Blinde erobern den Golfsport

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Ein Anstecker mit dem Blindensymbol liegt neben einem Golfball in Würzburg (Unterfranken) auf einem Golfplatz während eines Trainings für Blinde

Würzburg - Golfen ist nur was für Profis mit dem richtigen Blick für Distanz und Flugrichtung? Von wegen! Auch Blinde und Sehbehinderte können auf dem Grün erfolgreich abschlagen. Was zählt, sind Gefühl und Geräusch.

Behutsam fährt Rainer Eggebrecht mit der flachen Hand über den kurz geschnittenen Rasen. Anschließend läuft er langsam über das Grün und zählt dabei die Schritte. “Drei Meter, leicht abschüssiges Gelände und der Wind pfeift recht stark“, sagt der 49-Jährige und nimmt die Abschlagsposition ein. Ein letztes Mal noch konzentriert er sich auf der klappernde Geräusch der Fahne und puttet den kleinen Ball dann sanft in Richtung des Lochs. Nur ganz knapp daneben. Seine Trainerin ist beeindruckt. Trotz seines Handicaps schlägt sich Mann aus Unterfranken sehr gut - denn Eggebrecht ist blind. Er golft nach Gefühl und Gehör.

Mit dem EDV-Lehrer stehen sechs weitere Blinde und Sehbehinderte auf dem Würzburger Golfplatz. Die meisten von ihnen halten das erste Mal einen Golfschläger in der Hand. Junge Profis begleiten sie auf Schritt und Tritt, tragen ihren Blindenstock, verraten Tricks, richten die Körper der Laiengolfer aus und legen ihnen die Bälle zu Füßen. Den Ausflug hat das Berufsförderungswerk Würzburg (BFW) organisiert. Dort lernen die Erwachsenen derzeit die Punktschrift und anderes. In dem Bildungszentrum werden sie auf den Wiedereinstieg ins Berufsleben vorbereitet. In Deutschland gibt es nach BFW-Angaben etwa 500 000 Blinde und Sehbehinderte.

Der Golf-Schnupperkurs soll eine Abwechslung zum anstrengenden, ganztägigen Lernen sein. “Wir waren erst unsicher, ob das wirklich eine gute Idee ist. Immerhin ist beim Golfen das Sehen eigentlich unabdingbar“, sagt Marcus Meier vom Berufsförderungswerk mit Sitz in Veitshöchheim. Die Erfahrung auf dem Platz zeigt jedoch: Mit ein bisschen Hilfe geht es auch ohne Augen. “Nur der Wind ist Mist. Da fliegen die Geräusche einfach weg“, schimpft Eggebrecht mit einem Lächeln. Wenig später liegt der Ball doch im Loch und der 49-Jährige reißt die Arme in die Luft. “Wow, der war drin.“

Blinde und sehbehinderte Golfer sind auf dem Grün aber noch immer eine Ausnahmeerscheinung. Seit 2002 gibt es einen Deutschen Blinden-Golf-Verband. Der Verein mit knapp 30 Mitgliedern wächst stetig. “Es ist schwierig, Blinde an den Golfsport heranzuführen. Das ist meist auch eine Kostenfrage“, sagt Vereinsgründer Klaus Ahrens. Der Verband konzentriert sich deshalb bei der Suche nach neuen Mitgliedern zunächst auf die Golfer, die ihren geliebten Sport nicht aufgeben wollen, obwohl sie schlechter sehen.

Golf gelte sogar als ideale aktive Therapieform für blinde und sehbehinderte Menschen, sagt Ahrens. “Der Golfer spielt immer den ruhenden Ball und kann somit agieren und muss nicht reagieren wie zum Beispiel beim Tennis“, sagt er. Das bringe Erfolgserlebnisse und damit Lebensfreude sowie mehr Lebensqualität.

Leider fehle manchmal noch die Akzeptanz von behinderten Sportlern auf dem Platz. “Das wird zwar schon besser, aber da sind noch viele Hürden zu nehmen.“ Bei Bremen gibt es den derzeit einzigen deutschen Golfplatz für behinderte Menschen.

In den ersten Trainingsstunden scheinen die blinden Golfer den sehenden Anfängern sogar einiges voraus zu haben. “Die Sehenden konzentrieren sich zu sehr auf den Ball und sind dabei oft zu verkrampft. Die Blinden achten dagegen auf die Bewegung“, sagt Sabrina Schloo. Die 16-Jährige wurde in diesem Jahr Fünfte bei den Bayerischen Meisterschaften.

Von Schloos Profi-Wissen profitiert nun Rainer Eggebrecht. Der Abschlag steht auf dem Programm. Dabei gilt es, den Golfball soweit wie möglich zu schlagen. Nach wenigen Versuchen fliegt die kleine Kugel meterweit über den Rasen. “Wenn man den Ball voll trifft und der geht ab wie die Luzie - das ist unbeschreiblich“, schwärmt er.

dpa

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