Interview

Top-Vermögensverwalter Flossbach zur Aktienrallye: „Anleger verhalten sich alles andere als verrückt“

Bert von Flossbach: Der studierte Betriebswirt gehört zu den renommiertesten Kapitalmarkt-Experten in Deutschland.
+
Bert von Flossbach: Der studierte Betriebswirt gehört zu den renommiertesten Kapitalmarkt-Experten in Deutschland.

Der renommierte Vermögensverwalter Bert Flossbach rechnet nicht mit einem raschen Kurswechsel der Notenbanken. Für Aktionäre ist das eine gute Nachricht.

München - Die Börsen sind derzeit in Feierlaune. Seit dem Corona-Tief im März 2020 hat alleine der Dax* ein Kursplus von gut 100 Prozent hingelegt. Doch angesichts steigender Inflationsraten in den USA oder Deutschland* wächst bei vielen Börsen-Experten die Sorge vor einer Zinswende und einem abrupten Kursrückschlag.

Merkur.de sprach im Vorfeld der Sitzung der US-Notenbank am Mittwoch (16. Juni) mit dem bekannten Vermögensverwalter Bert Flossbach über die Partystimmung an den Börsen, mögliche Risiken und die Frage, ob es für einen Einstieg an den Börsen nicht schon zu spät sein könnte.

Flossbach gehört zu den renommiertesten Finanzmarkt-Experten in Deutschland. Der studierte Betriebswirt hatte 1998 gemeinsam mit seinem Kompagnon Kurt von Storch den gleichnamigen Kapitalmarktspezialisten gegründet. Mit einem verwalteten Vermögen von rund 70 Milliarden Euro gehört das Kölner Unternehmen inzwischen zu den größten banken-unabhängigen Vermögensverwaltern Deutschlands.

Herr Flossbach, der Dax legt derzeit ein Rekordhoch nach dem anderen hin. Alleine im laufenden Jahr liegt das Kursplus inzwischen bei rund 15 Prozent. Auf Jahressicht stehen sogar knapp 30 Prozent zu Buche. Ist das fundamental noch nachvollziehbar oder brennen bei Anlegern gerade alle Sicherungen durch?
Wenn wir uns die historischen Bewertungen, also die Relation zwischen den Gewinnen der Unternehmen und ihren Aktienkursen, auf Ebene der großen Indizes anschauen, dann sind Aktien sicherlich nicht mehr spottbillig – einerseits. Andererseits hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Phasen gegeben, in denen Aktien noch höher bewertet waren, zum Teil deutlich. Und wenn wir dann noch berücksichtigen, dass das Zinsniveau noch nie so niedrig war wie heute, und damit die Alternativen zu Aktien noch nie so unattraktiv, dann ist es alles andere als verrückt, was die Anleger tun, sondern sehr rational.
Wie lange kann das noch gutgehen?
Ich weiß es nicht. Aber wer langfristig anlegt, der sollte sich ohnehin freimachen von Timing-Überlegungen. Den besten Einstiegszeitpunkt zu erwischen, ist meist reine Glückssache. Wenn Sie aber heute Aktien guter Unternehmen kaufen, dann werden Sie sich in zehn Jahren vermutlich nicht darüber ärgern. Was nicht bedeutet, dass die Kurse in der Zwischenzeit nicht deutlich schwanken werden.
Charttechnisch liegen die nächsten Widerstände bei 16.000 bzw. 16.300 Punkten. Trauen Sie dem Dax das noch zu?
Ich muss gestehen, ich bin nicht sonderlich gut darin, Index-Prognosen abzugeben. Ich würde auch gar nicht zu sehr auf den Dax schauen und mich von seinem vermeintlich hohen Stand verunsichern lassen; zumal er auch deshalb so hoch wirkt, weil – anders als bei anderen großen Indizes – die Dividenden mitgerechnet werden. Wir versuchen stattdessen, uns immer auf das jeweilige Unternehmen zu konzentrieren. Ist der Preis, den ich an der Börse für dessen Aktien zu zahlen habe, der Qualität, die ich dafür bekomme, angemessen oder nicht? Auch gute Unternehmen können zu teuer sein; schlechte sowieso.
Aber es gibt ja durchaus Risiken. Vor allem der jüngste Preisauftrieb hat zuletzt für Unruhe gesorgt. In den USA lag die Inflationsrate zuletzt bei fünf Prozent. Das Statistische Bundesamt hält im Jahresverlauf in Deutschland drei Prozent für möglich. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für die Börsen?
Natürlich müssen Investoren die Risiken im Blick behalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in den kommenden Jahren höhere Inflationsraten sehen werden als in den vergangenen, ist unseres Erachtens recht hoch. Dass die genannten fünf Prozent für die USA zur Regel werden, auch in Europa, ist aber eher unwahrscheinlich. Gefährlich ist diese Entwicklung aber vor allem für verzinsliche Anlagen, das Sparbuch oder das Festgeldkonto, weniger für den Aktienmarkt. Wenn gleichzeitig die Wirtschaft ordentlich wächst, und mit ihr die Unternehmensgewinne steigen, dann ist das für Aktien sicherlich kein schlechtes Umfeld.

