Wie man eine Pandemie lesen lernt

Von Reproduktionsfaktor bis Sterberate - Die Begriffe zur Corona-Pandemie kurz erklärt

Klare Botschaft: Diese Hamburgerin gebietet dem Virus Einhalt – zumindest mit ihrem Mundschutz
+
Klare Botschaft: Diese Hamburgerin gebietet dem Virus Einhalt – zumindest mit ihrem Mundschutz

Seit Beginn der Corona-Krise begegnet uns jeden Tag eine Vielzahl von Statistiken und Fachworten wie Reproduktionsfaktor. Was diese Daten bedeuten.

  • Täglich erscheinen Zahlen und Statistiken rund um die Verbreitung des Coronavirus*
  • Falsches Verständnis der Zahlen kann zu falscher Einschätzung der Risiken führen
  • Von Reproduktionsfaktor bis zur Sterberate: Die wichtigsten Begriffe rund um die Corona-Pandemie* kurz erklärt

Reproduktionsfaktor, Basisreproduktionszahl, Verdopplungszeit, Sterberate: Für Menschen, die beruflich nichts mit Epidemiologie, Virologie oder wenigstens Statistik zu tun haben, ist es nicht leicht, bei den täglichen Meldungen zum Stand der Corona-Pandemie mitzukommen – und diese auch richtig einschätzen zu können. Nach Tagen vorwiegend positiver Nachrichten aus Deutschland gab es gestern zunächst einen kleinen Dämpfer. Die FR erklärt die wichtigsten Begriffe:

Der Reproduktionsfaktor R  (wahlweise auch als Reproduktionszahl oder Reproduktionsrate bezeichnet) sei wieder gestiegen, teilte Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Institu ts (RKI), in einer Pressekonferenz am Vormittag mit, und zwar auf 1,0 (0,96 aufgerundet vom RKI; Stand: Montagabend). Einige Stunden später stand dann im Lagebericht, dass der Wert wieder bei 0,9 liegt. Der R-Faktor zeigt an, wie schnell sich eine Infektion ausbreitet, gleichwohl hat die Aussagekraft des Wertes Grenzen; isoliert darf er nicht betrachtet werden. So sank die Reproduktionszahl bereits im März einmal auf unter 1, stieg dann aber vermutlich wegen der vielen Infektionsfälle in Krankenhäusern und Pflegeheimen erneut an. Am 12. April etwa betrug der Wert 1,3, zuletzt hatte er relativ konstant bei 0,9 gelegen.

Reproduktionsrate der Coronavirus-Ansteckungen

Ein Reproduktionsfaktor von 1,0 bedeutet, dass ein mit dem Coronavirus infizierter Mensch im Schnitt einen anderen ansteckt. Damit die Epidemie abflaut, müsste ein Infizierter weniger als einen anderen anstecken, die Zahl also dauerhaft auf einen Wert unter 1,0 sinken. Bereits sehr kleine Änderungen könnten „erhebliche Folgen“ haben, sagte Wieler gestern bei der Pressekonferenz des RKI. An die Bevölkerung richtete er den Appell, wenn möglich zu Hause zu bleiben, sich weiter an Regeln wie das Abstandhalten und Reduzieren von Kontakten sowie das Tragen von Masken in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln zu halten, damit Deutschland die erzielten Erfolge „verteidigen“ könne: „Wir schaffen das, wenn wir uns weiter disziplinieren.“ 

Die Statistiken zur Corona-Pandemie verstehen lernen: Alle Begriffe von Reproduktionsfaktor bis Sterberate erklärt

Als Basisreproduktionszahl bezeichnet die Wissenschaft die Infektionsrate, wenn das Coronavirus Gelegenheit hätte, sich uneingeschränkt zu verbreiten. Dann würde ein Infizierter es im Schnitt an drei andere Menschen weitergeben. Je höher die Basisreproduktionszahl ist, desto ansteckender ist ein Erreger, bei den Masern etwa liegt der Wert bei etwa 17, bei der Grippe zwischen 0,9 und 2,1. Einschränkungen wie Kontaktsperren hindern das Virus an ungezügelter Verbreitung, den gleichen Effekt hätte auch eine zunehmende Immunität in der Bevölkerung. Die meisten Experten lehnen es jedoch ab, auf eine Herdenimmunität als Bremse zu setzen; zu riskant, lautet das Argument.

