Schiffsunglück vor Lampedusa

Wohl 300 Tote bei Flüchtlingsdrama

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Hoffnungen, die rund 200 Vermissten lebendig zu finden, gibt es kaum.

Lampedusa - Nach der Flüchtlingskatastrophe vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa hat Italien am Freitag um die wohl mehr als 300 Todesopfer getrauert.

Landesweit wurden die Flaggen am Freitag auf Halbmast gesetzt und in den Schulen eine Schweigeminute abgehalten, während Politiker Konsequenzen forderten. Die Rettungskräfte setzten die Suche nach den rund 200 Vermissten fort. Hoffnung, Überlebende zu finden, hatten sie jedoch kaum noch.

Für Freitag war in Italien offiziell ein Tag der Trauer ausgerufen worden. Das Unglück löste weit über die Landesgrenzen hinaus Entsetzen aus. Papst Franziskus sprach bei einem Besuch im zentralitalienischen Assisi von einem "Tag der Tränen" und verurteilte "die Gleichgültigkeit gegenüber jenen, welche die Sklaverei, den Hunger fliehen, um die Freiheit zu suchen, doch stattdessen den Tod finden, wie gestern in Lampedusa".

Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, forderte politische Konsequenzen. "Nach diesen Toten erwarten wir, dass sich etwas ändert. Die Dinge können so nicht weitergehen", sagte die Bürgermeisterin der Insel von nur 6000 Einwohnern.

Innenminister Angelino Alfano forderte bei einem Besuch auf Lampedusa mehr Hilfen der EU-Staaten bei Patrouillen entlang der Seegrenze, um die gefährlichen Überfahrten der Flüchtlinge zu unterbinden. "Dieses Meer ist die Grenze zwischen Afrika und Europa, nicht zwischen Afrika und Sizilien", sagte Alfano. "Dies ist nicht allein ein italienisches Problem." Er kündigte an, in Brüssel mit der EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström über das Thema zu sprechen.

"Wir haben keine Hoffnung mehr, Überlebende zu finden", sagte ein Mitglied der Finanzpolizei. Bisher wurden 111 Leichen an Land gebracht, doch Taucher berichteten, dass sie nahe dem Schiffswrack am Meeresgrund dutzende weitere Toten gesehen hätten. Von den insgesamt 450 bis 500 Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea an Bord wurden bis Donnerstagabend nur 155 gerettet. Die Opferzahl könnte damit auf mehr als 300 steigen.

Das in der libyschen Hafenstadt Misrata gestartete Schiff war am Donnerstagmorgen wenige hundert Meter vor der Küste Lampedusas gekentert. Nach Berichten von Überlebenden hatten die Flüchtlinge zuvor ein kleines Feuer an Bord entzündet, um die Küstenwache auf ihr Schiff, das einen Motorschaden hatte, aufmerksam zu machen. Als das Feuer an Bord außer Kontrolle geriet, brach Panik aus, woraufhin das Schiff kenterte.

Die Leichen wurden in einer Lagerhalle auf Lampedusa aufgebahrt. Per Fähre wurden weitere Särge gebracht, bevor die Toten zur Bestattung nach Sizilien gebracht wurden. Seit Beginn des Jahres trafen in Italien rund 25.000 Bootsflüchtlinge ein. Schätzungen zufolge starben in den vergangenen 20 Jahren beim Versuch, auf den oft überfüllten und seeuntauglichen Booten nach Europa zu gelangen, 17.000 bis 20.000 Menschen.

Der UN-Sonderberichterstatter für die Rechte von Migranten, François Crépeau, kritisierte die EU-Einwanderungspolitik. "Diese Toten hätten vermieden werden können", sagte Crépeau am Donnerstag vor der UN-Vollversammlung. Die illegale Einwanderung könne nicht "ausschließlich mit repressiven Maßnahmen" bekämpft werden. Dadurch werde nur die Macht der Schleuser gestärkt. Crépeau rief die Staaten auf, legale Einwanderung zu erleichtern.

afp

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