Bert Flossbach: Gewaltige Kollateralschäden bei Zinswende

Die US-Notenbank kommt am Mittwoch zur nächsten Offenmarkt-Sitzung zusammen. Erste Beobachter spekulieren bereits, dass die Fed womöglich die Kurswende einleiten könnten. Sie auch?
Ich würde nicht von möglicher Wende sprechen. Der Spielraum der großen Notenbanken ist und bleibt begrenzt, selbst wenn die Inflation deutlicher zulegt. Schauen Sie sich die weltweite Verschuldung an, insbesondere nach den vielen Corona-Hilfspaketen – all das lässt sich dauerhaft nur finanzieren, wenn die Zinsen vergleichsweise tief bleiben. Jede allzu ambitionierte Anpassung nach oben würde gewaltige Kollateralschäden nach sich ziehen. Am Immobilienmarkt, im Bankensystem. Insofern würde ich davon ausgehen, dass die Notenbanken künftig nur in homöopathischen Dosen anpassen können – wenn überhaupt. 
Also ist es für Anleger noch nicht zu spät, um noch auf die Börsenparty zu gehen?
Letztlich hängt das immer vom einzelnen Anleger ab. Wer nicht viel Zeit hat, weil er das Geld in naher Zukunft für andere Dinge braucht – für das neue Auto, Reparaturen am Haus oder eine Reise – der sollte besser die Finger von Aktien lassen. Andersherum: Wer ausreichend Zeit hat, viele Jahre, der sollte einen Teil seines Vermögens in gute Sachwerte packen, allen voran in Aktien guter Unternehmen. Nicht alles auf einmal, Schritt für Schritt. Geldanlegen ist niemals nur Schwarz oder Weiß, niemals alles oder nichts. Neben dem Vertrauen in die Qualität der einzelnen Anlagen braucht es vor allem Geduld.
Das Thema Altersvorsorge gewinnt angesichts der neu aufgeflammten Rentendiskussion in Deutschland derzeit erneut an Dynamik. Spüren Sie das auch, etwa bei Fondsneukäufern?
Wir haben in den vergangenen Monaten viel Zuspruch bekommen – und darüber freuen wir uns sehr. Ob das in direktem Zusammenhang steht zur Rentendiskussion, vermag ich aber nicht zu sagen.
Mit Flossbach von Storch One bieten Sie neuerdings auch eine eigene digitale Vermögensverwaltung. Bereiten Sie damit die Zeit nach der klassischen Vermögensverwaltung vor?
Nein, damit soll nichts abgelöst werden oder dessen Ablösung vorbereitet werden. Uns geht es vielmehr darum, einen neuen, sehr modernen Zugang zu unserer Dienstleitung zu schaffen.
Was ist der Vorteil gegenüber einer klassischen Vermögensverwaltung?
Flossbach von Storch ONE lässt sich mit Internetzugang von überall nutzen; Sie können bequem von zu Hause aus Kunde werden. Die Benutzeroberfläche ist intuitiv. Die Einstiegshürde haben wir auf 100.000 Euro reduziert; die Gebühr liegt bei 1,20 Prozent. Weitere Kosten fallen nicht an. Dafür bieten wir unsere jahrzehntelange Expertise und den aktiven, kaufmännisch geprägten Investmentansatz. Da hat sich nichts verändert.

*Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare