Fahrschulen auf dem Standstreifen

Weniger Fahrschüler, weniger Fahrlehrer, weniger Umsatz

Früher war das Auto ein Statussymbol. Heute verzichten Jugendliche lieber auf die eigenen vier Räder als auf das Smartphone.

Experten sprechen bereits von einem „Trend der Ent-Emotionalisierung“. Für ein Drittel der jungen Menschen spiele der Besitz eines Pkws bereits keine Rolle mehr, sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach. „Das Auto zählt für viele zur ‚alten Welt‘, dem der Coolness-Faktor fehlt.“ Das merken auch die Fahrschulen in Deutschland.

Bundesweit ist die Anzahl der Fahrschulen laut Moving, einer Interessenvereinigung im Bereich der Fahrerlaubnisausbildung, von 2009 bis 2015 um 14 Prozent auf 11.407 Unternehmen gesunken. Vor allem kleinere Fahrschulen mussten aufgeben oder sich mit größeren zusammenschließen. Kein Wunder: 1985 fuhren noch 77 Prozent der 25- bis 29-Jährigen Auto, 2016 waren es lediglich 60 Prozent. „Ein Must-have ist ein Auto nicht mehr“, erklärt Ralf Collatz, Pressesprecher des ADAC Ostwestfalen-Lippe. 14,47 Millionen Deutsche hatten 2016 keinen Führerschein – so wenig wie seit sechs Jahren nicht.

Der erste deutsche Führerschein wurde 1888 auf Carl Benz ausgestellt – eine Fahrprüfung oder einen theoretischen Test gab es damals noch nicht. 1903 führte Preußen als erstes Land eine „Prüfungspflicht für Wagenlenker“ ein. Die erste deutsche Fahrschule wurde ein Jahr später von Rudolf Kempf als „Auto-Lenkerschule“ in Aschaffenburg gegründet. Teilnehmen durften nur Männer ab 17 Jahren, die ein „amtliches Sittenzeugnis“ vorlegen konnten. Die Ausbildung konnte zu dieser Zeit noch jeder durchführen, der Kenntnisse vom Fahren hatte. Fahrlehrer im heutigen Sinne gab es erst im Jahr 1910.

Seitdem gibt es zwar 44.610 Fahrlehrer in Deutschland – doch ihre Situation hat sich drastisch geändert. Der Vorsitzende des Bundesverbands deutscher Fahrschulunternehmen (BDFU), Rainer Zeltwanger, macht in der Welt eine erschreckende Rechnung auf: „Ungefähr ein Drittel aller Fahrschulen bringt dem Eigentümer schon jetzt nur ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau“, sagt er. Ihm gehört selber eine Fahrschule in Stuttgart. 20 Prozent der Inhaber seien überhaupt nicht mehr in der Lage, ihren Lebensunterhalt mit ihren Fahrschulen zu verdienen. Zeltwanger schätzt, dass Fahrschulen mindestens 300.000 Euro Umsatz machen müssten, um sich langfristig zu halten. Das gelingt aktuell nur neun Prozent der Unternehmen.

Hinzu kommt nach Angaben des BDFU der demographische Wandel. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamts wird die Zahl der 17-Jährigen von fast einer Million im Jahr 2005 auf lediglich rund 700.000 im Jahr 2025 fallen. Zwar konnten die großen Fahrschulen mit mehr als vier Mitarbeitern, die Filialen in Großstädten und die im ländlichen Raum dieses Jahr elf Prozent mehr Fahrschüler vermelden – Fahrschulen in Ostdeutschland und in kleinen Städten verzeichneten allerdings einen Rückgang. Ein Führerschein kostet rund 2000 Euro – viel Geld für einen Jugendlichen.

Entsprechend erwarten 83 Prozent der ländlichen und 80 Prozent der kleinen Fahrschulen für 2017 stagnierende Umsätze, die Fahrschulen in Großstädten und mit mehr als vier Mitarbeitern rechnen immerhin in 41 Prozent beziehungsweise 28 Prozent der Fälle mit steigenden Gewinnen. Wenn Fahrschulen aufgrund der kurzzeitig stärkeren Nachfrage für eine bestimmte Zeit mehr Fahrschulautos benötigen, können sie beispielsweise einen VW Golf TDI in Fahrschulausstattung an zahlreichen Standorten in Deutschland für einen Tag bis zu einem halben Jahr mieten.

Um mehr Jugendliche zum Führerschein zu motivieren, verlangt der Auto Club Europa (ACE), dass die Fahrausbildung günstiger und moderner wird. Der Autoclub verweist insbesondere auf Schüler, Studierende und Auszubildende, die in aller Regel über kein eigenes großes Finanzpolster verfügen. „Selbstverständlich kostet qualifizierter Fahrunterricht Geld, was eine gute Investition in die Verkehrssicherheit bedeutet“, sagt ein ACE-Sprecher. „Wir wollen aber nicht, dass sich hier mittels zahlloser Ausbildungsschleifen ein lukratives Geschäftsmodell zulasten der Fahrschüler etabliert.“

Der Autoclub bemängelt vor allem, dass schon seit Jahren im Schnitt rund jeder dritte Führerscheinaspirant in Deutschland beim ersten Versuch durch die Fahrprüfung rasselt. „Statt Fahrschülern weitere gebührenpflichtige Ausbildungsstufen im Rahmen sogenannter Mehrphasenmodelle auferlegen zu wollen, sollten zuallererst die pädagogischen Misserfolge im herrschenden System beseitigt werden“, fordert der ACE. Fahrschulen müssen also dringend umdenken. Die Weiterentwicklung selbstfahrender Autos wird die Situation zukünftig nicht verbessern.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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