391 Millionen Euro Schulden

Insolvenzverfahren für Prokon eröffnet

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Passanten gehen am 15.01.2014 an einer Filiale des Windanlagenfinanzierers Prokon in Hannover (Niedersachsen) vorbei.

Itzehoe - Das Amtsgericht Itzehoe hat das Insolvenzverfahren über das Windanlagen-Unternehmen Prokon eröffnet. 391 Millionen Euro Schulden stünden flüssige Mittel von nur 19 Millionen Euro gegenüber.

Gut drei Monate nach dem Antrag hat das Amtsgericht Itzehoe das Insolvenzverfahren über das Windanlagen-Unternehmen Prokon eröffnet. Das teilte das Insolvenzgericht am Donnerstag mit. Betroffen von dem Verfahren ist die Prokon Regenerative Energien GmbH mit 480 Mitarbeitern. Andere Firmen aus dem Prokon-Bereich mit gut 800 Mitarbeitern sind nicht insolvent.

Die Prokon Regenerative Energien GmbH sei zahlungsunfähig und überschuldet. Forderungen von 391 Millionen Euro stünden flüssige Mittel von 19 Millionen Euro gegenüber. „Es besteht eine Liquiditätsunterdeckung von rund 95 Prozent“, heißt es im Eröffnungsbeschluss. Zum Insolvenzverwalter wurde der Hamburger Rechtsanwalt Dietmar Penzlin bestellt, der diese Funktion bereits vorläufig ausübte. Er will am Freitag den weiteren Gang des Insolvenzverfahrens erläutern.

74 000 Anleger hatten Prokon rund 1,4 Milliarden Euro in Form von kurzfristig kündbarem Genussrechtskapital zur Verfügung gestellt. Davon sind 361 Millionen Euro gekündigt worden. Es war nach dem Insolvenzantrag zunächst rechtlich nicht klar, ob die gekündigten Prokon-Genussrechte Forderungen im Sinne der Insolvenzordnung sind. Das Amtsgericht hat diese Frage nun bejaht und bezieht sich dabei auf mehrere Gutachten von Rechtswissenschaftlern.

Prokon sei darüber hinaus auch überschuldet, weil das Vermögen die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr decke und die Fortführung des Unternehmens nach den Umständen nicht überwiegend wahrscheinlich sei, heißt es im Eröffnungsbeschluss weiter. Das Prokon-Vermögen betrage 1,052 Milliarden Euro, die Verbindlichkeiten dagegen 1,526 Milliarden Euro. Folglich liege eine Vermögensunterdeckung von 474 Millionen Euro vor.

Prokon war 1995 von dem Unternehmer Carsten Rodbertus gegründet worden, um mit Windenergie Ökostrom zu produzieren. Den Anlegern versprach Rodbertus gleichzeitig hohe Renditen bis zu acht Prozent. Zuletzt konnte Prokon jedoch die Zinsverpflichtungen nicht mehr erfüllen und keine Genussrechte von Anlegern mehr zurücknehmen, weil die Liquidität im Unternehmen nicht mehr ausreichte. Verbraucherschützer hatten schon lange vor der Anlage in Genussrechten gewarnt.

Penzlin hatte Rodbertus im Laufe des vorläufigen Insolvenzverfahrens freigestellt, nachdem dieser eine Genossenschaft als Lösung der Probleme ins Spiel gebracht hatte. Eine solche Umwandlung ist während eines Insolvenzverfahrens nicht möglich. Der Verwalter hatte bereits vor mehreren Wochen erklärt, dass die Windparks in Deutschland und Polen weitergeführt werden können. In Medien war über den Verlust von rund 140 Arbeitsplätzen in der Gruppe spekuliert worden. So werde der Vertrieb von neuen Genussrechts-Anteilen komplett eingestellt.

Nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens erhalten die Gläubiger des Unternehmens nun Formulare, mit denen sie ihre Forderungen offiziell anmelden können. Wie hoch die Insolvenzquote sein wird, ist noch völlig offen. Das Geld der Anleger steckt überwiegend in den 54 Windparks mit mehr als 300 Windenergieanlagen und ist deshalb nicht kurzfristig verfügbar. Penzlin könnte versuchen, einige Anlagen zu verkaufen, um so flüssige Mittel in die Kasse zu bekommen.