Die Verdopplungszeit spielte vor allem zu Beginn der Pandemie eine große Rolle. Sie gibt den Zeitraum an, in der sich die Zahl der Infizierten verdoppelt. In diesem Fall gilt: je höher der Wert, desto besser. Mittlerweile wird die Verdopplungszeit nicht mehr zur Einschätzung der Lage herangezogen. Sie sei vor allem am Anfang wichtig, erklärt Wieler – der einräumt, dass das Thema Kennzahlen ein komplexes ist.

Von Reproduktionsfaktor bis Sterberate: Die wichtigsten Begriffe rund um die Corona-Pandemie erklärt

Das exponentielle Wachstum  der Infiziertenzahlen – sichtbar an der steilen Kurve – auszubremsen war das vordringliche Ziel im Februar und März. Es ging dabei vor allem darum, es in einen eher linearen Verlauf zu drücken. Bereits Anfang April lag die Verdopplungszeit dann bei zehn Tagen und stieg seither weiter an. Allerdings verliert die Verdopplungszahl mit dem Fortschreiten der Pandemie und dem Abflachen der Kurve ihre Aussagekraft.

Exponentielles Wachstum 

Die Zahl der Neuinfektionen  und der akut Infizierten rückt stattdessen stärker in den Fokus. Laut RKI müssten Letztere auf einige Hundert pro Tag sinken, um weitgehende Lockerungen zu rechtfertigen. Mit Stand 27. April hatten sich nach Daten des RKI seit Beginn der Pandemie in Deutschland 156.337 Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert, das waren 1144 mehr als am Vortag. 117.400 Menschen haben die Infektion überstanden. Aktuell sind also nach den vorliegenden Daten um die 39.000 Menschen infiziert.

Kurz erklärt: Reproduktionsfaktor, Sterberate und alle weiteren Begriffe rund um die Corona-Pandemie 

Die Sterberate  der von der Statistik erfassten Fälle beträgt momentan 3,8 Prozent: Mehr als 5900 Patienten sind in Deutschland an Covid-19 gestorben. Die Zahl der Todesfälle pro Tag liegt laut RKI-Chef Wieler derzeit zwischen 100 und 300. Die Sterberate bedeutet also, dass von 1000 Infizierten im Schnitt 38 sterben. Ein im Verlauf der Pandemie in Deutschland hoher Wert, der damit zusammenhängt, dass sich in den ersten Wochen zunächst eher jüngere Menschen wie die Rückkehrer aus den Skigebieten infiziert hatten, es zuletzt aber viele Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen gab. Die aktuelle Sterberate liegt damit auch deutlich über dem Wert der Heinsberg-Studie, den der Bonner Virologe Hendrik Streeck für den ersten Hotspot der Pandemie in Deutschland mit 0,37 bezifferte.

Die Dunkelziffer  bleibt in den ganzen Zahlenwerken allerdings weiterhin die große Unbekannte: Weder in Deutschland noch anderswo lässt sich derzeit mit Sicherheit sagen, wie viele Menschen genau sich seit Beginn der Pandemie mit Sars-CoV-2 angesteckt haben, wie viele aktuell infiziert und wie viele immun sind. Von der ebenfalls unbeantworteten Frage, wie lange diese Immunität anhält, abgesehen.

Von Pamela Dörhöfer

Die Corona-Krise hat das gesellschaftliche Leben ausgebremst. Jetzt wird über einen Corona-Pass diskutiert.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen Redaktions-Netzwerks

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Entwarnung nach SEK-Einsatz in Frankfurt: Trotzdem drohen jetzt strafrechtliche Konsequenzen
Entwarnung nach SEK-Einsatz in Frankfurt: Trotzdem drohen jetzt strafrechtliche Konsequenzen
Pressekonferenz in Kürze: Merkel und Ministerpräsidenten beraten über Corona-Strategie
Pressekonferenz in Kürze: Merkel und Ministerpräsidenten beraten über Corona-Strategie
Corona in Bayern: Zahlen in München überraschen - Kommen schon bald neue Maßnahmen?
Corona in Bayern: Zahlen in München überraschen - Kommen schon bald neue Maßnahmen?
Corona in Bayern: Ski-Fahren im Normalbetrieb? Aiwanger mit deutlichen Worten zu Winter-Tourismus im Freistaat
Corona in Bayern: Ski-Fahren im Normalbetrieb? Aiwanger mit deutlichen Worten zu Winter-Tourismus im Freistaat

Kommentare