Versicherungen besorgt über niedrige Zinsen

Berlin - Die deutschen Versicherungen sind bislang gut durch die Finanzkrise gekommen. Doch die Lebensversicherer und ihre Kunden leiden immer mehr unter den niedrigen Zinsen. Und die Risiken wachsen.

In der Finanzkrise sei die Niedrigzinspolitik in Europa für die Versicherer “weit schlimmer als jede Abschreibung auf griechische Staatsanleihen“, sagte der Präsident des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV), Rolf-Peter Hoenen, am Donnerstag auf der Jahrestagung der Branche in Berlin. Sie treffe auch diejenigen, die fürs Alter sparten. “Deren Bezüge werden im Ruhestand geringer ausfallen als ohne Niedrigzinsstrategie.“

Auch nach Einschätzung der Rating-Agentur Standard & Poor's müssen sich die Kunden von Lebensversicherungen auf weiter sinkende Gewinnbeteiligungen einrichten. Für 2011 böten die Unternehmen noch eine durchschnittliche Gewinnbeteiligung von 4,1 Prozent. Unter Druck gerieten nun vor allem kleinere, kapitalschwächere Anbieter, hieß es bei S&P.

Hoenen sagte, ein Zahlungsausfall Griechenlands hätte kaum Auswirkungen auf die Versicherer und ihre Kunden. Weniger als 0,3 Prozent des Kapitals seien in griechischen Staatsanleihen angelegt. Nehme man die Staatsanleihen von Portugal, Italien, Irland und Spanien hinzu, betrage der Anteil 3 Prozent. Falls es zu einem Dominoeffekt komme und weitere Länder an den Rand einer Pleite wie Griechenland gerieten, stünden “die Versicherer nicht vorne, sondern weit hinten in der Reihe“.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wies jedoch darauf hin, dass die zehn größten Versicherungsgruppen in Deutschland rund 11,3 Prozent ihres Kapitals in diesen fünf Staaten angelegt hätten. Das Beispiel des US-Versicherungsriesen AIG habe gezeigt, dass es auch systemrelevante Versicherungen geben könne, die der Staat retten müsse. Versicherungen seien in starkem Maße eben auch Finanzinstitute. Das Kerngeschäft, also Prämien und Zahlungen im Versicherungsfall, nannte der Minister unproblematisch.

Hoenen sagte, es gebe sicherlich gute Gründe, die Zinsen künstlich niedrig zu halten. Das helfe den überschuldeten Staaten und den Banken. “Was mich aber stört, ist, dass wir überhaupt keine Debatte mehr über diese Strategie haben“, fügte Hoenen hinzu. Aus Sicht seiner Branche müssten die Politik und die Europäische Zentralbank das Signal geben, “dass es nicht dauerhaft Geld zum Fast-Null-Tarif geben wird. Wir brauchen ein Exit-Szenario aus der aktuellen Zinspolitik.“

Für 2011 rechnet die Branche mit bei den Beitragseinnahmen von 176,7 Milliarden Euro, das wären 1,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Dabei muss der größte Zweig, die Lebensversicherung, die größten Einbußen hinnehmen - minus 5,7 Prozent auf 85,2 Milliarden Euro. Hauptgrund dafür sei ein Rückgang bei den Einmalbeiträgen, die sich nach zwei außerordentlich guten Jahren wieder normalisiert hätten. Bei den privaten Krankenversicherungen (plus 4,9 Prozent) und der Kfz-Versicherung (plus 3,5 Prozent) stiegen die Einnahmen hingegen deutlich. Über alle Sparten hinweg erwartet der GDV 2012 wieder ein kleines Beitragsplus.

Wegen des Klimawandels könnten Sachversicherungen künftig kostspieliger werden. “Sturm- und Hochwasserereignisse werden in Deutschland in Zukunft häufiger vorkommen, schwerer und teurer sein“, sagte Hoenen. “Der Klimawandel ist vor unserer Haustüre angekommen.“

Im Streit um die künftigen Aufsichts- und Eigenkapitalregeln für Versicherer, unter “Solvency II“ bekannt, forderte Hoenen von der EU-Kommission, den Unternehmen zu ermöglichen, Kunden auch weiterhin “Garantien für eine lebenslange Rentenhöhe morgen zu geben“. Die neuen Regeln dürften auch nicht dazu führen, dass kleinere, mittelständische Versicherungen von Global Playern verdrängt würden. Im Zuge von “Solvency II“ müssen Versicherer langfristige Garantieversprechen an ihre Kunden mit mehr Kapital unterlegen als bislang.

dpa

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