"Unter so etwas litt er sehr"

Kardinal: Skandale haben Papst aufgezehrt

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Papst Benedikt XVI. auf dem Weg zu einer Privataudienz mit dem rumänischen Präsidenten Traian Basescu

Rom - Papst Benedikt XVI. hat nach Informationen von Insidern sehr unter den Skandalen Machtkämpfen im Vatikan gelitten. Als eine seiner letzten Amtshandlungen stellte der Papst nun einen Deutschen ein.

Die jüngsten Skandale in der katholischen Kirche haben Papst Benedikt XVI. nach Ansicht von Kardinal Nicolas de Jesus Lopez Rodriguez (76) aus der Dominikanischen Republik viele Kräfte gekostet. Der Tageszeitung „Diario Libre“ sagte der Erzbischof von Santo Domingo: „Er ist immer ein Mensch gewesen, der sehr unter den Skandalen der Kirche gelitten hat. Das hat ihn zweifellos sehr verletzt.“ Was die Nachfolge angeht, erwartet Lopez ein Kirchenoberhaupt, das nicht so jung werde, wie es die Medien spekulierten.

Den Amtsverzicht Benedikts XVI. würdigt der karibische Kardinal als mutigen Schritt: „Er hat ganz einfach ein bewundernswertes Beispiel abgegeben. Einige sagen, dass sei Feigheit gewesen, aber ich glaube, das war eine große Geste von Mut und Stärke.“ Lopez ist der einzige dominikanische Vertreter unter den 117 stimmberechtigten Kardinälen im Konklave Mitte März.

Enthüllungsautor Nuzzi: Papst geht aus Enttäuschung

Eine ganz ähnliche Meinung vertritt der Journalist und Buchautor Gianluigi Nuzzi. Aus seiner Sicht ist der Papst auch aus Enttäuschung über Machtkämpfe in der römischen Kurie zurückgetreten. „Nur wer an Märchen glaubt, vertritt die Version, dass er ausschließlich aus Erschöpfung zurückgetreten ist“, sagte der Italiener am Freitag „Spiegel Online“. „Er war allein - und man hat ihn allein gelassen. Es ist ihm nicht gelungen, einem Umfeld im Vatikan zu entkommen, das in heftige Machtkämpfe verstrickt ist.“

Der Rücktritt sei eine Geste, die alle verurteile, „die sich beharrlich gegen Transparenz und Veränderungen gewehrt haben“, so der Journalist, der unter anderem ein Enthüllungsbuch über die „Vatikeaks“-Affäre im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Benedikt XVI. sei sehr enttäuscht, dass er es nicht geschafft habe, dieses System zu verändern.

Das Verhältnis zwischen dem Papst und Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der Nummer Zwei im Vatikan, war nach Meinung Nuzzis seit langem belastet. „Aber Benedikt XVI. konnte ihn nicht absetzen, das hätte ein schlechtes Licht auf ihn und seine Führungsqualitäten geworfen.“ Bertone ist seit Jahren in leitenden Funktionen an der Kurie tätig.

Anders als Bertone habe Benedikt XVI. stets zum Wohle der Kirche gehandelt, so Nuzzi. Die Gruppe um den italienischen Kardinalstaatssekretär vertrete derzeit den größten Machtanspruch im Kirchenstaat. Er hoffe, dass der kommende Papst kein Italiener werde.

Jeder zweite Deutsche zufrieden mit Amtsführung des Papstes

Nach seinem Rücktritt stehen vor allem viele Deutsche Papst Benedikt XVI. wohlwollender gegenüber. Jeder zweite Deutsche ist nach einer Umfrage zufrieden mit der Amtsführung des Bayern. Nach dem am Freitag in Köln veröffentlichten Deutschlandtrend für das ARD-Morgenmagazin zogen 52 Prozent der Befragten eine positive Bilanz. Ein Viertel, etwa 24 Prozent, der Bevölkerung erklärte, mit dem Wirken des Papstes weniger oder gar nicht einverstanden zu sein.

Unter den Katholiken erreichte Benedikt XVI. eine Zustimmung von 69 Prozent, bei den Protestanten von 53 Prozent. Bei den Konfessionslosen bekundete jeder Dritte, mit der Amtsführung des Papstes einverstanden zu sein. Insgesamt falle die Zustimmung zum Papst kurz vor seinem Ausscheiden wohlwollender aus als noch vor drei Jahren, hieß es. Im April 2010 lag sie nach den Angaben nur bei 41 Prozent; weniger oder gar nicht zufrieden waren damals 45 Prozent.

Deutscher Anwalt Freyberg wird Chef der Vatikanbank

Unterdessen ändern sich auch andere Personalien im Vatikan: Der deutsche Anwalt Ernst von Freyberg wird Chef der Vatikanbank IOR. Als einer seiner letzten Amtshandlungen als Papst unterzeichnete Benedikt XVI. am Freitag die Ernennung des ehemaligen Investmentbankers und Mitglieds des Malteserordens. Von Freyberg ist derzeit im Vorstand der in Hamburg ansässigen Schiffswerft Blohm+Voss. Die Kardinalskommission der Bank habe ihn ausgewählt, und der Papst habe seine „volle Zustimmung“ zum Ausdruck gebracht, teilte der Vatikan am Freitag mit.

Die Benennung beendet eine neunmonatige Suche nach einem Bankchef, nachdem der Aufsichtsrat dem vorherigen Präsidenten, Ettore Gotti Tedeschi, wegen Inkompetenz das Misstrauen ausgesprochen hatte. Zeitgleich hatte sich die Bank bereiterklärt, ihre Finanzen einem Ausschuss des Europarates offenzulegen, um einen Test europäischer Banken zu bestehen.

kna/AP

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