Deutsche Staatsanleihen so begehrt wie nie

Frankfurt/Main - “Made in Germany“ - bei Maschinen und Autos gilt das schon lange weltweit als Inbegriff guter Qualität und Verlässlichkeit.

Seit der Finanz- und Schuldenkrise verfügt die Bundesrepublik über einen weiteren Verkaufsschlager: Deutsche Staatsanleihen. Die Angst der Investoren vor einer Staatspleite der USA sorgt derzeit für einen wahren Ansturm auf festverzinsliche deutsche Staatspapiere mit Laufzeiten von 2 bis 30 Jahren trotz vergleichsweise niedriger Verzinsung.

Das maßgebliche Barometer für den Handel am Anleihenmarkt sind Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Seit Tagen kennt sie nur eine Richtung: Steil nach oben. Zum Wochenschluss erreichte der Kurs der zehnjährigen Anleihe in der Spitze 105,86 Punkte. Er stand damit nur knapp unter dem Rekordhoch bei 106,35 Punkten. Den jüngsten Rekord markierte der Kurs der zehnjährigen Bundesanleihe in der vergangenen Woche.

Wenige Tage vor dem Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union zur Schuldenkrise hatten Streitereien in der italienischen Regierung um das Sparpaket des Landes für kurze Zeit eine panikartige Reaktionen an den Anleihemärkten von Italien und Spanien ausgelöst. Anleger schichteten Geld aus den Randländern der Eurozone in entsprechende deutsche Staatsanleihen um.

Die Reaktion der Finanzmärkte in der vergangenen Woche ist nach Einschätzung von Händlern aber nur ein schwacher Vorgeschmack dessen, was im Fall einer Staatspleite in den USA an den Finanzmärkten zu erwarten wäre. Noch reagieren die internationalen Finanzmärkte aber im Großen und Ganzen erstaunlich gelassen auf die Hängepartie im US-Schuldenstreit.

An den Aktienmärkten steigt aber die Nervosität, seit Tagen fallen die Kurse. Nach wochenlangen Verhandlungen über eine Anhebung der Schuldengrenze in den USA ohne nennenswerte Fortschritte und bei weiter verhärteten Fronten rechnen die Experten gemeinhin aber immer noch mit einer Einigung in letzter Minute. Nur vereinzelt sind Stimmen zu hören, die langsam aber sicher “auch das Undenkbare für denkbar halten“ und sich mit den möglichen Folgen einer Staatspleite der größten Volkswirtschaft der Welt befassen.

Die Anleihen-Expertin Sintje Diek von der HSH Nordbank zählt zur Mehrheit der Fachleute, die weiter mit einer Einigung im US-Schuldenstreit rechnen. Noch gebe es “keine richtige Alarmstimmung“ am deutschen Anleihenmarkt, sagt sie. Sollte es aber am kommenden Montag immer noch keine Einigung zwischen Republikanern und Demokraten in den USA geben, “dann wird sich das an den Märkten schon richtig deutlich bemerkbar machen“. Händler sind sich sicher: Ein weiteres Wochenende mit erfolglosen Krisentreffen in Washington dürfte die Kauflaune bei deutschen Staatsanleihen noch einmal richtig anheizen und eine neue Runde in der Rekordjagd einläuten.

Die deutsche Wirtschaft hatte die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise überraschend schnell überwunden und wächst derzeit so stark wie selten zuvor. Die Konjunktur-Lokomotive Europas entwickelt sich aber gleichzeitig auch immer mehr zum “sicheren Hafen“ für verunsicherte Anleger. Erst gab es starke Kursgewinne im Zuge der europäischen Schuldenkrise, nun zeigten die Kurse deutscher Staatsanleihen vor dem Hintergrund der Schuldenkrise in den USA ein “fulminantes Comeback“, so Experten von HSBC Trinkaus.

Der Chefvolkswirt Deutschland der italienischen UniCredit-Bank, Andreas Rees, geht noch einen Schritt weiter. Auch wenn sich die Kontrahenten im US-Schuldenstreit in letzter Minute einigen sollten, “die Ära absolut sicherer US-Staatsanleihen neigt sich ihrem Ende zu“, schreibt Rees. Die USA liefen auch bei einer Einigung im Schuldenstreit Gefahr, ihre Bestnote bei der Kreditbewertung durch die führenden Ratingagenturen zu verlieren. Für die Anleger könnte eine wichtige Alternative auf der Suche nach besonders sicheren Anlageformen wegfallen.

Gute Aussichten also für die mit stabilen Bestnoten der Ratingagenturen versehenen deutschen Staatsanleihen. Am weltweiten Anleihemarkt dominieren aber die US-Staatsanleihen mit Billionen-Volumina. Die ganz großen Anleger konzentrieren sich deshalb weniger auf den Euroraum, obwohl dieser zweitgrößter Wirtschaftsraum der Welt ist. Dies gilt nicht nur wegen der Schuldenkrise. Jedes der 17 Länder hat hier weiterhin eigene Staatsanleihen. Auch die größeren Märkte wie Italien oder Deutschland kommen bei weitem nicht an den US-Markt heran.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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