Hordorfer Zugunglück: Das Warum bleibt offen

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Der Angeklagte und sein Verteidiger Rechtsanwalt Dietmal Weitzel (l) beim Prozess um das Zugunglück von Hordorf im Landgericht in Magdeburg.

Magdeburg - Im Nebel rast ein Güterzug gegen eine Regionalbahn. Zehn Menschen sterben. Der Lokführer wird verurteilt, muss aber nicht ins Gefängnis. Für viele bleibt eine wichtige Frage offen.

 Als er die Lichter der Regionalbahn im Nebel sieht, kann der Lokführer eines Güterzuges den Zusammenstoß nicht mehr verhindern. Die beiden Züge krachen auf der eingleisigen Strecke gegeneinander - nahezu ungebremst. Der Zug mit den Reisenden bricht auseinander und springt von den Gleisen. Stundenlang bergen Helfer bei Frost die Toten, versorgen Verletzte und trösten Angehörige.

Die Ursache des Zugunglücks in Hordorf, das zu den schwersten in Deutschland gehört, ist schnell gefunden. Der Güterzugführer hat am 29. Januar 2011 kurz vor Mitternacht zwei Haltesignale in der Magdeburger Börde in Sachsen-Anhalt überfahren. Menschliches Versagen, das zehn Menschen das Leben kostet. 23 weitere werden verletzt, einige davon schwer. Sie leiden bis heute unter den Folgen.

Prozess zum Zugunglück von Hordorf

Prozess zum Zugunglück von Hordorf

Eine Antwort auf ihr „Warum?“ liefert der am Mittwoch zu Ende gegangene Prozess vor dem Magdeburger Landgericht nicht. Denn warum der angeklagte Güterzugführer die zwei Signale nicht beachtet und den 2600 Tonnen schweren Zug nicht zum Stehen gebracht hat, bleibt offen. Abgesehen von einer Entschuldigung unter Tränen bei den Familien der Toten und Verletzten hat der 41-Jährige geschwiegen.

Das Gericht verurteilt ihn zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Er ist unter anderem der fahrlässigen Tötung in 10 Fällen und der fahrlässigen Körperverletzung in 22 Fällen schuldig. Der Lokführer, der in dunklem Anzug und Krawatte im Gerichtssaal sitzt, zeigt keine Regung.

„Der Unfall hätte wegen der schlechten Sicht zum Unglückszeitpunkt bei permanenter Streckenbeobachtung verhindert werden können“, sagt die Vorsitzende Richterin Claudia Methling. „Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit hatte katastrophale Folgen.“ Schuldspruch und Strafe könnten das Leid der Opfer nicht mindern, betont die Richterin. Den Hinterbliebenen und Angehörigen spricht sie ihr Beileid aus.

Weitere Verstöße des Mannes, der seit seinem 18. Lebensjahr Loks steuert, sieht das Gericht nicht. „Er telefonierte nicht und war auch nicht durch andere Dinge abgelenkt“, sagt Methling. Der 41-Jährige war vorschriftsmäßig in der ersten der beiden Loks, hatte weder Alkohol getrunken noch Drogen oder Medikamente genommen. Er wurde bei dem Unglück leicht verletzt.

Seit Anfang Oktober hat das Gericht mit Hilfe vieler Zeugen zu ergründen versucht, was am 29. Januar 2011 geschah. Erst gab es einen lauten Knall im nächtlichen Nebel - dann starben der Lokführer der mit 32 Fahrgästen besetzten Regionalbahn, eine Zugbegleiterin und acht Insassen. Rettungskräfte kämpften sich durch die Trümmer auf schneebedecktem Feld. Der Nebel war so dicht, dass keine Hubschrauber fliegen konnten. Das Eisenbahn-Bundesamt bezifferte den Sachschaden später in einem Untersuchungsbericht auf rund sieben Millionen Euro.

„Wir haben ein faires Verfahren bekommen“, sagt der Verteidiger des angeklagten Lokführers, Dietmar Weitzel. „Es war kein Freispruch zu erwarten.“ Sein Mandant könne sich nun endlich an die persönliche Aufarbeitung des Unglücks machen. Jens Kownatzki kündigt Revision an. „Hier ist alles andere als eine Aufarbeitung der Ereignisse erfolgt“, sagt der Anwalt eines Nebenklägers. Er hat auf Totschlag plädiert - und eine mehrjährige Haftstrafe für den Lokführer gefordert.

Das Unglück löste damals auch eine Debatte über automatische Notbremssysteme auf Bahnstrecken aus. Auf der Unglücksstrecke gab es keine Sicherung, die Züge beim Überfahren eines Halt-Signals abbremst. Die Züge durften mit höchstens 100 Kilometern pro Stunde fahren. Mittlerweile existiert ein solches System auch auf dem Abschnitt bei Hordorf.

dpa

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