Ladendiebstahl kostet Einzelhandel Milliarden

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Mehr als die Hälfte der im Wert von 3,7 Milliarden verschwundenen Waren gehen auf das Konto von Ladendieben.

Köln - Der Einzelhandel muss wegen Ladendiebstählen jedes Jahr große Verluste hinnehmen. Der Schaden ist zwar im Vergleich zum vergangenen Jahr etwas zurückgegangen, aber die Diebe arbeiten ständig mit neuen Tricks.

Hier ein schneller Griff ins Süßwarenregal, dort ein Paar Jeans in die Tasche gestopft: Im deutschen Einzelhandel sind im vergangenen Jahr nach Branchenschätzungen Waren im Wert von 3,7 Milliarden Euro verschwunden - fast ein Prozent des Gesamtumsatzes. Ladendiebe verursachten mehr als die Hälfte des Schadens, und über ein Fünftel ging auf unehrliche Mitarbeiter zurück. Doch die Gegenmaßnahmen der Händler scheinen erste Wirkungen zu zeigen: Denn im Vergleich zu 2009 sind die sogenannten Inventurdifferenzen um etwa 5 Prozent zurückgegangen - so deutlich wie noch nie. Das ergab eine am Dienstag veröffentlichte Studie des Handelsforschungsinstituts EHI in Köln.

Videokameras, Warensicherungssysteme und Detektive: Solche Sicherheitsmaßnahmen lässt der Handel sich jährlich rund 1,2 Milliarden Euro kosten. Als Folge von Warendaten-Analysen platziert man Produkte, die häufig geklaut werden, nun an besser beobachteten Stellen im Laden. In manchen Innenstädten patrouillieren Wachleute, die von der Händlergemeinschaft bezahlt werden.

Als wichtigstes Mittel im Kampf gegen Diebe gilt aber die Schulung der Mitarbeiter. “An der Supermarkt-Kasse auf typische Verstecke achten, im Bekleidungsgeschäft die Kunden fragen, ob man ihnen helfen kann - solche Dinge sind oft schon sehr effektiv“, sagt Frank Horst, Leiter des Bereichs Inventurdifferenzen beim EHI. Auf die notwendige Auffrischung der Schulungen werde bei einigen Unternehmen allerdings aus Zeit- und Kostengründen verzichtet. “Da könnten manche noch mehr tun.“

Der EHI-Studie zufolge gehen 51,6 Prozent der gesamten Inventurdifferenzen auf Ladendiebstahl zurück. 22,4 Prozent entfallen auf kriminelle Mitarbeiter, 9,3 Prozent werden Lieferanten oder Reinigungspersonal angelastet. 16,7 Prozent kommen durch Buchungsfehler zustande. Für seine Studie hat das EHI 88 Handelsunternehmen mit insgesamt 15 000 Filialen befragt.

Ladendiebe haben demnach für 1,9 Milliarden Euro zugegriffen. Allein im Lebensmittelhandel passiert jeder 200. Einkaufswagen unbezahlt die Kasse. Der durchschnittliche Warenwert pro Diebstahl liegt laut EHI bei 65 Euro.

Beliebte Beute sind kleine, aber vergleichsweise teure Artikel wie Rasierklingen, Kosmetik, Zigaretten oder Batterien. “Vor allem in Drogerien werden da manchmal mit einem Griff fünf oder zehn Packungen abgeräumt, das ist dann gleich ein hoher Schaden“, sagt Horst. In Bekleidungshäusern führen Jeans und Dessous die Diebstahl-Hitliste an, im Elektronikhandel sind es Konsolenspiele und CDs.

Nach Angaben des Handelsverbands HDE gibt es drei verschiedene Typen von Ladendieben: Gelegenheitsdiebe, Drogenabhängige, die mit Kriminalität ihre Sucht bezahlen, und organisierte Banden. “Letztere machen uns die größten Sorgen“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. “Solche Banden haben sich auf hochwertige Waren wie Schmuck, Parfüm oder Lederjacken spezialisiert, die sie dann auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen.“ Diese Profi-Täter dächten sich immer neue Tricks aus - und der Handel versuche, mit immer spezielleren Diebstahlsicherungen dagegenzuhalten. “Das ist wie ein Wettrüsten“, erklärt Genth.

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik ist die Zahl der Ladendiebstähle seit mehreren Jahren rückläufig. Von 2009 auf 2010 sank sie um 1,9 Prozent auf 387 662 Fälle. Doch nach Überzeugung des Handels gibt es eine extrem hohe Dunkelziffer von 98 Prozent. Rund 30 Millionen Ladendiebstähle blieben jährlich unentdeckt.

Neben den Ladendieben leisten auch eigene Mitarbeiter einen unrühmlichen Beitrag zum Thema Inventurdifferenzen: Rund 800 Millionen Euro gehen laut EHI-Studie auf ihr Konto. So würden zum Beispiel Beträge an Leergutkassen abgezweigt oder fingierte Umtausch-Belege ausgestellt, erzählt Horst.

Um solchen Machenschaften auf die Spur zu kommen, müsse in begründeten Verdachtsfällen auch weiterhin die verdeckte Videoüberwachung erlaubt bleiben, fordert HDE-Chef Genth. Doch damit könnte demnächst Schluss sein: Die Bundesregierung will den Beschäftigtendatenschutz ausbauen und die heimliche Videoüberwachung von Mitarbeitern generell verbieten. Ein entsprechender Gesetzentwurf wird derzeit im Bundestag beraten.

dpa

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