Geringe Teuerungsrate

Inflation sinkt auf 1,0 Prozent

Wiesbaden - Die Inflationsrate in Deutschland ist auf den niedrigsten Stand seit mehr als dreieinhalb Jahren gesunken. Vieles ist billiger, nur Nahrungsmittel sind teurer geworden.

Preise 'runter bei Benzin und Diesel, Fernsehern und Laptops, Preise 'rauf bei Bier und Zigaretten, Milch und Obst: Im März ist der Anstieg der Verbraucherpreise auf den tiefsten Stand seit August 2010 gesunken. Im Vergleich zum Vorjahresmonat betrug die Inflationsrate nur 1,0 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag vorläufige Zahlen bestätigte. Eine solch niedrige jährliche Teuerungsrate habe es zuletzt im August 2010 gegeben.

Der Anstieg der Verbraucherpreise wird derzeit von Monat zu Monat langsamer. Im Dezember lag er bei 1,4 Prozent, im Januar bei 1,3 Prozent, im Februar bei 1,2 Prozent. Verantwortlich für diese Entwicklung sind laut Statistischem Bundesamt vor allem die gesunkenen Preise für Heizöl und Kraftstoffe. Ohne Berücksichtigung dieser Waren hätte die Teuerung im März bei 1,3 Prozent gelegen.

Die Ölpreise auf dem Weltmarkt sind derzeit niedrig, was der Mineralölwirtschaftsverband auf das reichliche Angebot zurückführt. Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) liefert demnach 30,5 Millionen Barrel täglich aus, das sind fast eine Million Barrel mehr pro Tag als für die Nachfrage notwendig. Europäischen Verbrauchern komme zudem der starke Euro zugute: Das vergünstigt Rohölimporte, die in Dollar bezahlt werden.

Bei vielen Nahrungsmitteln zahlen Verbraucher mehr

Dem Trend fallender Energiepreise stehen laut Statistik aber insbesondere steigende Preise für Strom gegenüber. Gas dagegen wurde im Vorjahresvergleich nur geringfügig teurer.

Mehr zahlen mussten die Verbraucher im Vorjahresvergleich für viele Nahrungsmittel - hier stiegen die Preise überdurchschnittlich um 2,2 Prozent. Allerdings schwächte sich auch hier der Preisanstieg "merklich" ab. Im Februar hatte die Inflationsrate für Nahrungsmittel noch 3,5 Prozent betragen. Teurer im Vergleich zum März 2013 wurden im Vormonat vor allem Molkereiprodukte wie Quark, Käse und Joghurt. Auch Butter war mit rund 13 Prozent deutlich teurer als vor einem Jahr - trotz der jüngsten Preissenkung der Discounter.

Beim Obst stellten die Statistiker einen Preisanstieg von 4,0 Prozent fest; Gemüse hingegen wurde deutlich günstiger, Paprika etwa um 17 Prozent, Gurken sogar um fast ein Drittel.

Was Verbraucher freut, könnte Gift sein für die Konjunktur.

Was bedeutet das niedrige Preisniveau für Verbraucher?

Autofahrer können sich ebenso freuen wie alle, die Haus oder Wohnung heizen müssen: Die Sprit- und Energiepreise liegen seit Monaten unter dem Vorjahresniveau. Auch der starke Euro trägt dazu bei, dass Tanken und Heizen günstiger wird: Die Euro-Stärke verbilligt die in Dollar abgerechneten Rohölimporte. Niedrige Inflation ist also in diesem Fall gut fürs Portemonnaie: Verbraucher bekommen mehr für ihr Geld. Allerdings liegt selbst die derzeit sehr niedrige Inflationsrate in Deutschland noch über den Zinsen, die aktuell auf den meisten Sparbüchern oder Tagesgeldskonten zu verdienen sind. Ersparnisse verlieren also unter dem Strich an Wert. Allerdings wären die Einbußen für Sparer noch größer, wenn die Inflation höher läge.

Was ist schlecht an sinkenden Preisen?

