Verdi: Keine ernsthafte Suche nach Quelle-Investor

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Wurde nicht ernsthaft nach einem Investor für Quelle gesucht?

Nürnberg - Bei der Suche nach einem Investor für den insolventen Versandhändler Quelle hat nach Gewerkschaftsmeinung der nötige Nachdruck gefehlt.

"Ich habe Zweifel, wie ernst das gemeint war, Primondo als Ganzes zu verkaufen", sagte Verdi-Handelsexperte Johann Rösch am Samstag. "Primondo als Ganzes zu verkaufen bedeutet nämlich, dass all die Perlen mit Quelle zusammen möglicherweise einen negativen Kaufpreis ergeben hätten."

Beim Verkauf einzelner gewinnbringender Gesellschaften der Gruppe stehe am Ende mehr Geld für die Gläubiger zur Verfügung, sagte Rösch. "Beim Insolvenzprozess stellt sich die Frage, ob er mit der nötigen Energie betrieben wurde oder ob es einen Strategiewechsel gab, weil man ohne Quelle eine höhere Insolvenzmasse bekommt."

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Als Konsequenz aus dem "völlig intransparenten" Ablauf forderte er eine Änderung des Insolvenzrechts: "Es dürfen nicht die Interessen der Gläubiger, sondern es müssen die Interessen der Arbeitnehmer im Vordergrund stehen." Auch der Nürnberger DGB-Vorsitzende Stephan Doll forderte eine Änderung des Insolvenzrechts. "Mitarbeiterschutz muss vor Gläubigerschutz gehen", sagte Doll der Deutschen Presse-Agentur dpa. Im Insolvenzverfahren hätten die Beschäftigten keine Rolle gespielt.

Wenn die Rettung eines Unternehmens nicht möglich sei, müssten auch die Beschäftigten Nutzen aus der Insolvenzmasse haben, nicht nur Banken und Gläubiger, sagte Doll. Mit dem Geld müssten Abfindungen und Qualifizierungsmaßnahmen bezahlt werden. "Bei Quelle stehen die Menschen nach 30 Jahren Arbeit von heute auf morgen auf der Straße und bekommen keinen Cent. Das ist ein Skandal."

Rösch forderte, für die betroffenen Mitarbeiter eine notfalls öffentlich finanzierte Auffanggesellschaft einzurichten. Ziel sei es, die Beschäftigten zu qualifizieren und zu vermitteln. Bei der Arcandor-Versandsparte Primondo fällt nach dem endgültigen Aus ein Großteil der 10 500 Arbeitsplätze weg.

Derzeit gebe es viele Fragen, etwa zur Organisation des Abverkaufs oder der Weiterbeschäftigung in den Call-Centern. Außerdem könne Quelle nicht mit einem Schlag aufgelöst werden, ohne die profitablen Auslandsgeschäfte zu gefährden, betonte Rösch. "Bis zur Ablösung des Auslands müssen diese Prozesse hier in Fürth weitergeführt werden." Bei der Trennung von Quelle und Neckermann habe dieser Prozess etwa zwei Jahre gedauert.

"Diese Fragen müssen doch irgendwann beantwortet werden. Hat der Insolvenzverwalter diese Prozesse wirklich alle im Überblick?", sagte Rösch. Die Betriebsrätin des Technischen Kundendienstes Profectis, Gisberta Pirner, berichtete zudem von weniger offensichtlichen Folgen der Quelle-Pleite für die meist weiblichen Mitarbeiter: "Die Banken haben den Kolleginnen und Kollegen nach der Insolvenz sofort den Überziehungskredit gekündigt."

Unterdessen wies Karstadt-Betriebsratschef Hellmut Patzelt Forderungen des Insolvenzverwalters nach weiteren Einsparungen bei den Arbeitnehmern zurück. "Wir verhandeln maximal um die Größenordnungen, die wir 2008 schon mal hatten", sagte Patzelt dem "Tagesspiegel" (Sonntag). Mit dem früheren Konzernchef Thomas Midelhoff hatte Patzelt im vergangenen Jahr Einsparungen bei den Personalkosten von 115 Millionen Euro pro Jahr ausgehandelt. Diese Einigung wurde mit der Insolvenz im Juni 2009 wirkungslos.

Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg fordert in den am Dienstag beginnenden Verhandlungen Einschnitte von 150 Millionen Euro, aufgeteilt auf drei Jahre.

dpa

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