Mitarbeiter-Verarsche bei Amazon?

Fragwürdige Methode: Amazon treibt Mitarbeiter mit Computerspielen zu mehr Produktivität an

Eine Amazon-Mitarbeiterin schiebt in Brieselang (Brandenburg) im Amazon Logistikzentrum ein Kundenpaket auf das Transportband. 
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Schnelligkeit ist für Amazon-Mitarbeiter Pflicht. 

Brot und Spiele bei Amazon. Um seine Lagerarbeiter kontinuierlich zu Höchstleistungen anzutreiben, setzt der amerikanische E-Commerce-Riese auf „Gamification“. Digitale Spiele für Mitarbeiter, deren Gewinner letztlich immer Amazon selbst bleibt.

Seattle - Was den Umgang mit den eigenen Mitarbeitern angeht, ist Amazon in den vergangenen Jahren immer wieder in die Kritik geraten. Berichte von unzureichenden Toilettenpausen und Strafen bei verfehlten Produktivitätszielen machten die Runde und prägten das Image von Amazon als ausbeuterischer Arbeitgeber, der unmenschlichen Druck ausübt - vor allem auf Angestellte der untersten Hierarchieebene, wie Fahrer und Lagermitarbeiter zum Beispiel.

Die Arbeit der sogenannten „Picker“ und „Stower“ gilt als besonders monoton. Diese Lagermitarbeiter arbeiten Amazons Kundenbestellungen ab, indem sie die entsprechenden Artikel aus den Regalen nehmen oder neu eingetroffene Ware in die kilometerlangen Regalreihen einräumen. Die Tätigkeit erfolgt automatisiert, durch Roboter, doch diese müssen navigiert werden. Damit dies im Sinne der maximalen Effizienz flott geschieht, gilt es, die Mitarbeiter für diese wenige abwechslungsreiche Arbeiten zu motivieren.

Dazu beitragen soll die spielerische Aufbereitung von Arbeitsabläufen in Form von Videospielen. Gamification genannt. Monitore an den Arbeitsplätzen der Lagermitarbeiter zeigen ihnen an, welche Artikel sie in den Behälter legen müssen. Ein bisschen so wie Tetris, nur eben mit echten Kisten.

Die „Spiele“-Software erkennt, sobald alle Artikel einer Bestellung zusammengetragen wurden und belohnt die „spielenden“ Mitarbeiter während einer Schicht mit virtuellen Abzeichen, Punkten oder anderen Goodies. Dass durch dieses Belohnungssystem Einzelpersonen, Teams oder ganze Abteilungen in eine Art virtuelles Produktivitätsrennen geschickt werden, dürfte von Führungskräften, die Gamifaction in Unternehmen einführen, bewusst kalkuliert sein.

Amazon: Produktivitätsteigerung unter dem Deckmantel harmloser Computerspiele?

Ob die geringfügig qualifizierte Arbeiterschaft im Hause Amazon die Manipulation durchschaut oder einfach nur froh darüber ist, Spiele zu haben, die scheinbar Aufgaben ersetzen, die sonst langweilig sind? Die Wahrscheinlichkeit, dass Gamification dazu genutzt wird, um höhere Produktivitätsziele zu verschleiern, ist jedenfalls hoch.

Zumal die Algorithmen dieser Spiele in der Regel geheim gehalten werden. So könnte es zum Beispiel in der ersten Jahreshälfte noch 5 Sterne pro gelöstem Kundenanliegen geben, in der zweiten Jahreshälfte für die gleiche Leistung aber nur noch drei Sterne. Hebel, an denen Arbeitgeber beliebig drehen können, um den Output zu erhöhen. Dadurch besteht die Gefahr eines andauernden Wettbewerbs unter Kollegen, der unangenhem werden kann, möglicherweise zu einem Burnout führt, also krank macht.

Einem in der Washington Post erschienen Artikel über Gamification bei Amazon zufolge hätte eine der Mitarbeiterinnen gegenüber der Zeitung ausgesagt, „fast 500 Artikel in einer Stunde aus den Regalen geholt“ zu haben - „angestachelt durch das Spiel“, bei dem es darum ging, einen Rennwagen über eine bestimmte Strecke zu jagen, je schneller, umso besser.

Doch was haben die schnellsten unter Amazons-Lagermitarbeitern eigentlich davon, die Schnellsten zu sein? Auf das Gehalt wirkt sich deren Erklimmen des virtuellen Siegertreppchens nämlich nicht aus. Der Gewinner bei diesem Spiel ist eindeutig Amazon. Denn jede eingesparte Sekunde bei der Auftragsabwicklung macht eine Auslieferung am Tag der Bestellung immer wahrscheinlicher. Da Amazon die „Same-Day“-Lieferung als Standard anpeilt, könnte der Druck auf die Mitarbeiter sogar noch weiter wachsen. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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