch

Privates soll privat bleiben. Deshalb empfangen die Neureuthers ­eigentlich keine Journalisten in ihrem gemütlichen Heim in Garmisch. Dass sie für die tz eine Ausnahme gemacht haben, hat uns sehr ­gefreut. Während des fast zweistündigen Gesprächs wurde viel ­diskutiert – über Kunst, Olympia und die familiären Verhältnisse ­innerhalb des Skizirkus’. Am Ende fühlten wir uns fast selbst ­dazugehörig. Vor allem, weil uns die Neureuthers noch in ihr schon traditionelles Gästebuch aufgenommen haben. Ted Ligety, ­Bastian Schweinsteiger mit Freundin Sarah Brandner – viele illustre ­Besucher haben sich dort in den vergangenen ­Monaten und Jahren verewigt. Was für eine Ehre! Die Gegeneinladung steht hiermit natürlich: Rosi, Christian, wenn ihr demnächst in München seid, dann schaut vorbei bei uns in der Paul-Heyse-Straße.

Quelle: tz

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