Atomausstieg: EnBW tief in Verlustzone

Karlsruhe - Im ersten Halbjahr ist der drittgrößte deutsche Energiekonzern tief in die roten Zahlen gerutscht: Es fehlen rund 590 Millionen Euro - das Geld könnte der Konzern für seine neue Ausrichtung dringend brauchen.

Die abrupte Wende zum Atomausstieg hat der Energiekonzern EnBW hingenommen - schicksalsergeben und mit eingezogenem Kopf. Widerstand war ohnehin zwecklos, wenigstens dafür hatte Konzernchef Hans Peter Villis zuletzt den richtigen Riecher und fügte sich. Zu übermächtig war die öffentliche Meinung nach dem Atomunfall von Fukushima und dem schlechten Krisenmanagement des Betreibers Tepco.

Seitdem bekommt der atomlastige Konzern gute Ratschläge von allen Seiten für den Weg in Richtung erneuerbare Energien. Doch für die Umsetzung fehlt es vor allem an Geld. Zwei der vier EnBW-Atomkraftwerke sind abgeschaltet. Wegen des verordneten Atomausstiegs fehlen der EnBW im ersten Halbjahr rund 590 Millionen Euro in der Kasse, teilte der Konzern am Donnerstag mit - noch bevor am Freitag nächste Woche (29. Juli) die ganzen Halbjahreszahlen auf den Tisch kommen. “Die Energiewende wird kein Selbstgänger“, sagt Greenpeace-Experte Andreas Böhling. “Die EnBW hat einen sehr zähen Weg vor sich“. Erste positive Signale gebe es zwar, jetzt aber müssten “den Worten Taten folgen“. Ein schlüssiges Zukunftskonzept habe der Konzern bislang nicht vorgelegt: “Ich sehe da keinen großen Wurf“, sagt Böhling.

EnBW müsse vor allem in Erneuerbare Energien in der Region investieren und werde “nicht daran vorbeikommen, sein Netz an einen unabhängigen Betreiber zu verkaufen“. Und das wäre Option eins bei der Suche nach frischem Kapital. Eon, Vattenfall und RWE haben es vorgemacht - nach jahrelangem kategorischen “Nein“ zum Netzverkauf prüft nun auch EnBW diese Möglichkeit inzwischen ernsthaft. Die Mehrheit des 3600-Kilometer-Netzes will der Konzern allerdings behalten. Ein dreistelliger Millionenbetrag könnte dabei herausspringen.

Bei früheren Deals der anderen Energieversorger waren pro tausend Kilometer Netz rund 100 Millionen Euro bezahlt worden. Weitere knapp zwei Milliarden Euro sollen mit Option zwei, dem Verkauf von Minderheitsbeteiligungen erlöst werden. Damit sei aber noch nicht begonnen worden, sagt ein EnBW-Sprecher. Um welche Beteiligungen es sich dabei handelt, will er nicht präzisieren. Option drei um an Geld zu kommen lautet: Eine Kapitalerhöhung. Von Villis bereits indirekt ins Spiel gebracht, wäre dieser Schritt für Experten der Königsweg. Damit würde sich der Konzern nicht nur zusätzliches Geld beschaffen. Er könnte sich auch ein wenig aus der Umklammerung der Politik befreien und im Gegenzug unternehmerischen Spielraum gewinnen. Denn während bislang Land und Kommunen rund 93 Prozent der Anteile halten, könnte dieser durch eine Kapitalerhöhung auf 70 oder 80 Prozent gesenkt werden. Michael Schröder, der bei der ZEW den Bereich internationale Finanzmärkte leitet, hält eine Kapitalerhöhung für eine gute Möglichkeit, mahnt aber: “Wichtig ist, wie dies für potenzielle Aktionäre kommuniziert wird.“

Ein solcher Schritt müsse als Zeichen für einen neuen Aufbruch und einen positiven Umschwung wahrgenommen werden - “und nicht als letzten Ausweg aus einer schwierigen Situation“. Dass sich für die Aktien Abnehmer an der Börse finden, ist für Fachleute keine Frage. Die Bonität des Unternehmens sei gut - trotz des hohen Anteils von Kernenergie. Dafür hat die EnBW aber ein anderes Problem: Eine Kapitalerhöhung kann nur dann funktionieren, wenn sich die beiden Großaktionäre Land und OEW vertrauen. Keiner darf die Befürchtung haben, dass der andere die zusätzlichen Aktien nutzt, um sich Vorteile zu verschaffen. Die OEW will dazu nichts sagen: “Eine Kapitalerhöhung wäre eine Entscheidung der EnBW, die wir als Anteilseigner nicht kommentierten. Unterdessen versucht EnBW, sich neu zu positionieren. Was genau die Strategie jenseits des Schlagwortes “Erneuerbare Energien“ sein soll, darüber herrscht beredtes Schweigen.

Die neue grün-rote Landesregierung, gerade erst frisch im Aufsichtsrat vertreten, hält sich bedeckt und will sich erst einmal einen Überblick verschaffen. Investitionsschwerpunkte bleiben laut Sprecher weiterhin die Offshore-Windparks, das neue, für 2012 geplante Steinkohlekraftwerk RDK 8 und der Wachstumsmarkt Türkei. Im Mai nahm das Unternehmen Baltic I in der Ostsee in Betrieb; Baltic 2 soll 2013 folgen. Außerdem kauft der Konzern Windräder auf, kündigt den Bau neuer an und bringt seine Wasserkraftwerke auf den neuesten Stand. Fuß fassen will EnBW auch endlich im Gasgeschäft: Informierten Kreisen zufolge verhandelt EnBW mit dem russischen Gaslieferanten Novatek. Der Deal steht angeblich kurz vor dem Abschluss.

dpa

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