Skandal weitet sich aus

Pferdefleisch auch bei Tengelmann und Aldi

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Chemielaborantin Michaela Krämer bereitet im Veterinäruntersuchungsamt Rhein-Ruhr-Wupper in Krefeld (Nordrhein-Westfalen) eine Fleischprobe aus einer Lasagne für eine DNA-Untersuchung vor.

Leipzig - Der Pferdefleisch-Skandal weitet sich aus: Nun haben auch Tengelmann und Aldi Süd Produkte aus den Regalen genommen. Eine Expertin warnt vor den Nebenwirkungen eines im Fleisch entdeckten Medikaments.

Eine weitere deutsche Handelskette hat auf den Pferdefleisch-Skandal reagiert und eine verdächtige Tiefkühl-Lasagne aus den Regalen genommen. „Wir haben das als Vorsichtsmaßnahme getan“, sagte Vorstandschefin Petra Schumann vom Handelsunternehmen Konsum Leipzig am Freitag und bestätigte einen Bericht der „Leipziger Volkszeitung“. Konsum ist ein eigenständiges Unternehmen und bezieht seine Ware unter anderem von Edeka. 2009 feierte die lokale Supermarktkette 125-jähriges Bestehen.

Kunden, die in den Konsum-Läden die „Lasagne Bolognese Gut&Günstig“ gekauft haben, könnten sie jederzeit in einer der rund 70 Filialen in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt zurückgeben. Der Kaufpreis werde erstattet. Auch die Supermarktketten Real und Edeka haben das Tiefkühlprodukt vorsorglich aus dem Verkauf genommen, nachdem bei Analysen in einzelnen Stichproben unterschiedliche Mengen Pferdefleisch gefunden wurden.

Pferdefleisch auch bei Tengelmann und Aldi Süd verkauft

Die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann geht davon aus, dass auch ihre aus dem Verkauf genommene Lasagne der Eigenmarke A&P Pferdefleisch enthält. Der französische Hersteller Comigel habe seine Kunden am Donnerstag offiziell informiert, dass von ihm hergestellte Fertiggerichte in unabhängigen Laboren getestet worden seien und Anteile von Pferdefleisch enthalten hätten. Deshalb sei davon auszugehen, dass auch die A&P-Lasagne Pferdefleisch enthalten habe. Eigene Testergebnisse lägen noch nicht vor, erklärte Kaiser's Tengelmann am Freitag. Die A&P-Tiefkühl-Lasagne wurde am Mittwoch vergangener Woche aus dem Verkauf genommen. Kunden könnten diesen Artikel gegen Erstattung des Kaufpreises zurückgeben.

Bei Lidl wurde der Verkauf eines Nudelgerichts gestoppt. Die „Tortelloni Rindfleisch“ des Herstellers Gusto GmbH seien in Deutschland aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes vom Markt genommen worden, teilte eine Sprecherin am Freitag in Neckarsulm mit. In dem Produkt war in Österreich ein nicht deklarierter Anteil an Pferdefleisch gefunden worden, wie das dortige Gesundheitsministerium mitgeteilt hatte.

Und auch der Lebensmittel-Discounter Aldi Süd nimmt zwei Fertiggerichte aus den Regalen, nachdem eigene Analysen Pferdefleisch nachgewiesen haben. Das teilte eine Sprecherin des Unternehmens am Freitag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. Bei den betroffenen Produkten handele es sich „Ravioli, 800 g Dose (Sorte Bolognese)“ und um „Gulasch, 450 g Dose (Sorte Rind)“, der allerdings nur in Nordrhein-Westfalen verkauft wurde. Der Verkaufsstopp erfolge vorsorglich auf Bitten der Lieferanten. Nach aktueller Sachlage bestehe kein gesundheitliches Risiko für die Verbraucher. Kunden könnten die betroffenen Produkte in den Filialen von Aldi Süd gegen Erstattung des Kaufpreises zurückgegeben.

Expertin: Medikament in Pferdefleisch nicht harmlos

Unterdessen warnt die Expertin Petra Zagermann-Muncke von der Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker in Eschborn, dass das in Pferdefleisch entdeckte Medikament Phenylbutazon keineswegs harmlos ist. „Es ist ein stark wirksames Mittel gegen Entzündungen im Körper und keinesfalls total unproblematisch“, sagte Zagermann-Muncke gegenüber der dpa. Als Nebenwirkungen seien schwere allergische Reaktionen - Hautausschläge oder Asthma - oder Blutbildschäden möglich, auch unabhängig von der Dosis.

