Recherchen von BuzzFeed News

Hunderte Gewalttaten pro Jahr in forensischen Kliniken

Eine Tür in einer forensischen Klinik – durch ein Fenster ist ein Pfleger zu sehen.
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Viele forensische Kliniken sind überfüllt. Und: Seit Jahren werden mehr Gewalttaten gemeldet.

In den 78 deutschen Kliniken des Maßregelvollzugs kam es zuletzt zu hunderten Angriffen auf Pflegekräfte und Untergebrachte.

Mitarbeit: Laurenz Schreiner

Mehr als 450 tätliche Angriffe gegen Pflegekräfte, rund 400 Übergriffe gegen Untergebrachte – so viele Gewalttaten in forensischen Kliniken meldeten die 16 Bundesländer auf Anfrage von BuzzFeed News Deutschland* zuletzt pro Jahr. Die Zahlen steigen den Recherchen zufolge seit Jahren kontinuierlich. Mehrere Bundesländer schreiben, dies bedeute jedoch nicht, dass es häufiger zu Gewalt komme. Die gesamte Recherche von BuzzFeed News finden Sie hier*.

In den forensischen Kliniken in Deutschland werden jährlich rund 13.000 psychisch kranke und drogenabhängige Menschen untergebracht, die straffällig geworden sind. Eine Recherche zu den Missständen im Maßregelvollzug in Deutschland von BuzzFeed News, das zu IPPEN.MEDIA gehört, hatte kürzlich gezeigt, dass Gewalttaten zumindest in einzelnen Fällen auch im Zusammenhang mit Missständen in den Kliniken stehen. So sind die Kliniken unseren Recherchen zufolge derzeit in neun Bundesländern überfüllt. In zwei weiteren Bundesländern ist die Kapazitätsgrenze erreicht. 

Behandlungen in forensischen Kliniken fallen aus, Patient:innen landen in Isolierzimmern

Ärzt:innen und Therapeut:innen berichteten gegenüber BuzzFeed News, dass Behandlungen häufig ausfallen und von nicht ausreichend qualifiziertem Personal durchgeführt werden. Patient:innen werden in Isolierzimmer einquartiert, die eigentlich für Notfälle frei bleiben sollten. Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten berichten, dass sie gefährliche Situationen nicht deeskalieren können oder überfordert seien – sie sind zu wenige und die Patienten zu viele. Deshalb komme es auch zu Gewalt und Zwangsmaßnahmen. Auch Untergebrachte leiden stark unter den Zuständen. 

Der Blick in einzelne Bundesländer zeigt nun, dass die Zahl der Gewalttaten seit 2005 kontinuierlich ansteigt. In mehreren Bundesländern wie etwa in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen haben sich zum Beispiel die Angriffe auf Pflegekräfte in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht. Trotzdem gab die Hälfte der Bundesländer an, dass sie nicht von einer Zunahme der Gewalt ausgehen. Stattdessen erklären sie den Anstieg der Gewalttaten mit verschiedenen Ursachen. 

Zahl der Untergebrachten in Psychiatrien deutlich erhöht

So hat sich die Zahl der Untergebrachten in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Vor allem die Zahlen der Menschen, die wegen einer Drogensucht in den Maßregelvollzug kommen, sind drastisch gestiegen und haben sich seit 2007 fast verdoppelt. Zudem habe sich die Dokumentation solcher Angriffe in den vergangenen Jahren geändert. „Mittlerweile werden Tätlichkeiten von Untergebrachten zum Schutz der Beschäftigten und Mitpatienten konsequenter und strukturierter erfasst und verfolgt“, heißt es zum Beispiel vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit Mecklenburg-Vorpommern. 

Hinzu kommt, dass die Bundesländer Gewalttaten unterschiedlich erfassen. Während das Saarland das „Werfen einer Shampooflasche in Richtung von Bediensteten“ bereits als Gewalt gegen Pflegepersonal registriert, nehmen andere nur Gewaltfälle mit Verletzungsfolgen auf. Berlin lieferte als einziges Bundesland keine Zahlen, doch die Zeit und der NDR berichteten kürzlich, dass es hier 2020 zu mindestens 300 Übergriffen gegen Mitarbeiter:innen gekommen sein soll. Die Berliner Gesundheitssenatsverwaltung schreibt auf Anfrage nur, sie könne diese Zahlen nicht nachvollziehen. Bayern und Sachsen erfassen Gewalt im Maßregelvollzug nur teilweise, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt gar nicht.

Überfüllung der forensischen Kliniken mittlerweile eine „Gefahr für die allgemeine Sicherheit“

Gleichzeitig sind die Maßregelvollzugskliniken genau in letzterem Bundesland so voll, dass das zuständige Sozialministerium Sachsen-Anhalt laut Medienberichten in einer vertraulichen Bestandsaufnahme vor einer „Gefahr für die allgemeine Sicherheit“ warnte. Verurteilte Straftäter müssten wegen der Überfüllung untherapiert aus der Haft entlassen oder in Freiheit belassen werden.

Für das Jahr 2020 kommt hinzu, dass wegen der Corona-Pandemie deutlich weniger Ausgänge und Besuche für die Patienten erlaubt waren. Das habe in Nordrhein-Westfalen zu weiteren Gewalttaten geführt, schreibt das dortige Gesundheitsministerium auf Anfrage.

Immerhin: Mord oder Totschlag meldeten die Ministerien in den von BuzzFeed News abgefragten Vergleichsjahren 2005, 2010, 2015, 2019 und 2020 kein einziges Mal. Zu Suiziden kommt es dagegen immer wieder. Deutschlandweit begehen jedes Jahr etwa ein Dutzend Menschen in forensischen Kliniken Selbsttötungen.

Präventionsmaßnahmen gegen Gewalt im Maßregelvollzug in mehreren Bundesländern

Mehrere Bundesländer gaben an, verschiedene Präventionsmaßnahmen gegen die Gewalttaten zu ergreifen. So bieten unter anderem Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Baden-Württemberg Deeskelationsseminare für Mitarbeiter im Maßregelvollzug an. In Brandenburg habe man durch bauliche Veränderungen auf die Zunahme der Gewalt reagiert und beispielsweise zusätzliche Gitterwände errichtet. Hier soll außerdem die Zahl der sogenannten Krisenzimmer erhöht worden sein, in denen aggressive Patienten in akuten Situation isoliert werden können. 

Auch Bayern schreibt, den Maßregelvollzug durch Umbauten verbessern zu wollen. Es werde „großer Wert auf eine offene und zwangs- bzw. aggressionsvermeidende Bauweise“ gelegt, breite Gänge und Rauchgelegenheiten seien dafür Beispiele. Außerdem gibt Bayern an, mehr Pfleger:innen im Maßregelvollzug einzustellen. In Mecklenburg-Vorpommern soll außerdem das Essbesteck angepasst werden, sodass es nicht mehr als Stichwaffe genutzt werden kann.*BuzzFeed News Deutschland ist Teil von IPPEN.MEDIA.

Diese Recherche entstand in Zusammenarbeit mit Carolin Haentjes und Antonia Märzhäuser. Die Ursprungsrecherche finden Sie hier*. Das Recherche-Team von BuzzFeed News Deutschland erreichen Sie unter recherche@buzzfeed.de.

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