Ganzes Dorf von Stausee geflutet

„Atlantis der Alpen“: Die tragische Geschichte eines versunkenen Dorfes

Der alte Kirchturm, der aus dem Reschensee in Südtirol ragt, ist ein beliebtes Motiv für Postkarten und Uralubsfotos. Die Geschichte dahinter ist dramatisch.

Graun - Der Reschensee in Südtirol ist heute ein beliebtes Ausflugsziel für viele Touristen. Die Hauptattraktion: ein alter Kirchturm, der aus dem See herausragt. Er ist das Wahrzeichen des Vinschgau, ziert viele Postkarten und ist ein Motiv für idyllische Fotos. Die Geschichte hinter dem versunkenen Turm im See ist jedoch eine dramatische. Die romanische Kirche aus dem 14. Jahrhundert ist das einzige übrig gebliebene Gebäude des kleinen Dorfes Graun, das kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs Opfer einer See-Stauung und damit zum „Atlantis der Alpen“ wurde.

„Atlantis der Alpen“: Italienische Regierung plant Stausee zur Stromversorgung

Im Jahr 1919 wurde Südtirol an Italien angeschlossen. „Seit dem Jahr 1922 wütete in Italien und somit auch in Südtirol der Faschismus“, heißt es auf der Website der Region Vinschgau, wenn man nach Informationen zum versunkenen Kirchturm sucht. Die italienische Regierung wollte auf der Hochebene, auf der das Dorf lag, einen Stausee bilden, der Norditalien über ein Wasserkraftwerk mit Strom versorgen sollte. Die Naturseen in Graun und dem nahen Ort Reschen sollten zu einem einzigen, deutlich größeren Gewässer aufgestaut werden.

Die Montecatini AG, ein Mailänder Großkonzern, reichte im Jahr 1939 das Projekt zur Stauung des Reschen- und Graunersees um 22 Meter ein und bekam den Bauzuschlag aus Rom. „Die Bevölkerung von Reschen und Graun wurde dabei völlig übergangen“, wird auf der Website der Region Vinschgau erklärt. Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verzögerte sich das Bauvorhaben zunächst. „Die Bewohner des Oberen Vinschgaues glaubten damit, dieses Schreckgespenst für immer los zu sein“, heißt es weiter.

„Atlantis der Alpen“: Proteste der Dorfbewohner - Dorfpfarrer bittet sogar Papst um Hilfe

Allerdings wurde bereits im Jahr 1947, also nur zwei Jahre nach Kriegsende, von der Montecatini AG bekanntgegeben, dass das Stauprojekt wieder aufgenommen wird. In einem Gespräch mit der Welt im Jahr 2011 erinnerte sich eine Zeitzeugin und damalige Bewohnerin Grauns an den Kampf der Einwohner gegen die Stauung der beiden Seen.

Sie berichtete, dass man zunächst von einer Stauung um lediglich fünf Meter ausgegangen sei. Als die Bewohner merkten, dass sie ihre Heimat verlieren würden, habe es Proteste gegeben. Demnach standen damals wütende Bauern mit Maschinenpistolen bewaffneten Carabinieri gegenüber und schlugen in verzweifelter Wut mit Reisigstecken auf die Autos der Ingenieure. Der Dorfpfarrer sei sogar zum damaligen Papst Pius XII. nach Rom gereist und habe ihn gebeten die Stauung zu verhindern - vergeblich.

„Atlantis der Alpen“: Stauung der Seen im Jahr 1950 - rund 150 Familien verlieren ihre Existenz

Am 16. Juli 1950 läuteten die Kirchglocken in Graun schließlich zum letzten Mal. Die Schleusen wurden geschlossen und der Reschensee gestaut. Davor wurden bis auf die Kirche zahlreiche Häuser gesprengt. „677 Hektar Grund und Boden wurden überflutet, beinahe 150 Familien wurden ihrer Existenz beraubt, und die Hälfte davon zur Auswanderung gezwungen“, berichtet die Region Vinschgau.

Die Entschädigungen für die vertriebenen Einwohner seien sehr bescheiden gewesen. Nicht alle haben im „neuen“ Graun, das bis heute am Ufer des Reschensees siedelt, einen Platz gefunden. Der Rest sei zunächst notdürftig in einem Barackenlager am Ausgang des Langtauferertals untergebracht worden.

„Atlantis der Alpen“: Kirchturm heute Wahrzeichen der Gemeinde Graun

„Heute steht der Turm im Reschensee unter Denkmalschutz und ist Wahrzeichen der Gemeinde Graun und ein Publikumsmagnet“, steht auf der Website der Region Vinschgau geschrieben. Der Kirchturm ist weit über die Grenzen Südtirols bekannt, ziert viele Postkarten und ist ein beliebtes Motiv für Urlaubsfotos.

Seit diesem Jahr gibt es sogar eine Netflix-Serie mit dem Titel „Curon“, dem italienischen Namen des Ortes Graun. Bei vielen der noch lebenden Zeitzeugen und Bewohner von Alt-Graun, dem „Atlantis der Alpen“, löst der Blick auf den See hingegen noch immer Wut und Schmerz aus. (ph) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © Peter Kneffel/dpa

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