Starker Regen in Sachsen fordert drei Tote

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Land unter in Sachsen.

Chemnitz - Tief “Viola“ hat am Samstag auf dem Weg gen Osten auch Sachsen heimgesucht: Im Erzgebirge ertranken drei Menschen bei dem Versuch, Habseligkeiten aus ihrem überschwemmten Keller zu retten.

Im sächsischen Neukirchen fand die Feuerwehr fand die Leichen der 72-Jährigen, ihres Mannes (74) sowie eines 63-jährigen Nachbarn. Sie hatten offensichtlich versucht, den Keller eines Mehrfamilienhauses auszupumpen. Das schnell ansteigende Wasser habe die Menschen überrascht “und sie ertranken“, teilten die Behörden mit. Eine Ärztin konnte nur noch ihren Tod feststellen. Staatsanwaltschaft und Polizei gehen von einem tragischen Unglück aus.

In der Region waren zahlreiche überflutete Straßen und ein Abschnitt der Autobahn 72 zeitweise nicht mehr befahrbar. Rund 11 000 Haushalte waren mehrere Stunden lang ohne Strom. Vielerorts standen Keller unter Wasser. Stellenweise hatte es mehr als 50 Liter pro Quadratmeter geregnet, Bäche und kleinere Flüsse traten über die Ufer.

Vor allem im Erzgebirge und in Chemnitz setzten übervolle kleine Flüsse Fahrbahnen unter Wasser. Dort wurden auch der Straßenbahnverkehr teilweise und der City-Bahnverkehr nach Stollberg komplett eingestellt. Zwei Pflegeheime waren von der Außenwelt abgeschnitten. “Die Bewohner sind aber sicher“, sagte Stadtsprecherin Katja Uhlemann. Aus Sicherheitsgründen wurden zudem 26 Trafostationen vom Netz genommen, 5000 Haushalte hatten zeitweise keinen Strom. Auch die geplante Eröffnung des Stadtbades musste abgesagt werden. Die Anlage war für vier Millionen Euro saniert worden. Im Stadtteil Harthau wurden die Schulanfangsfeiern abgesagt. “Die Grundschule war wegen Überflutung nicht erreichbar.“

Pegel stiegen stark an

Die Feuerwehr dichtete unweit davon ein Düngemittellager mit Sandsäcken ab, in dem Löschkalk gelagert ist. Anwohner berichteten, dass bei ihnen das Wasser höher im Keller stieg als bei der Flutkatastrophe von 2002. In der gesamten Stadt waren seit dem Morgen 350 Beamte der Feuerwehren, der freiwilligen Feuerwehren und des Ordnungsamtes im Einsatz. Die Pegel der Flüsse stiegen zunächst stark an, sanken am Mittag aber wieder leicht. Die Chemnitz lag am Vormittag bei 3,14 Metern, die Würschnitz bei 2,27 Metern und die Zwönitz bei 2,59 Metern. Normal seien im Sommer 40 bis 50 Zentimeter. “Wie es weitergeht, ist offen“, sagte Uhlemann.

Wegen des überfluteten Umspannwerks Jahnsdorf im Erzgebirgskreis waren 5700 Haushalte fast vier Stunden lang ohne Strom. “Es musste sofort abgeschaltet werden“, sagte der Sprecher der Mitteldeutschen Energie AG enviaM in Chemnitz, Stefan Buscher. Das Wasser sei abgepumpt worden. Die Kunden in neun Orten wurden über andere Umspannwerke oder Notstromaggregate versorgt. Es sei nicht absehbar, wann die Anlage wieder in Betrieb genommen werden kann, sagte der Sprecher. In zahlreichen weiteren Haushalten Südwestsachsens musste der Strom wegen überfluteter Keller abgeschaltet werden, so enviaM.

Der Deutsche Wetterdienst hatte am Morgen für mehrere Landkreise in Ostsachsen wegen extrem ergiebiger Starkregenschauer und Gewitter Warnungen vor Überflutungen und Erdrutschen herausgegeben. Sie wurden am Nachmittag teilweise wieder aufgehoben.

