Interview mit Augenzeugen  

Coronavirus: Student entkommt knapp aus der Sperrzone in Wuhan 

Als das Coronavirus ausbricht, absolviert ein Student aus Baden-Württemberg ausgerechnet in Wuhan ein Praktikum. So entkam er aus der Sperrzone.

  • Nach dem Ausbruch des Coronavirus ist die chinesische Stadt Wuhan zur Sperrzone erklärt worden. 
  • Ein Student aus Baden-Württemberg befand sich während der Errichtung der Quarantäne in Wuhan. 
  • Wir haben mit ihm über seine Flucht aus Wuhan und seine Einschätzung des Coronavirus gesprochen.  

Baden-Württemberg/China – Noch immer sitzen rund 90 deutsche Staatsbürger in Wuhan fest: Die Millionenmetropole ist nach dem Ausbruch der Coronavirus-Epidemie komplett abgeriegelt und zur Sperrzone erklärt worden. Einem Medizinstudenten aus Baden-Württemberg gelang es unmittelbar vor der Blockade aus der Stadt hinauszukommen. In einer abenteuerlichen Taxifahrt gelang es Thomas M.** die Quarantäne während ihrer Errichtung zu umfahren. Zuvor absolvierte der 31-Jährige angehende Arzt zwischen dem 1. und 20. Januar ein Praktikum in Wuhan. Denn M. nimmt gegenwärtig für zwei Semester an einem Austauschprogramm seiner Universität mit der Anhui Medical University im chinesischen Hefei teil. HEIDELBERG24.de* hat mit ihm über seine Eindrücke und Erfahrungen über die Situation in China sowie seiner Einschätzung des Coronavirus gesprochen.

Coronavirus: Student entkommt knapp aus der Sperrzone in Wuhan  

HEIDELBERG24: Herr M., Sie sind im Epizentrum der Coronavirus-Pandemie gewesen. Wie ist es Ihnen gelungen die Quarantänezone zu verlassen? 

M.: Am 23. Januar sollte um etwa 14 Uhr mein Zug aus Wuhan abfahren, doch um 10 Uhr ist die Stadt abgesperrt worden: Straßensperren sind errichtet, sowie die Bahnhöfe, der Flughafen, und die U-Bahn geschlossen worden. Ich habe dann ein Taxi genommen und dem Taxifahrer gesagt, er solle mich in die Nachbarstadt Xiaogan fahren. Er wollte zunächst das Dreifache des üblichen Preises, doch ich ließ mich nicht übers Ohr hauen und handelte den Preis herunter auf den Normalpreis. Der Taxifahrer akzeptierte diesen aber nur unter der Bedingung, dass er noch andere Fahrgäste nach Xiaogan mitnehmen dürfe. Er fuhr dann durch die Stadt und gabelte noch zwei weitere Fahrgäste auf, worauf wir zu viert nach Xiaogan fuhren. Unterwegs stießen wir auf der Autobahn auf eine Straßensperre, an der wir zurückgeschickt wurden. Der Taxifahrer suchte dann einen Weg über alternative Straßen nach Xiaogan, was auch klappte. Von Xiaogan nahm ich dann einen Zug zurück nach Hefei. Wahrscheinlich wäre das am darauffolgenden Tag auch nicht mehr möglich gewesen, da ja mittlerweile fast die ganze Provinz Hubei unter Quarantäne steht.

Coronavirus: In China tragen die Menschen im öffentlichen Raum einen Mundschutz 

HEIDELBERG24: Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen in China Angst vor dem Coronavirus haben?

M.: Ich habe das Gefühl, die Chinesen nehmen das Coronavirus sehr ernst und haben teilweise auch Angst. Gleichzeitig sind sie aber auch optimistisch. In den sozialen Medien werden fast nur noch Inhalte geteilt, die mit dem Coronavirus zu tun haben. Chinesische Kommilitonen haben Angst davor, nach den Ferien wieder in die Uni zurückzukehren, weil sie sich im Studentenwohnheim oder Klassenzimmer ja anstecken könnten, oder gehen nicht mehr in der Mensa essen, weil dort ja auch zu viele Menschen sind, bei denen man sich anstecken könnte. Fast jeder auf der Straße trägt Mundschutz – diese sind in vielen Apotheken bereits ausverkauft. In einem Dorf wurde eine Familie mehr oder weniger in ihrem eigenen Haus eingesperrt, weil Familienmitglieder in Wuhan gewesen sein sollen. Gleichzeitig wissen die Chinesen, dass sie in der Vergangenheit SARS überstanden haben, und feuern sich gegenseitig an, auch die Ausbreitung des neuen Coronavirus durchzustehen.

HEIDELBERG24: Sind sie persönlich durch die Situation oder eine mögliche Infektion mit dem Coronavirus verängstigt?

M.: Nein, ich persönlich habe keine Angst, weil ich das Risiko sich anzustecken für gering halte, und darauf vertraue, dass selbst im Falle einer Infektion mein Immunsystem mit dem Coronavirus fertig werden würde.

Coronavirus: Student aus Baden-Württemberg beurteilt die Informationspolitik in China

HEIDELBERG24: Wie ist die Informationspolitik seitens der Behörden in China? 

M.: Ich würde sie als sehr gut einschätzen. Es werden in Echtzeit die Anzahl der bestätigten Fälle, der Verdachtsfälle, der tödlich verlaufenden Fälle, und der genesenen Fälle veröffentlicht. Es wird über Übertragungswege, Symptome, Inkubationszeit und erforderliche Sicherheitsmaßnahmen aufgeklärt. Die Medien sind voll von Nachrichten und Informationen über das Coronavirus. Ich bekomme SMS von Behörden, in denen ich gebeten werde, nur wenn es sein muss das Haus zu verlassen, mich nicht mit Leuten zu versammeln, Hände häufig zu waschen, bei Fieber sofort einen Arzt aufzusuchen und so weiter. Die Polizei war auch schon bei mir und hat sich nach meinem Befinden erkundigt und mich ebenfalls gebeten, wenn möglich nicht das Haus zu verlassen.

Coronavirus: Thomas M. appelliert an die Menschen

HEIDELBERG24: Was würden Sie den Menschen gerne sagen? 

M.: Falls jemand Angst vor dem neuen Coronavirus hat, empfehle ich demjenigen, sich einmal genau mit den Statistiken dieses Virus auseinanderzusetzen oder sich die professionellen Standpunkte von Virologen anzuschauen. Man wird dann schnell merken, dass das Infektionsrisiko zum jetzigen Stand, insbesondere in Deutschland, sehr gering ist, und die Infektion in über 95 Prozent der Fälle nicht tödlich ist. Wenn man sich danach bewusst macht, dass die Grippe, vor der niemand Angst hat, jedes Jahr in Deutschland Millionen infiziert und Tausende das Leben kostet, ist es fast schon absurd, sich nun vor dem neuen Coronavirus zu fürchten. Es gibt viele Möglichkeiten zu sterben, um am Coronavirus zu sterben, muss man, denke ich, schon großes Pech haben.

Für jene Deutsche, die aktuell noch in der chinesischen Stadt Wuhan festsitzen, gibt es immerhin gute Nachrichten.

**Thomas M. (Name von der Redaktion geändert)

*heidelberg24.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

esk

Rubriklistenbild: © dpa

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