Triumph im Massenstart

Wie Verliebtsein: So erklärt Nadine Horchler ihren Sieg von Antholz

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Für Nadine Horchler aus Mittenwald war es der absolute Höhepunkt einer langen Karriere voller Rückschläge.

München – Biathletin Nadine Horchler galt als ewiges Talent, ihre Karriere war fast schon beendet - doch plötzlich lief sie im Massenstart von Antholz das Rennen ihres Lebens. Warum ihr Sensationserfolg sich für sie ein bisschen so anfühlt wie Verliebtsein:

Es hat Zeiten gegeben, da glaubte niemand mehr an Nadine Horchler. Außer sie selbst. „Es war immer ein kleines Lichtlein am Ende des Tunnels“, beschreibt sie ihre unerschütterliche Hoffnung. Die Biathletin galt einst als ewiges Talent, verschwand für viele Jahre in der Zweitklassigkeit, war fast vergessen, zwischendurch musste sie sogar kellnern, um sich finanziell über Wasser zu halten. Doch am vergangenen Wochenende wurde das Lichtlein der Hoffnung plötzlich riesengroß. Nadine Horchler, die bereits 30-jährige Skijägerin, lief beim Massenstart von Antholz das Rennen ihres Lebens und stand urplötzlich im Rampenlicht. Als sensationelle Siegerin. „Ein unglaubliches Gefühl. Fast unbeschreiblich“, sagte sie.

Im Biathlonsport kennt man viele Geschichten von großen Talenten, die ihre Karriere beendeten, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Bei Nadine Horchler schien es zunächst ähnlich zu laufen. Als Teenager zählte sie zu den Besten, „doch plötzlich“, so erzählte sie, „ging gar nichts mehr“. Aufgesteckt aber hat die Hessin nie. Auch weil es da einen inneren Antrieb gab, der ihr über lange Serie von Misserfolgen und Rückschlägen hinweg half. „Das Gefühl von früher, dass ich es kann, ist immer geblieben. Auch wenn es zwischenzeitlich nur noch ganz klein war.“

„Unten liegen zu bleiben, hilft nicht weiter“

Erstmals etwas aufhorchen ließ Nadine Horchler im Winter 2012/13. 26 war sie schon, höchste Zeit also durchzustarten. Mit zwei fünften Plätzen im Weltcup und einem Staffelsieg schien sie sich endlich etabliert zu haben. In der darauffolgenden Saison wurde Nadine Horchler dennoch nicht für den Weltcup nominiert. „Das hat mich runtergezogen.“ Olympia 2014 in Sotschi erlebte sie nur am Fernseher. Dass sie im zweitklassigen IBU-Cup an der Spitze lag, war allenfalls ein schwacher Trost. Zumal im Weltcup nur fünf deutsche Frauen aufgeboten wurden – obwohl der DSV über sechs Startplätze verfügte. Nadine Horchler machte damals ihrem Frust auf Facebook Luft mit der Botschaft: „Hallo, da sitze ich und muss mir den freien Startplatz vom TV aus anschauen. Traurig aber wahr als Führende in der IBU-Gesamtwertung. lg“.

Trotzdem versuchte es die in Mittenwald lebende Sportsoldatin in der folgenden Saison wieder. „Unten liegen zu bleiben, hilft nicht weiter“, meinte sie. Nadine Horchler, die ihren Kaderstatus und die damit verbundene finanzielle Unterstützung bereits verloren hatte, scheiterte nun aber noch schmerzlicher. Sie hatte zu viel trainiert, ihr Körper war ausgelaugt. „Das hat sich angefühlt wie bei einer Anfängerin, wie mit gebrochenen Beinen.“

2014/15 war das. Und für jede andere Biathletin wäre nun endgültig der Zeitpunkt gekommen, das Kleinkalibergewehr an den Nagel zu hängen. Auch Nadine Horchler, bereits 28 damals, schmiedete erste Pläne für eine solide berufliche Zukunft und machte eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie. Doch das Biathlon ließ sie immer noch nicht los.

In der vergangenen Saison dann ein Schritt nach vorn: Sie wurde Europameisterin und Gesamtsiegerin im IBU-Cup. „Ich bin da auch um meine Existenz gerannt“, erzählte Horchler. Ihr Bundeswehrvertrag wurde um zwei Jahre verlängert, sie kehrte in den Förderkader zurück.

„Ich bin noch voller Glückshormone“

Und nun also der Weltcup in Antholz, ihre allerletzte Chance. Horchler hatte sich schon bei ihrem Saisondebüt in Oberhof (35. und 17.) passabel geschlagen, in Südtirol rutschte sie als Ersatzfrau für die formschwache Miri Gössner ins Team. Mit Rang 19 im 15-km-Einzel sicherte sich die Sportlerin vom SC Willingen den letzten der 30 Plätze für den Massenstart. Horchler traf dann alle 20 Scheiben, läuferisch war sie so gut wie nie. Ins Ziel kam die Sauerländerin als Erste – hinter ihr auf den Plätzen 2 bis 5 folgten die aktuell größten Namen des Frauenbiathlons: Dahlmeier, Koukalova, Mäkärainen, Dorin-Habert. Zu den ersten Gratulanten zählte ihre Schwester Karolin, 27, ebenfalls aktive Skijägerin mit großem Durchhaltevermögen. „Für sie war das auch schön, dass die große Schwester es endlich schaffte und da wirklich noch ein Traum wahr geworden ist. Wir haben beide viele Freudentränen vergossen“, erzählte Nadine.

Ob sie nach diesem Triumph nicht das Gefühl habe, eine große Karriere verpasst zu haben? Horchler sieht das eher schicksalsergeben: „Das ist wie beim Verliebtsein. Da sagt man sich auch manchmal: Warum ist Derjenige nicht schon vorher dagewesen. Aber vielleicht ist es doch richtig, dass es erst später passiert ist. Es kommt alles zu seiner Zeit.“ Schöne, kluge Worte, aus denen auch die Kunst spricht, mit dem Scheitern umzugehen.

Nicht ganz untypisch für die Laufbahn der Nadine Horchler ist, dass sie selbst nach ihrem ersten Weltcuptriumph noch keinen Stammplatz im deutschen Team hat. Während sich Laura Dahlmeier und Co. im Trainingslager auf die WM in Hochfilzen vorbereiten, wird die Sensationssiegerin bei der zweitklassig besetzten EM in Polen starten. Doch auch das nimmt Horchler sehr entspannt: „Ich bin noch so voller Glückshormone, dass ich mich einfach darauf freue.“ Für die WM im Februar ist sie als Reservistin nominiert. Doch ohne Hoffnung fährt eine wie Nadine Horchler nicht nach Tirol: „Vielleicht habe ich auch hier das Glück, als Ersatzfrau eingesetzt zu werden.“

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