Katastrophenalarm - Zittau teils unter Wasser

Behinderungen gab es auch im Zittauer Gebirge. Eine Sprecherin der Feuerwehr beschrieb die Lage dort als “katastrophal“. Hochwasserwarnungen gab es für die Elbe und ihre oberen Nebenflüsse, die Lausitzer Neiße, die Mulde und die Schwarze Elster. Vor allem an der Lausitzer Neiße und ihren Zuflüssen spitzte sich die Lage dramatisch zu, teilte das Landeshochwasserzentrum in Dresden mit.

In Zittau und Großschönau wurde die Alarmstufe 4, im Landkreis Görlitz sogar Katastrophenalarm ausgerufen. Teile der Stadt Zittau stehen unter Wasser und mussten evakuiert werden, teilte das Landratsamt Görlitz mit. "Hier herrscht absolutes Chaos, das übertrifft alles bisher Dagewesene“, sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur dpa. Es gebe Verletzte und Eingeschlossene. Die Pegelstände der Neiße seien schon gegen Mittag stark gestiegen, neue Höchstwasserstände seien nicht ausgeschlossen.

Rettungskräfte von Feuerwehr und Polizei, Sanitäter und Betreuer sowie das Technische Hilfswerk waren im Einsatz. Sie kämpfen mit Erdrutschen, unterspülten Straßen, vollgelaufenen Kellern und Häusern sowie vom Einsturz bedrohten Brücken, berichtete der Polizeisprecher. Große Teile von Zittau seien weiträumig gesperrt und nicht mehr zugänglich. Betroffen seien auch sämtliche tiefliegende Gemeinden im Oberland südlich von Bautzen bis zur tschechischen Grenze und von dort wieder hoch bis Leuba bei Ostritz. “Die Grenzübergänge in Zittau wurden gesperrt.“ Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) sei auf dem Weg in die Region, sagte sein Sprecher am Abend.

Der Katastrophenstab des Landkreises Görlitz hat am Abend vor einer Flutwelle in der Neiße gewarnt. Am Witka-Stausee im polnischen Radmeritz gegenüber von Hagenwerder sei die Staumauer gebrochen, teilte die sächsische Behörde unter Berufung auf die Polizei im Nachbarland mit. “Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre bedeutet das, dass eine Flutwelle in Richtung Hagenwerder in die Neiße schießen wird.“ Diese gehe dann entlang des Flusses auf Görlitz zu. “Bitte bringen Sie sich umgehend in Sicherheit! Nutzen Sie höher liegende Gebäude und Stockwerke“, hieß es.

Hochwasserprognose für Dresden: Montagabend 6 Meter

Dresden muss nach derzeitigen Prognosen nicht mit einem Jahrhunderthochwasser wie 2002 rechnen. Das Hochwasserzentrum geht davon aus, dass in der Landeshauptstadt am Montagabend ein Wasserstand von 6 Metern erreicht wird. Normal sind etwa 2 Meter. Vor acht Jahren, als Teile der Stadt überflutet worden waren, lag die Höchstmarke bei 9,40 Meter.

Am Samstag stieg die Elbe so kräftig an, dass der Zugverkehr zwischen Sachsen und Tschechien unterbrochen werden musste. Die Strecke Richtung Prag und Budapest wurde am Samstagabend zwischen Bad Schandau und Königstein gesperrt, teilte das Landratsamt Sächsische Schweiz/Osterzgebirge mit. Die Bahnlinie verläuft dort nahe des Flusses. Beim Hochwasser 2002 war die Strecke stark beschädigt worden.

Am Pegel Schöna an der Grenze zu Tschechien legte das Wasser binnen 13 Stunden um 3 Meter zu. In Dresden betrug der Zuwachs 1,60 Meter. Im bräunlichen Fluss schwammen Baumstämme und Gestrüpp. Das Landeshochwasserzentrum, das nach der Katastrophe von 2002 eingerichtet worden war, ist mittlerweile rund um die Uhr besetzt, sagte Leiter Uwe Höhne.

dpa

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