Unter Mordverdacht: Zeugensuche per Annonce

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Ermittler durchsuchen am 25.01.2012 das Wohnhaus des Ex-Bürgermeisters von Ludwigsfelde. Scholl hat sich auf ungewöhnlichem Weg an die Öffentlichkeit gewandt. In einer am Wochenende veröffentlichten Anzeige bittet der in Untersuchungshaft Sitzende um Hilfe.

Ludwigsfelde/Potsdam - Ein unter Mordverdacht stehender Ex-Bürgermeister einer brandenburgischen Gemeinde geht nun auf verzweifelte Zeugensuche. Mit Hilfe einer Annonce will er seine Unschuld beweisen.

Er steht unter Mordverdacht, soll seine Frau getötet haben. Fast drei Monate liegt seine Verhaftung zurück, seitdem sitzt der Ex-Bürgermeister von Ludwigsfelde in Brandenburg in Untersuchungshaft. Doch der 69-Jährige beteuert seine Unschuld. Um diese zu beweisen, bedient sich Heinrich Scholl auch unkonventioneller Mittel: Per Annonce sucht der langjährige Kommunalpolitiker nach Zeugen, die ihn in einer Therme gesehen haben und entlasten könnten. Ein solches Vorgehen habe er bisher noch nicht erlebt, meinte der Sprecher der Potsdamer Staatsanwaltschaft, Ralf Roggenbuck.

In dem regionalen Anzeigenblatt “Blickpunkt“ erschien am Wochenende die Anzeige von Scholl. Darin fragt er: “Hat mich jemand am 29. Dezember 2011 in der Zeit von 12.00 Uhr bis 13.10 Uhr in oder auf dem Gelände der Therme in Ludwigsfelde gesehen.“ Es ist der Tag, an dem er seine Ehefrau Brigitte als vermisst gemeldet hat. Einen Tag später wurde die Leiche der Frau in einem Wald bei Ludwigsfelde entdeckt. Ihr Hund, ein Cockerspaniel, war ebenfalls tot.

Die Menschen in der 24 000-Einwohner-Gemeinde reagierten geschockt, ihre Anteilnahme war Scholl gewiss. Doch dann geriet der SPD-Politiker, der 18 Jahre an der Spitze von Ludwigsfelde gestanden hatte, ins Visier der Ermittler und wurde im Januar verhaftet. Nach bisherigen Ermittlungen soll er seine Ehefrau Ende Dezember 2011 heimtückisch ermordet haben.

Der Fall löste in der Bevölkerung Bestürzung und Entsetzen aus - sorgte aber auch für viel Gesprächsstoff. Es waren vor allem Hinweise aus der Bevölkerung, die den Ehemann Anfang des Jahres ins Visier der Ermittler brachten. Mit den Aussagen konnten damals die letzten Stunden und Wege des Opfers skizziert werden.

Nun hofft der Ex-Bürgermeister erneut auf Hinweise - allerdings entlastende. Er habe in der Therme eine dreiviertellange Wetterjacke und eine blaue Jeans getragen, heißt es in seiner Anzeige. Wer ihn gesehen habe, solle sich an die Polizei, die Staatsanwaltschaft oder an seine Anwälte wenden, bittet Scholl.

Seine Anwälte wiesen am Dienstag teils erhobene Kritik zurück, Zeugen könnten möglicherweise beeinflusst werden. Strafverteidiger seien berechtigt, eigene Ermittlungen anzustellen, betonten die Juristen Heide Sandkuhl und Stefan König. “Nach heutzutage einhelliger Auffassung in der Rechtsprechung und der juristischen Literatur sind Strafverteidiger berechtigt, eigene Ermittlungen anzustellen“, betonten die Juristen in einer Mitteilung. “Von diesem Recht haben wir Gebrauch gemacht.“

Auch die Rechtsanwaltskammer Brandenburg hat keine Bedenken: “Alles, was im Rahmen der Gesetze bleibt, darf ein Rechtsanwalt machen. Er darf sich aber nicht an die Stelle der Polizei setzen“, meinte Geschäftsführer Rüdiger Suppé. In diesem Fall täten dies die Anwälte auch nicht.

Bis Dienstagvormittag zeigte das ungewöhnliche Vorgehen noch keinen Erfolg. Laut Potsdamer Staatsanwaltschaft gingen zunächst keine neuen Hinweise ein. Von den Verteidigern Scholls hieß es nur, sie dürften dazu nichts sagen.

Damit bleibt vieles in dem Fall zunächst offen: Erst wenige Wochen vor der Tat soll der SPD-Politiker zu seiner Frau zurückgekehrt sein. Auch war bekanntgeworden, dass Scholl unter Pseudonym eine Erzählung verfasst hatte, in der es um Eheprobleme ging.

Die Ermittler schweigen, über Tathergang und Motiv lässt sich nur spekulieren. Zu den näheren Umständen des Verbrechens macht die Staatsanwaltschaft derzeit keine Angaben. “Die Ermittlungen dauern an“, so lautet die offizielle Sprachregelung. Grund: Weil Scholl die Vorwürfe bestreitet, müsste sich die Justiz auf Indizien stützen.

Ob oder wann Anklage erhoben wird, ist derzeit unklar. Eine Entscheidung ist aber in den kommenden drei Monaten zu erwarten, weil die Untersuchungshaft normalerweise nicht länger als sechs Monate andauern soll. “Wir versuchen in solchen Fällen, vor Ablauf der Frist das Verfahren abzuschließen“, sagte Staatsanwalt Roggenbuck.

dpa

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