Nachbeben erschüttern Norden Italiens

Rom/Ferrara/Modena - Das Erdbebengebiet im Norden Italiens kommt nicht zur Ruhe. Nachbeben erschütterten weiter die Region Emilia Romagna. Heftige Regenfälle machen Opfern und Rettern zu schaffen.

“Es ist wie im Film - irreal“, sagt eine Frau. Eine andere weint. “Ich bin verzweifelt“ ruft sie in die Fernsehkameras. Nach dem schweren Erdbeben in der Region Emilia Romagna sind die Hilfsmaßnahmen für die Opfer angelaufen. Matratzen liegen auf dem Boden einer Turnhalle. Dort werden die Menschen auch die nächsten Nächte verbringen. Die erste Nacht ist unruhig. Nachbeben erschüttern die Region. Die schwersten Erdstöße erreichen in der Nacht zum Montag eine Stärke von 3,7. Im strömenden Regen stellen Helfer Zelte auf. Viele sind noch in der Nacht aus den umliegenden Regionen angereist.

“Es gibt hier keine Ruhe“, sagt der Bürgermeister des schwer betroffenen Ortes San Felice, Alberto Silvestre, am Montagnachmittag der Nachrichtenagentur dpa. Die ständigen Nachbeben sorgen für Angst und Schrecken. Der Uhren-Turm des Ortes ist halb eingestürzt - das in der Mitte durchgerissene Zifferblatt ist schon fast zum Symbol des Bebens geworden. Doch die Ruine ist einsturzgefährdet - vielleicht müsse der Turm eingerissen werden, sagt Silvestre, der von einem Termin zum anderen eilt.

Das schlechte Wetter macht die Arbeit der Helfer nicht leichter. “Ja, es behindert uns, aber wir kommen voran“, erläutert der Feuerwehrchef der Provinz von Ferrara, Cristiano Cusin. “Unsere erste Arbeit war die erste Hilfe für die Menschen, die in Schwierigkeiten sind, jetzt haben wir angefangen, die Gebäude auf ihre Standfestigkeit zu überprüfen.“

Schweres Erdbeben erschüttert Italien

Schweres Erdbeben erschüttert Italien

Überall liegen Trümmer, in Straßen und Gebäuden klaffen Risse - wie nach einem Bombenanschlag, beschreiben die Menschen die Situation. Die Erdstöße waren in großen Teilen des Landes zu spüren. Noch in Como im Nordwesten am Alpenrand und in nördlichen Bozen berichten Einwohner, sie hätten das Beben bemerkt. Am Gardasee wurden Urlauber aus dem Schlaf geweckt.

An die 4000 Menschen haben nach dem Beben der Stärke 6,0 am frühen Sonntagmorgen kein Dach mehr über dem Kopf und verbringen die Nacht in Notunterkünften oder bei Freunden und Verwandten. Viele trauen sich nach dem Schock nicht einmal mehr in ein Gebäude - und übernachten lieber in ihren Autos.

Mindestens sieben Menschen kamen bei dem Beben ums Leben. Vier Arbeiter starben in einstürzenden Fabrikhallen und Betrieben. Das Epizentrum lag in Sant'Agostino in der Provinz Ferrara. Dort wurde eine Seniorin im Bett von Teilen der herunterfallenden Decke erschlagen; sie wäre im Juni 103 Jahre alt geworden. Eine 86-Jährige erlitt einen Schlaganfall. Eine 37-jährige Deutsche, die in der Region Bologna arbeitete, starb möglicherweise durch den Schreck. Sie soll obduziert werden.

Überglücklich ist dagegen die Mutter der kleinen Vittoria. Die Fünfjährige war in Finale Emilia in ihrem Kinderzimmer verschüttet worden. Sie sei telefonisch nicht zu den Rettungskräften durchgekommen, sagt Alessandra Grillonzini am Montag dem Sender Sky TG24. Schließlich rief sie ihren Bruder in New York an - der es schaffte, die Helfer zu alarmieren. “Es hat viel Angst geben“, sagt die Mutter. “Jetzt ist alles gut.“ Denn wie durch ein Wunder überlebte die Kleine fast unverletzt. Aus den Trümmern geborgen sagte sie in die Kameras: “Ich liebe Mama.“

Das Beben war etwas weniger stark als das von L'Aquila, das am frühen Morgen 6. April 2009 die Stadt in den Abruzzen erschütterte. Wertvolle Kulturgüter wurden aber auch dieses Mal zerstört. Am Schloss von der Ferrara, dessen Stadtkern zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, wurde nach Medienberichten ein Turm beschädigt. Eine Madonna-Statue in der Basilika Santa Maria in Ferrara stürzte zu Boden und zerschellte. Mehrere alte Kirche in Ferrara, Bologna und in kleineren Orten bekamen Risse und wurden gesperrt.

In L'Aquila sind bis heute Teile des historischen Stadtkerns gesperrt - der Wiederaufbau schleppt sich hin. 300 Menschen starben, 67 000 wurden obdachlos. Möglicherweise sei die Lage des Epizentrums der Grund für die weit größeren Opferzahlen von damals, sagt der Geophysiker Hans-Peter Bunge von der Universität München. Denn dieses Mal traf es keine große Stadt, sondern eher kleine Gemeinden.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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