Der Preis der Wende: Strom wird 2012 teurer

Berlin - Kanzlerin Merkel will durch Gespräche mit Verbänden und Wirtschaft ihre grüne Energiewende voranbringen. Entgegen Prognosen der Bundesregierung müssen die Bürger 2012 wohl mehr Geld für die Ökostromförderung zahlen.

Die acht Windräder vor den Stadttoren drehen sich etwas träge, während weiter links die Kühltürme des Kohlekraftwerks heftig qualmen. Die Mitarbeiter der Strombörse EEX haben im lichtdurchfluteten 23. Stock des Leipziger Uniturms keinen Blick dafür - auch wenn der dort erzeugte Strom von ihnen virtuell gehandelt wird. Auf flirrenden Bildschirmen werden hier in Sekundenschnelle Stromgeschäfte abgewickelt. Seit der Atomkatastrophe in Fukushima ist das Geschäft komplizierter geworden - die EEX ist ein guter Gradmesser, wohin die Reise beim Strompreis geht.

Die Megawattstunde Strom zur Lieferung 2012 wird gerade für 58,60 Euro angeboten, für 2014 werden 57,80 Euro aufgerufen und für 2017 sind 61,40 Euro zu berappen. Das sind in etwa die Preise, die auch heute gezahlt werden - der Preis schwankt meist zwischen 55 und 60 Euro. Drei Mitarbeiter sitzen vor einem Dutzend Bildschirmen, Angebot und Nachfrage laufen automatisch ein - der Handel läuft anonym ab.

Warum reden so viele von explodierenden Preisen an der Strombörse, wenn hier bis 2017 eher von gering steigenden Preisen ausgegangen wird? “Ja, das frage ich mich auch“, sagt der Leiter der Marktsteuerung, Toralf Michaelsen. In Leipzig werden nur Nettopreise gehandelt - fast 50 Prozent des Preises machen aber später Steuern und Abgaben aus. Hier liegt der Hauptgrund für Steigerungen.

Der 14. Oktober wird etwas Klarheit bringen, was die Energiewende die Bürger kommendes Jahr konkret kosten wird. Dann veröffentlichen die dafür zuständigen Übertragungsnetzbetreiber, wie hoch sie die Erneuerbare-Energien-Umlage pro Kilowattstunde (kWh) ansetzen, mit der die Bürger den Ökoausbau per Strompreis bezahlen.

In diesem Jahr liegt die Umlage bei 3,5 Cent je Kilowattstunde Strom. Eigentlich war das schon sehr hoch. Das Umweltministerium ging im Februar für 2012 davon aus, dass die Umlage auf unter drei Cent sinken könnte, da sie für 2011 sehr hoch angesetzt worden war. Und Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die am Donnerstag mit Vertretern der Wirtschaft die Energiewende weiter voranbringen will, rechnete Ende Mai damit, dass die Umlage sich zumindest nicht groß verändert.

Doch daraus wird wohl nichts. Denn das Umlage-Konto ist dick im Minus. Im August stand es bei -453 722 956 Euro. Branchenkreise gehen übereinstimmend davon aus, dass die Umlage 2012 auf rund 3,8 Cent je Kilowattstunde (kWh) steigen könnte - für einen Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 4000 kWh wären dies 12 Euro mehr im Jahr. Die Steigerung resultiert unter anderem daraus, dass mehr Windräder und tausende neue Solaranlagen die Einspeisevergütungskosten erhöhen.

Und es gibt einen paradoxen Effekt, wie Analyst Thorsten Lenck von Energy Brainpool erläutert. Um die Mittagszeit, wenn die Nachfrage und auch der Strompreis üblicherweise hoch waren, wurde zuletzt viel Solarstrom eingespeist. Das senkt an der Strombörse den Preis. Da die EEG-Umlage sich berechnet aus der Differenz zwischen der im EEG festgelegten Einspeisevergütung und dem an der Börse erzielten Preis, treibt dies jedoch die Umlagekosten. “Die Erneuerbaren senken zwar die Großhandelskosten für Strom, aber der private Verbraucher profitiert durch die Umlage in der Regel davon nicht“, erklärt Lenck.

“Wir gehen davon aus, dass es 2012 zu Preissteigerungen kommt“, sagt Jürgen Scheurer vom Strompreis-Vergleichsportal Verivox. Man dürfe nicht vergessen, dass sich auch der notwendige Netzausbau niederschlagen werde - die Netzentgelte sind im Strompreis enthalten.

Das Ende der Fahnenstange ist wohl noch nicht erreicht: So hat der Ausbau der Windkraft auf See noch gar nicht richtig begonnen, der mit hohen Einspeisevergütungen angeschoben werden soll. Und tausende weitere Betriebe, die einen hohen Stromverbrauch haben, werden ab 2012 von der EEG-Umlage weitgehend befreit, um sie wettbewerbsfähig zu halten. Die Ökokosten werden also auf weniger Schultern verteilt.

Damit dürfte der Druck zunehmen, die Förderung weiter anzupassen. Denn sonst könnte die Steigerung des Ökostromanteils von derzeit 20 Prozent bis 2020 auf 35 Prozent sehr teuer für die Verbraucher werden. Die Monopolkommission, die die Regierung berät, fordert, dass sich die Ökoenergien schneller in den Markt integrieren, also das man von der 20-jährigen EEG-Subvention wegkommt. Nicht vergessen werden darf aber, dass auch Kohle- und Atomstrom Milliardenförderungen erhalten haben - und Ökostrom verursacht keine Folgekosten.

Viele halten die auf 20 Jahre garantierte Förderung gerade im Bereich der Photovoltaik, wo es bei Dachanlagen 28,74 Cent je kWh gibt, für zu hoch - von Unions-Politikern wie Thomas Bareiß (CDU) wird daher eine Deckelung des jährlichen Neubaus von Anlagen gefordert. Denn die Preise für Module fallen dramatisch. Ein Großteil der Einspeisevergütungen päppelt daher Chinas Solarindustrie auf, die den deutschen Herstellern längst den Rang abgelaufen hat.

dpa

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