Der Wirkstoff werde gegen akute Schmerzen eingesetzt, etwa bei Rheuma oder Gichtanfällen, und maximal eine Woche verordnet. Wegen der Nebenwirkungen sei die Verordnung vor rund 20 Jahren eingeschränkt worden, das Mittel werde heute in Deutschland eher selten verschrieben.

Phenylbutazon wird bei Pferden auch als Dopingmittel verwendet. Tests der britischen Lebensmittelaufsicht hatten ergeben, dass Fleisch von acht mit dem Medikament gespritzten Pferden wohl in die Nahrungskette geraten ist. Die britischen Behörden schätzten das Gesundheitsrisiko für Menschen nach eigenen Angaben als gering ein.

Immer mehr Lasagne unter Pferdefleisch-Verdacht sichergestellt

Es ist nicht die einzige schlechte Nachricht: In Deutschland wächst die Menge der sichergestellten Packungen mit Tiefkühl-Lasagne unter Pferdefleisch-Verdacht weiter. Allein in Brandenburg blockierten die Behörden rund 26.000 Packungen, weil sie statt des angegebenen Rindfleischs möglicherweise Pferd enthalten. Es seien zuletzt 3440 Produkte hinzugekommen, teilte das Verbraucherschutzministerium am Freitag in Potsdam mit. Es gebe weiterhin keine Hinweise, dass entsprechende Ware in den Handel gelangt sei. Drei Warenlager waren in Brandenburg nach bisherigen Erkenntnissen über einen Großhändler mit der Lasagne beliefert worden. Die Ergebnisse amtlicher Proben werden nicht vor Donnerstag nächster Woche erwartet.

Regierung dringt auf Aufklärung des Pferdefleisch-Skandals

Die Bundesregierung dringt derweil auf eine zügige Aufklärung des Skandals um falsch deklarierte Produkte mit Pferdefleisch in Europa. „Wir brauchen Klarheit, ob der aktuelle Fall nur ein Einzelfall war oder vielleicht sogar die Spitze eines Eisbergs“, sagte ein Sprecher des Bundesverbraucherministeriums am Freitag in Berlin. Dazu sollten auch die angestrebten Tests in allen EU-Staaten beitragen, mit denen in Deutschland nicht bis zum Stichtag 1. März gewartet werden solle. Die Kontrollen sollten feststellen, „in welchem Land in welcher Stelle der Bruch in der Kette war“. Der Sprecher betonte, vorerst gehe es nicht um eine Gesundheitsgefahr.

„Rindfleisch“-Pasta: Pferdefleischskandal in Österreich angekommen

Auch in Österreich ist der Pferdefleisch-Skandal inzwischen angekommen. Im Fertiggericht „Tortelloni Rindfleisch“ ist ein nicht deklarierter Anteil an Pferdefleisch gefunden worden. Das teilte das österreichische Gesundheitsministerium am Freitag mit. Das Produkt war den Informationen zufolge bei Lidl Österreich erhältlich. Produziert wurde es laut Angabe der Behörde von dem Stuttgarter Hersteller „Gusto“. Bei einer von zwei genommenen Proben war Pferdefleisch nachweisbar.

Alle betroffenen Produkte werden jetzt aus den Regalen genommen, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums, Fabian Fußeis, sagte. In Österreich gab es in den vergangenen Tagen verstärkt Kontrollen von Fertigprodukten. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir noch weitere Proben mit Pferdefleisch entdecken“, sagte Fußeis.

Pferdefleisch in britischen Schulen und Kliniken gefunden

In Großbritannien und Irland wurden Pferdefleisch-Gerichte nun an mehreren Schulen, Krankenhäuser und auch in Restaurants entdeckt. Dies zeigten Tests, die die britische Lebensmittelbehörde Supermärkte und andere Anbieter hatte vornehmen lassen. Von Großbritanniens größtem Hotel- un Restaurantunternehmen Whitbread PLC hieß es am Freitag, Pferde-DNA sei in Lasagnen und in Burgern ihres Speiseplans gefunden worden. Man sei „schockiert und enttäuscht über dieses Versagen bei der Zuliefererkette für die Fleischversorgung“, teilte das Unternehmen mit, zu dem auch die Hotels der Kette Premier Inn sowie die Restaurantketten Brewers Fayre und Beefeater Grill gehören.

Nach Angaben von Behörden wurde Pferdefleisch zudem in Aufläufen gefunden, die an 47 Schulen in der Grafschaft Lancashire in Nordengland ausgeliefert wurden, sowie in Krankenhausmahlzeiten in Nordirland. Die Krankenhausspeisen eines Zulieferers aus Nordirland seien zurückgezogen worden, hieß es vom Gesundheitsdienst.

dpa

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