Als Konsequenz aus der Prokon-Pleite plant die Bundesregierung eine schärfere Regulierung für den sogenannten „Grauen Kapitalmarkt“. Anleger sollen besser vor riskanten Finanzprodukten geschützt werden. So soll die Finanzaufsicht BaFin mehr Kontrollmöglichkeiten erhalten. Auch ein Werbe- oder Vertriebsverbot für zweifelhafte Kapitalanlagen steht in der Diskussion.

Was für ein Unternehmen ist Prokon und wer steht dahinter?

Prokon - die Abkürzung steht für PROjekte und KONzepte - wurde 1995 von Carsten Rodbertus gegründet - mit dem Unternehmensziel, in erneuerbare Energien zu investieren. Zunächst verkaufte Prokon Kommanditanteile an geschlossenen Windparkfonds. Ab 2007 veränderte sich das Geschäftsmodell und Prokon finanzierte sich überwiegend über Genussrechtsanteile von Anlegern. Rodbertus wurde im Laufe des vorläufigen Insolvenzverfahrens vom Verwalter freigestellt.

Was hat Prokon den Anlegern versprochen?

Das Unternehmen warb mit einer hoch verzinsten Anlage in ökologisch orientierte Sachwerte wie Windparks. Dabei erweckte Prokon in der Vergangenheit den Eindruck, die Anlage sei sehr sicher. Als Rendite versprach Prokon seinen Anlegern mindestens sechs Prozent und zahlte auch bis 2013 zuverlässig. Verbraucherberater und Anlegerschützer bewerteten die Prokon-Genussrechte seit Jahren als intransparent und riskant und rieten vom Kauf ab.

Welche Unternehmen sind von dem Insolvenzverfahren betroffen?

Insolvent ist lediglich die Prokon Regenerative Energien GmbH. Die übrigen Unternehmen der Gruppe arbeiten weiter. Die wirtschaftliche Situation der Tochtergesellschaft Prokon Pflanzenöl GmbH in Magdeburg ist nach Angaben des Insolvenzverwalters Dietmar Penzlin stabil; rund 140 Beschäftigte werden 2014 einen Jahresumsatz von rund 200 Millionen Euro erwirtschaften. Daneben hat Prokon in rumänische Wälder investiert und dem Palettenwerk HIT Holzindustrie Torgau einen hohen Kredit gegeben. Aus dem Gerichtsbeschluss zur Insolvenzeröffnung geht nicht hervor, wie werthaltig diese Investments sind.

Was sollten Anleger jetzt machen?

Die Besitzer von Prokon-Genussrechten konnten bislang noch keine Forderungen anmelden. Mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens können sie nun ihre Ansprüche beim Insolvenzverwalter geltend machen. Das Gericht hat dafür eine Frist bis zum 15. September gesetzt. Eine Gläubigerversammlung, in der über den Fortgang des Verfahrens entschieden wird, ist für den 22. Juli angesetzt. Das Gericht geht davon aus, dass die Inhaber der Genussrechte Gläubiger des Unternehmens sind und nicht Miteigentümer. Wegen der sehr speziellen Form der Finanzierung des Unternehmens durch Genussrechte mussten zunächst einige komplexe Rechtsfragen geklärt werden.

Ist das Geld der Anleger ganz oder teilweise verloren?

Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin hat vor einigen Wochen erklärt, dass die Anleger mit Verlusten rechnen müssen, allerdings nicht mit einem Totalverlust. Nach den Erkenntnissen des Gerichts sind die Vermögenswerte des Unternehmens - vor allem sind das die Windparks - weniger wert als das eingezahlte Kapital der Anleger. Das Gericht ermittelte eine Unterdeckung von 474 Millionen Euro. Auf Finanzseiten im Internet spekulieren Bilanzexperten über mögliche Insolvenzquoten, die sich zwischen 35 und 60 Prozent bewegen. Das ist aber ein Stochern im Nebel, weil keine Bilanzzahlen von Prokon vorliegen. Nähere Erkenntnisse sind am Freitag zu erwarten, wenn Penzlin öffentlich den weiteren Gang des Verfahrens erläutert.

dpa

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