Heldin des US-Massakers

Lehrerin starb, weil sie ihre Schüler schützte

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Die Lehrerin Victoria Soto gilt als eine der Heldinnen des Blutbads

Newtown - Vier Tage nach dem Blutbad von Newtown ist eine Totenwache für eine Lehrerin angesetzt, die erschossen wurde, als sie sich dem Täter in den Weg stellte, um ihre Schüler zu schützen.

Nach dem bewegenden Abschied von zwei kleinen Jungen am Vortag war auch eine Totenwache für die Lehrerin Victoria Soto geplant. Die hatte sich offenbar dem Täter in den Weg gestellt, um mehrere der ihr anvertrauten Kinder zu retten. Die 27-Jährige unterrichtete gerade Erstklässler, als Adam Lanza in ihr Klassenzimmer eindrang. Es gibt Hinweise, dass Soto einige ihrer Schüler versteckte und den Amokschützen anlog, sie seien im Sportunterricht. Dann drückte Lanza ab, Soto starb im Kugelhagel. 

Sechs ihrer Schützlinge war wohl dank ihres heldenhaften Einsatzes die Flucht aus dem Schulgebäude gelungen. Dabei mussten sie offenbar an der Leiche ihrer Lehrerin vorbei. Völlig verstört setzten sie sich in die Auffahrt des Hauses eines Rentners in der Nähe der Schule. „Wir können nicht in die Schule zurück“, sagte ein kleiner Junge zu Gene Rosen. „Unsere Lehrerin, Frau Soto, ist tot. Wir haben keine Lehrerin mehr.“ Rosen, ein pensionierter Psychologe, lud die vier Mädchen und zwei Jungen zu sich nach Hause ein, gab ihnen Spielzeug und fing an den Beschreibungen der Jungen zuzuhören, wie ihre Lehrerin kaltblütig ermordet wurde.

„Sie berichteten, er hatte eine große Waffe und eine kleine Waffe“, erzählt der Psychologe. Mehr von den Erzählungen der Kinder will er nicht preisgeben. Er rief die Eltern der Kleinen über die Nummern an, die er von dem Schulbus-Betreiber bekommen hatte. Überglücklich holten sie ihre Kinder später ab. Ein Mädchen, sagt Rosen, habe die ganze Zeit eine Hundepuppe eng an sich gedrückt und aus dem Fenster nach ihrer Mutter Ausschau gehalten.

Er habe 15 Minuten zuvor das Stakkato der Schüsse gehört, berichtet der 69-Jährige, hielt es aber für einen hartnäckigen Jäger in den nahe gelegenen Wäldern. „Ich hatte keine Ahnung, was passiert.“

Im Lauf des Tages war mindestens eine weitere Beerdigung angesetzt.

Unterricht geht weiter

Mit Ausnahme der Sandy-Hook-Grundschule, in der ein Amokschütze 26 Menschen tötete - öffneten am Dienstag alle Schulen wieder. Trotz verstärkter Sicherheitsvorkehrungen herrschte große Nervosität, viele Eltern wollten ihre Kinder noch zu Hause behalten. Landesweit wurde darüber diskutiert, wie derartige Massaker mit Schusswaffen verhindert werden könnten. 

Motiv bleibt rätselhaft

In der 27.000-Einwohner-Stadt hatte am vergangenen Freitag der 20 Jahre alte Adam Lanza zuerst seine Mutter, dann 20 Kinder und sechs Erwachsene in der Grundschule erschossen, bevor er sich selbst das Leben nahm. Was den extrem in sich gekehrten jungen Mann dazu trieb, blieb ein Rätsel. Den Ermittlern zufolge hatte er keinerlei Beziehung zu der Schule. Sie fanden auch keine Briefe oder Tagebücher, die die Tat erklären würden.

Deborah Seifert von der US-Behörde für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe (ATF) bestätigte, dass Lanza und seine Mutter auf Schießständen geübt hatten und auch gemeinsam dort gewesen waren. Am Freitagmorgen war er, ganz in Schwarz gekleidet, in die Schule eingedrungen. Er trug Waffen seiner Mutter, die er zuvor im Bett erschossen hatte. Darunter soll auch ein Gewehr des Typs Bushmaster AR-15 gewesen sein, eine zivile Ausführung des beim Militär benutzten Sturmgewehrs M-16. Versionen des AR-15 fielen in den USA unter ein Verbotsgesetz von 1994, das jedoch 2004 auslief.

Waffenverein NRA auf Tauchstation

Der ansonsten höchst aktive US-Waffenverein NRA ist nach dem Schulmassaker in Newtown auf Tauchstation gegangen. Auch vier Tage nach dem Amoklauf war am Dienstag nichts auf der Website des Vereins zu lesen. Auch bei Twitter schwieg die National Rifle Association. Das Massaker hat die Debatte um Waffenkontrollen neu entfacht - die die NRA ansonsten hartnäckig bekämpft. Nun herrscht Schweigen.

„Umfassende Lösung“ gefordert

Auf politischer Ebene nahm derweil die Diskussion über ein schärferes Waffenrecht an Fahrt auf. Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, sprach von einem komplizierten Problem, das einer „umfassenden Lösung“ bedürfe. Eine schärfere Kontrolle der Waffenverkaufs sei nicht die einzige Lösung, um Bluttaten wie am vergangenen Freitag zu verhindern. Präsident Barack Obama hatte angekündigt, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Gewalttaten mit Feuerwaffen künftig zu verhindern.

Der demokratische Senator Mark Warner aus Virginia erklärte am Montag, der Amoklauf habe ihn dazu gebracht, seinen Widerstand gegen eine Verschärfung des Waffenrechts zu überdenken. Sein Parteikollege, der Senator von West Virginia, Joe Manchin, sprach sich für eine ehrliche Diskussion über vernünftige Einschränkungen im Waffenrecht aus. Manchin ist ein begeisterter Jäger und Mitglied der Waffenlobby NRA.

Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, einer der energischsten Vorkämpfer für ein schärferes Waffenrecht, forderte Obama und den Kongress erneut auf, etwas zu unternehmen. „Wenn das nicht reicht“, sagte er mit Blick auf das Blutbad von Newtown, „was dann?“

dapd/dpa

Trauer und Verzweiflung nach Amoklauf von Newtown

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