Wissenschaftler untersucht Phänomen

Nahtoderfahrungen: Berichte aus dem Jenseits?

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Ermöglichen Nahtoderfahrungen einen Blick ins Jenseits? Oder handelt es sich um Illusionen?

München - Was passiert, wenn wir gestorben sind? Manche Menschen behaupten, schon einen Blick ins Jenseits geworfen zu haben - bei einer Nahtoderfahrung. Ein deutscher Religionsphilosoph hat das Phänomen erforscht. Zum Interview.

Nein, als leichtgläubig kann man Eben Alexander sicher nicht bezeichnen. Der renommierte Neurochirurg und Dozenten an der Elite-Uni Harvard sieht sich nach eigenem Bekunden zeitlebens als als skeptischer Naturwissenschaftler. Bis er mit 54 Jahren an einer extrem seltenen Form der Hirnhautentzündung erkrankt. Er fällt ins Koma. Die Ärzte stellen fest, dass sein Gehirn irreparabel geschädigt ist, und prognostizieren sein baldiges Ende. Doch Eben Alexander kehrt ins Leben zurück – und gesundet innerhalb kurzer Zeit. Minutiös berichtet der Gehirnforscher, was er während des Komas durchlebte: Begleitet von einem Engelwesen taucht er ein in eine Welt ohne Zeit und Raum, in der sich ihm die göttliche Quelle allen Seins offenbart. Hier will er erfahren haben: Wir alle sind Teil eines universalen, unsterblichen Bewusstseins. Seine Erlebnisse hat Eben Alexander im jüngst erschienen Buch "Blick in die Ewigkeit. Die faszinierende Nahtoderfahrung eines Neurochirurgen" (Integral Verlag) geschildert, das sich derzeit auch auf den vorderen Plätzen der "Spiegel"-Bestsellerliste liegt.

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Auch der Religionsphilosoph Stefan Högl aus Niederaichbach (Landkreis Landshut) hat Nahtoderlebnisse erforscht. Im Interview spricht er über seine Forschungsergebnisse.

Herr Högl, was ist eigentlich eine Nahtoderfahrung?

Högl: Der Begriff ist in den 1970er Jahren geprägt worden. Man versteht darunter Erfahrungen von Menschen in Todesnähe, die sich erstaunlicherweise stark ähneln - und zwar über Zeiten und Kulturräume hinweg.

Wovon berichten diese Menschen?

Högl: Dass sie in einen Tunnel oder Strudel geraten sind. Dann tauchen sie in eine Landschaft ein, die sie mit Worten kaum beschreiben können mit ganz intensiven Eindrücken. Sehr oft kommt es zu einem Wiedersehen mit verstorbenen Angehörigen. Eine Lichtgestalt tritt ihnen gegenüber, die sie als Inbegriff von Weisheit und Liebe beschreiben. Oft folgt eine Rückschau auf das eigene Leben, was gut oder schlecht gelaufen ist. Die Rückkehr ins Leben erfolgt dann ganz unvermittelt - oder eine Person teilt mit, dass man noch eine Aufgabe zu erledigen habe.

Wie kann man Nahtoderfahrungen erforschen?

Högl: Man kann zunächst zuhören und aufschreiben, was diese Personen mitteilen. Dann sucht man nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Es lässt sich feststellen, dass es sich um eine universelle Menschheitserfahrung handelt. Auch die historische und religionswissenschaftliche Forschung liefert Hinweise. Im Christentum ist das in der Bibel beschriebene Damaskuserlebnis ein Indiz. Die Wandlung von Saulus zum Paulus wurde schon oft als eine Nahtod- oder Transzendenzerfahrung interpretiert.

Was für Gemeinsamkeiten gibt es?

Högl: Innerhalb einer Kultur sind die Erfahrungen recht ähnlich. Untersucht man das kulturübergreifend, dann fährt quasi der New Yorker mit einem gelben Taxi in den Himmel, der Inder reitet auf einer Kuh. Mal muss man eine Brücke überschreiten, mal über ein Feuer springen. Doch einige Grundkonstanten bleiben: Der Moment des Übergangs, die Lichtgestalt, dass die Wahrnehmungen die irdischen Emotionen in Intensität und Qualität bei weitem übersteigen. Viele Nahtoderfahrungen sind auch mit einem „Out-of-Body“-Erlebnis verbunden.

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Was ist das denn?

Högl: Der Eindruck, sich vom physischen Körper abgespalten zu haben und sich dann von oben oder von der Seite zu sehen. Erst nach kurzem Innehalten sehen die Betroffenen, dass sie selbst da liegen. Sie sehen sich selbst. Das führt zu erstaunlichen Beobachtungen. In den USA ist etwa ein Fall gut dokumentiert: Der Körper einer Frau wurde auf 15 Grad heruntergekühlt, um eine Gehirnader zu operieren. Dabei konnte die Frau nach der OP präzise beschreiben, wie das Werkzeug der Ärzte aussah. Zu diesem Zeitpunkt war aber so gut wie keine Gehirnaktivität mehr messbar. Sie hätte das gar nicht sehen können.

Wie lässt sich das erklären?

Högl: Skeptiker behaupten, dass sich das Gehirn aus Geräuschen eine Art Vogelperspektive kreiert: eine Fiktion. Das glaube ich aber nicht. Die Beschreibungen sind dafür meist zu genau.

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen? Ermöglichen Nahtoderfahrungen einen Blick ins Jenseits?

Högl: Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch mehr ist als bloße Chemie und Physik, dann sind Nahtoderfahrungen der einzige Weg, der jenseitigen, der transzendenten Welt zumindest nahe zu kommen. Die Berichte wird man aber als eine Art Umschreibung dieser Wirklichkeit deuten müssen, als eine Annäherung an diese. Den vielen Berichten liegt aber ein realer Kern zugrunde.

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Verändert eine Nahtoderfahrung einen Menschen?

Högl: Das ist sogar ein wesentliches Kennzeichen. Wer einen Herzinfarkt überlebt hat, feiert vielleicht einen zweiten Geburtstag im Jahr. Nach einer Nahtoderfahrung verändern Menschen ihr ganzes Leben. Man spricht von den „After Effects“: Sie sind stärker auf der Sinnsuche, werden manchmal religiöser, aber weniger dogmatisch. Die meisten Leute verlieren ihre Angst vor dem Tod nach diesem großartigen Erlebnis. Trotzdem ist es für sie schwer, darüber zu reden. Sie möchten ein neues Leben beginnen und wurden früher oft als Spinner abgestempelt.

Was bedeuten Nahtoderfahrungen für die Religion?

Högl: Sie bedeuten sehr viel. Leider wird das Thema oft von esoterischen Strömungen vereinnahmt. Viele Menschen erkennen aber, dass diese Erfahrungen beschreiben, was Religionen schon seit tausenden von Jahren sagen: Nach dem Tod ist nicht Schluss.

Von Lukas Fleischmann

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