Mit der Rute auf den Hintern

Opfer berichtet über Prügelstrafen bei den "Zwölf Stämmen"

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Blick auf die Kirche in Klosterzimmern bei Deiningen (Bayern) im Nördlinger Ries. Dort lebt die Glaubensgemeinschaft der "Zwölf Stämme". Foto: Daniel Karmann

Nördlingen - Ein Polizeieinsatz bei den „Zwölf Stämmen“ hat vor zwei Jahren großes Aufsehen erregt. Die Behörden holten 40 Kinder aus der Sekte, um sie vor Prügelstrafen zu schützen. Nun steht ein Mann vor Gericht, der zur Rute gegriffen haben soll.

Als Lehrer soll er bei der umstrittenen Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ Kinder geschlagen haben. Nun steht der 54-Jährige in Bayern vor Gericht. Der Prozess wurde am Montag zur Bühne für einen heftigen Schlagabtausch zwischen den beiden Verteidigern einerseits und dem Staatsanwalt und der Richterin andererseits. Ein Urteil wird das Amtsgericht Nördlingen frühestens am kommenden Montag verkünden, eventuell auch erst im Dezember.

Der Mann wird beschuldigt, vor circa neun Jahren einen damals etwa 14 Jahre alten Schüler mit einer mehr als einen Meter langen Rute ein halbes Dutzend Mal auf den Hintern geschlagen zu haben. Der Angeklagte weist alles zurück: „Die ganze Sache ist absolut aus der Luft gegriffen.“ Weitere Angaben macht er nicht, denn den Vorfall habe es nie gegeben, führt sein Rechtsanwalt aus.

Der Schüler von damals ist heute 23 Jahre alt und hat schon mehrfach Interviews zu den Prügelstrafen bei den „Zwölf Stämmen“ gegeben - einer Gemeinschaft, in der Kritiker und Aussteiger eine hierarchisch straff organisierte Sekte sehen. Vor Gericht wirft er den Lehrern vor, häufig Kinder geschlagen zu haben. Sie hätten den Kindern „so, wie sie gerade lustig waren, auf den Hintern gehauen“, sagt der Zeuge. „So ist es tagein, tagaus gewesen.“ Auch der 54-Jährige habe ihn mehrfach geprügelt. Wenn ein Kind im Unterricht unaufmerksam gewesen sei oder mit dem Tischnachbarn geredet habe, dann habe es Schläge gegeben.

Die Verteidiger Michael Langhans und Hans-Walter Forkel wollen den 23-Jährigen und seine ebenfalls als Zeugen geladenen Eltern als unglaubwürdig erscheinen lassen und werfen ihnen mehrfach falsche Angaben vor. Dies bringt Richterin Miriam Schmitt-Wüstenhagen und Staatsanwalt Matthias Ernst immer wieder in Fahrt.

Zumal die Anwälte der Richterin auch vorhalten, sie sei möglicherweise nicht objektiv und wolle den Sachverhalt nicht aufklären. Die Vorsitzende reagiert mit Unverständnis. „Ich darf jetzt ermitteln, ich mache das jetzt auch“, entgegnet die Richterin den Anwälten, als sie eine Zeugin in den Sitzungssaal bittet. Als die Verteidiger die Zeugenbefragung wieder einmal zu langen Ausführungen nutzen, fordert Staatsanwalt Ernst seine Kontrahenten trocken auf: „Stellen Sie doch mal die Frage!“

Bereits zu Beginn des Prozesses kommt es durch eine Reihe von Anträgen der Anwälte mehrfach zu Verzögerungen. Am Ende des ersten Verhandlungstages gibt es von ihnen dann mehrere Beweisanträge.

Bereits in der Vergangenheit liefen ähnliche Strafverfahren gegen Mitglieder der Glaubensgemeinschaft. Drei Mütter sind in Nördlingen schon zu Bewährungsstrafen verurteilt worden, zwei Verfahren sind aber noch nicht rechtskräftig. Mehrere weitere Prozesse sollen folgen.

Der 54-Jährige sollte eigentlich auch nicht allein vor Gericht stehen, aber bei der Zustellung der Anklage gab es bei zwei Mitangeklagten Schwierigkeiten. Die Männer sind vermutlich ins Ausland gezogen. Die „Zwölf Stämme“ haben angekündigt, Deutschland den Rücken kehren zu wollen, weil sie sich hier verfolgt fühlen.

Ins Rollen kamen die Ermittlungen, als die Polizei im September 2013 rund 40 Kinder aus den Gemeinschaften in Klosterzimmern bei Nördlingen und im mittelfränkischen Wörnitz holte. Die Eltern wehrten sich vor den Familiengerichten gegen die Wegnahme ihrer Töchter und Söhne. Manche Eltern hatten damit Erfolg, andere nicht. Ein Teil dieser Sorgerechtsverfahren beschäftigt die Gerichte immer noch.

Nach den Ausführungen von Aussteigern ist es die „allgemeine Lehre“ der Sekte, dass Kinder gezüchtigt werden müssen. Nachdem die Mitglieder sich früher lange geweigert hatten, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken, wurde ihnen vom bayerischen Kultusministerium zeitweise sogar der Betrieb einer eigenen Schule in Klosterzimmern genehmigt. Inzwischen wurde diese Genehmigung zwar widerrufen, doch der Prozess wirft die Frage auf, wie die Behörden jemals der Glaubensgemeinschaft eine Schulerlaubnis ausstellen konnten. Denn laut Zeugen mussten Lehrer dort nicht über ein Fachstudium verfügen, sondern wurden einfach vom „Ältestenrat“ bestimmt.

Selbsteinschätzung der "Zwölf Stämme"

dpa

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