Das Problem ist, wie Verbraucher und Unternehmen die künftige Entwicklung des Preisniveaus einschätzen. Wer weiter sinkende Preise erwartet, verschiebt vielleicht den Kauf der neuen Waschmaschine oder die Investition in die neue Fabrikhalle - denn es kann ja eigentlich nur günstiger werden. Das könnte eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang setzen: Unternehmen machen weniger Gewinn, Mitarbeiter werden entlassen. Diese können sich dann weniger leisten und der Druck, Preise weiter zu senken, nimmt zu. Diese Verkettung lähmt die Konjunktur. In der Folge sinken auch die Steuereinnahmen und die Belastungen durch Schulden und Sozialleistungen nehmen zu.

Warum ist die Inflationsrate derzeit so niedrig?

70 Prozent des Inflationsrückgangs im Euroraum, so hat es kürzlich EZB-Präsident Mario Draghi vorgerechnet, gehen auf das Konto gesunkener Energie- und Lebensmittelpreise. Dass das Preisniveau in Deutschland noch höher ist als in vielen anderen Eurostaaten liegt daran, dass in Ländern wie Griechenland, Spanien und Co. Unternehmen Preise senken müssen, um wettbewerbsfähiger zu werden. Zudem müssen Regierungen sparen, um hohe Schuldenberge abzutragen. In Deutschland ist die Konjunktur hingegen relativ robust. Das schafft Raum für Investitionen und Lohnerhöhungen.

Droht eine für die Konjunktur gefährliche Deflation?

Darüber gehen die Meinungen auseinander. So warnt das DIW vor der Gefahr „einer sich selbst verstärkenden Deflationsspirale“ bei langanhaltend niedrigen Inflationsraten. DIW-Präsident Marcel Fratzscher fordert ein Eingreifen der Europäischen Zentralbank. Im „Focus“ schreibt er: „Ohne ein beherztes Eingreifen der EZB sehe ich schwarz.“ Europas Währungshüter rechnen zwar mit einer niedrigen Inflationsrate in diesem und im kommenden Jahr, Deflationsrisiken sehen sie aber nicht.

Was kann die Europäische Zentralbank tun?

Draghi hat klargestellt, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, sollte die Teuerungsrate überraschenderweise weiter sinken. Die Notenbank prüfe auch weitere unkonventionelle Maßnahmen, darunter ein Programm zum Anleihenkauf („Quantitative Lockerung/QE). „Ob die EZB noch einmal die Zinsen senkt, oder gleich ein breit angelegtes Anleihenkaufprogramm beschließt, würde wohl davon abhängen, wie stark sie ihren mittelfristigen Inflationsausblick nach unten korrigiert“, glaubt Commerzbank-Ökonom Christoph Weil.

Wie werden sich die Verbraucherpreise weiter entwickeln?

Die EZB erwartet, dass die Inflationsrate schon im April wieder etwas anziehen wird. Volkswirt Weil erklärt, warum: Der übliche Anstieg der Preise für Reisen und Hotelübernachtungen rund um Ostern fällt in diesem Jahr in den April und nicht wie 2013 in den März. Zudem dürften die Energiepreise im April anders als im Vorjahr nicht sinken. Hierfür sprechen nach Weils Einschätzung etwa die tendenziell höheren Benzinpreise während der Osterferien. Insgesamt erwartet die Commerzbank, dass die Inflation im Euroraum in den kommenden Monaten um 0,8 Prozent pendeln wird.

Müssen Verbraucher für Nahrungsmittel weiterhin mehr zahlen als 2013?

Vorerst ja, allerdings stiegen die Preise für Nahrungsmittel in Deutschland zuletzt nicht mehr so rasant wie in den vergangenen Monaten. Da wegen des milden Wetters früher frisches Obst und Gemüse zu haben ist, dürfte der saisonübliche Preisrückgang für diese Waren in diesem Jahr früher einsetzen. 2013 hatte das kalte Frühjahr die Ernte verzögert. Sinkende Preise für Lebensmittel freuen die Verbraucher, sie können allerdings die Inflation insgesamt wieder etwas drücken.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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