Einbruch seit Brexit-Referendum

Großbritannien: Brexit belastet die Wirtschaft - Kritik an Johnson-Regierung

Großbritannien hängte die Länder der Eurozone in Sachen Wirtschaftswachstum lange Zeit ab. Seit dem Brexit-Referendum 2016 hat sich die Situation verändert.

  • Großbritannien hängte die Länder der Eurozone nach der großen Finanzkrise in Sachen Wirtschaftswachstum lange Zeit ab.
  • Seit dem Brexit-Referendum* hat sich die Situation verändert.
  • Experten kritisieren das Vorgehen von Premierminister Boris Johnson und seiner Regierung.

München/London - Nach der großen Finanzkrise ging Großbritannien in Sachen Wirtschaftswachstum lange Zeit mit gutem Beispiel voran und hängte die Länder der Eurozone ab. Seit dem Brexit-Referendum im Jahr 2016 hat sich die Situation jedoch verändert. Großbritannien zählt laut Experten seitdem zu den Schlusslichtern in Europa. Sollte sich die britische Regierung um Boris Johnson, der die Brexit-Vereinbarungen mit der EU aushebeln will, nicht mit der EU auf einen Austritts-Deal einigen können, droht ein „harter Brexit“, der die Situation weiter verschärfen würde.

Großbritannien nach der Finanzkrise mit größerem Wirtschaftswachstum als Länder der Eurozone

Eine Studie der Fondsgesellschaft DWS zeigt, dass das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Zeitraum zwischen 2010 und dem zweiten Quartal 2016 um etwa zwei Prozent jährlich gewachsen ist. Der Euroraum hatte im selben Zeitraum mit der Euro- und Schuldenkrise zu kämpfen und konnte lediglich um etwas mehr als ein Prozent jährlich zulegen. Die Wende kam mit dem Brexit-Referendum im Jahr 2016. Damals entschied sich die britische Bevölkerung mit einer knappen Mehrheit für einen Austritt aus der EU.

Seit dem Brexit-Referendum ist das wirtschaftliche Wachstum Großbritanniens zurückgegangen. Die DWS-Studie zeigt, dass das BIP zwischen dem dritten Quartal 2016 und dem Ende des Jahres 2019 lediglich um etwa anderthalb Prozent jährlich gestiegen ist. Das BIP des Euroraums legte im selben Zeitraum jährlich um circa zwei Prozent zu.

Seit Brexit-Referendum: Großbritannien zählt zu Schlusslichtern in Europa

Nimmt man die Zahlen seit der Coronavirus-Pandemie* hinzu, wird die Entwicklung noch deutlicher. Bedingt durch die Corona-Krise schrumpfte die Wirtschaft des Euroraums zwischen dem dritten Quartal 2016 und dem zweiten Quartal 2020 um etwas mehr als zwei Prozent im Jahresschnitt. Die britische Wirtschaft hingegen büßte im Jahresschnitt fast fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes ein.

Großbritannien zähle seit dem Brexit-Referendum zu den Schlusslichtern in Europa, erklärt DWS-Volkswirtin Kathrin Löhken, wie der Focus berichtet. „Bei einer Betrachtung einschließlich des Jahres 2020 hat nun sogar Italien die britische Wirtschaft im Wachstum überholt“, erklärt die Expertin.

Experten fürchten die Folgen eines „harten Brexits“

Löhken fürchtet: „Viel Zeit bleibt nicht mehr, um noch größeren Schaden abzuwenden." Um ein disruptives Ausscheiden Großbritanniens aus dem Europäischen Binnenmarkt abzuwenden, blieben nur noch wenige Wochen, warnt die Volkswirtin. Grund dafür sei der Zeitaufwand für die logistischen Abläufe in der EU und in Großbritannien.

Mögliche Folgen eines „harten Brexits“ wären beispielsweise ein plötzliches Ende des grenzüberschreitenden Personenverkehrs, oder die Knappheit von Gütern in Großbritannien. Löhken hofft, dass diese Szenarien nicht eintreffen. Andere Experten sehen jedoch eine hohe Wahrscheinlichkeit eines „harten Brexits“.

Großbritannien: Hohes Risiko bei EU-Austritt ohne Deal

„Ein sechsprozentiger Fall des Pfunds von 1,35 auf 1,28 US-Dollar, Fragen über die Legalität der Handlungen der Regierung, die Aburteilung durch die EU sind alles Zeichen dafür, dass der Sommer vorbei ist und die Wahrscheinlichkeit eines Austritts ohne Abkommen am 31. Dezember steigt“, sagte Paul Dales, Chefökonom Großbritannien vom Londoner Analysehaus Capital Economics, wie der Focus berichtet.

Mit einem EU-Austritt ohne Deal würde Großbritannien viel riskieren. „Ein harter Brexit, bei welchem das Austrittsabkommen kassiert wird, die EU Handelssanktionen verhängt und es wenige abmildernde Maßnahmen gibt, wäre ein ganz anderes Paar Schuhe, als wenn es an der Grenze ein paar Zölle und Überprüfungen gibt“, mahnt der Experte mit Blick auf den Konflikt um die Grenzsituation in Nordirland.

Dales: „Es scheint so, als wolle die Regierung sicherstellen, dass unsere Vorhersage wahr wird“

Des Weiteren kritisierte Dales die Regierung um Premierminister Johnson: „Natürlich kann man die Regierung nicht für das Virus verantwortlich machen. Doch sie kann die Fiskalpolitik und die Brexit-Verhandlungen beeinflussen. Wir prognostizierten im Juli, dass sich die britische Wirtschaft weniger schnell von der Corona-Rezession erholen wird als die europäische oder US-amerikanische. Es scheint so, als wolle die Regierung sicherstellen, dass unsere Vorhersage wahr wird." Ein EU-Austritt* ohne einen Deal dürfte die ohnehin angespannte wirtschaftliche Lage in Großbritannien zusätzlich belasten. Unter anderem rechnet die britische Regierung von Boris Johnson nach der Brexit-Übergangsphase mit massivem Chaos an der Grenze.

In Großbritannien sind die Corona-Zahlen zuletzt weiter gestiegen. Seit dem heutigen Montag, den 14. September, gelten daher verschärfte Maßnahmen. (ph) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © picture alliance/Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

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