"Mit dem Lied wird eine ganze Generation an den Pranger gestellt"

Umweltsau-Satire: Diese Motorrad-Oma findet das Lied geschmacklos

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Marion Heine findet die Umweltsau-Version von "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" geschmacklos. 

Die Umweltsau-Version von "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" sorgt weiter für Diskussionen. Wir haben eine Expertin befragt: Marion Heine ist Oma und Harley-Fahrerin.

Kassel - Diese Version des Kinderlied-Klassikers „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ spaltet die Nation.

 Der WDR ließ seinen Kinderchor Zeilen singen wie: „Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett, ein Kotelett, ein Kotelett, weil Discounterfleisch so gut wie gar nix kostet. Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau.“ 

Umweltsau-Satire im WDR: Oma aus Kassel findet es geschmacklos

Auch Marion Heine (59) hat sich darüber aufgeregt. Wir sprachen mit der Motorrad fahrenden Oma aus Kassel.

Frau Heine, sind Sie eine Umweltsau?

Nein, natürlich verbrauche auch ich Strom, aber ich verschwende keine Energie und Rohstoffe. Ich versuche, alles mit Augenmaß zu machen und gehe achtsam mit unseren Ressourcen um.

Darum geht es auch im Umweltsau-Lied des WDR. Was haben Sie gedacht, als Sie es zum ersten Mal gehört haben?

Ich finde es total geschmacklos, weil der Text unter die Gürtellinie geht. Mit dem Lied wird eine ganze Generation an den Pranger gestellt. Das finde ich unmöglich. Man sollte Achtung vor Anderen haben und nicht einfach alle unter Generalverdacht stellen.

Oft heißt es, Satire dürfe alles. Hat der WDR mit dem Beitrag eine Grenze überschritten?

Ich weiß nicht, ob das Lied satirisch gemeint war. Mich stört, dass Omas generell als Umweltsünder hingestellt werden. Unsere Generation ist noch in die Schule gelaufen und wurde nicht mit dem Auto gefahren. Urlaubsreisen waren nicht selbstverständlich. Ich habe noch nie eine Kreuzfahrt gemacht. Auch würde ich mir nie einen Coffee to go im Einwegbecher kaufen. 

Umweltsau-Satire des WDR: Wer sind die Umweltsünder? 

Wer holt sich diese Sachen? Die Generation, die Omas generell für Umweltsünder hält. Bin ich ein Umweltsünder, weil ich Motorrad fahre? Ja, ich fahre mit dem Auto an die Arbeit, weil ich so mehrere Erledigungen verbinden kann. Meinen Kindern und Enkeln habe ich aber schon früh beigebracht, dass sie das Wasser nicht unnötig lange laufen lassen und dass sie das Licht auch wieder ausschalten. Für viele ist so etwas leider nicht mehr selbstverständlich.

Der Kinderchor hat die ganze Nation mehrere Tage beschäftigt. Sind wir alle ein bisschen verrückt geworden?

Vielleicht liegt das auch daran, dass sich manche ertappt fühlten. Wie sagt man: Nur getroffene Hunde bellen.

Es gab sogar Morddrohungen gegen den verantwortlichen WDR-Mitarbeiter. Neonazis demonstrierten vor seiner Wohnung.

Diese Reaktionen gehen natürlich gar nicht. Man kann seine Meinung niemals militant vertreten. Meiner Ansicht nach liegt das an den sozialen Medien. Dort finden Menschen einen Aufhänger und sofort wird ohne Rücksicht auf Verluste geschossen. Das hat die Menschen verändert. Man merkt das auch auf der Straße. In München hat ein Vater gerade einen Raucher krankenhausreif geschlagen, weil er seine Kinder und seine Frau vor dem Zigarettenqualm beschützen wollte. So etwas hätte es früher nicht gegeben.

Oma aus Kassel: Das sagt sie zur Umweltsau-Satire des WDR

Sie sind Mitglied im nordhessischen Harley-Chapter Lakeside. Wie viel Kilometer fahren Sie im Jahr?

Etwa 8000 Kilometer. Ich bin nicht die einzige Frau. Meinen Führerschein habe ich erst mit 53 gemacht. Mein Mann hatte sich kurz davor eine Harley gekauft, und ich bin anfangs als Beifahrerin mitgefahren. Aber wenn man selbst fährt, macht es mehr Spaß. Darum habe ich meine eigene Harley. Dass man bei Ausfahrten als Umweltverschmutzer beschimpft wird, habe ich bisher noch nicht erlebt.

Kurz vor Weihnachten twitterte Fridays for Future: „Warum reden uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei.“ Haben die Jungen zu wenig Respekt vor den Alten?

Solche Sätze sind natürlich böse. Sie erwecken den Eindruck, als würden die Erwachsenen nach dem Motto leben: Nach mir die Sintflut. Das stimmt nicht. Meinen ökologischen Fußabdruck habe ich noch nie ausgerechnet, aber ich handel umweltbewusst, wann immer es möglich ist. Und das tue ich nicht erst seit Kurzem, sondern schon immer.

Generationenkonflikte gab es auch schon früher, etwa bei den 68ern. Ist die Kluft zwischen Alt und Jung größer geworden?

Nein, wir nehmen sie durch die sozialen Medien nur viel stärker wahr. Alles geht sofort um die ganze Welt. Ich bin nicht mal bei Facebook.

Marion Heine findet die Umweltsau-Version von "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" geschmacklos. 

Haben Sie auch schon bei Fridays for Future mitdemonstriert?

Nein, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie demonstriert. Ich würde das auch nie tun. Lieber versuche ich, aktiv in meinem Alltag etwas zu verändern. Es ist gut, dass sich die jungen Leute mit dem Klimawandel beschäftigen, aber ich frage mich: Leben sie auch danach, wie sie reden? Oder denken sie nicht insgeheim: Verzichten sollen die Anderen. Ich weiß auch nicht, ob die Jugendlichen von heute noch Strümpfe stopfen können. Sie werfen sie wahrscheinlich eher weg. Ich weiß, dass man nicht verallgemeinern sollte, aber ein bisschen ist es schon so.

Welche guten Vorsätze haben Sie sich für dieses Jahr vorgenommen?

Ich möchte weiterhin ein guter Mensch bleiben.

Viele finden das gar nicht gut. Für Rechte ist Gutmensch zum Schimpfwort geworden.

Ein Gutmensch ist für mich jemand, der keinem anderem etwas zuleide tut und andere Meinungen respektiert. Wir sollten alle versuchen, gute Menschen zu sein.

Die „Umweltsau-Satire“ zieht weite Kreise: Jetzt hat ein freier Journalist die Zusammenarbeit mit dem BR gekündigt. Er fühlte sich im Bedrohungsfall von der Sendeanstalt nicht ausreichend unterstützt, wie fr.de* berichtet. 

fr.de* ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Netzwerkes. 

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